Kadavar im Interview: Neukölln über alles


Loser im Backstage

Das ist im Vergleich zu den vorigen Alben eine ganze Ecke roher, dreckiger und auch aggressiver geworden. Für den Sänger und Gitarristen liegt das an der Herangehensweise. „BERLIN war eine richtige Gitarrenplatte“, betont er, „Bass und Schlagzeug waren ziemlich weit im Hintergrund. Das tat mir auch für Simon total leid, weil der einige unfassbare Sachen auf seinem Bass gespielt hat. Deswegen wollte ich diesmal, dass Schlagzeug und Bass total laut sind und danach erst die Gitarre kommt. Wie in den späten 60ern eben: Eine brachial laute Rhythmusgruppe und die Gitarre dahinter.“ Recht ungewöhnliche Entscheidung für einen Frontmann, der singt und gleichzeitig Gitarre spielt. Lindemann winkt ab. „Wenn etwas dem Sound der Platte dient, bin ich zu allem bereit. Außerdem stehe ich ohnehin nicht so gern im Vordergrund.“

In diesem Satz steckt viel von der Essenz dieser besonderen Band. Kadavar sind keine aufgeblasenen Gockel, die elitär durch ihr Viertel spazieren oder auf Tour den Rockstar raushängen lassen. Es sind drei eng befreundete Musiker, die wissen, dass es mit dem Erfolg jederzeit wieder vorbei sein kann. „Kein Festivalveranstalter oder Club-Besitzer will eine besoffene Band auf der Bühne oder im Backstage haben“, gibt der Sänger zu bedenken. „Das haben wir auf unserer allerersten Tour aus lauter Übermut gemacht, aber danach nie wieder. Seitdem gilt für Kadavar ein einfaches Credo: „Loser im Backstage – und Bosse auf der Bühne“, meint Lindemann und grinst breit. Er weiß, wovon er spricht: Kadavar gehören aktuell zu den besten Live-Bands der deutschen Rock-Welt. So einen Ruf erarbeitet man sich nicht über Nacht. Aber man kann ihn über Nacht ruinieren. Jedes Mal Vollgas, jedes Mal unbändige, schier ekstatische Spielfreude, jedes Mal ein Christoph Bartelt, der hinter den Drums zum Tier wird. „Für mich hat das nichts mit Show zu tun“, legt er dar. „Wenn ich meinen Körper im Rhythmus bewege, kann ich die Musik einfach auf einem ganz anderen Level fühlen.“ Gut, der eine oder andere auf seine Haare gerichtete Ventilator schadet dabei auch nicht.

Natürlich haben Kadavar ROUGH TIMES live im Studio aufgenommen. „Wir hatten die Prämisse, dass wir jeden Song nur dreimal spielen. Drei Takes“, so Lindemann, „dann wird der beste davon ausgewählt. Das alles klingt dann natürlich relativ roh, hier und da ist auch noch ein Fehler drin; aber dann ist das eben so. Dafür lebt es. Eine richtige Momentaufnahme.“ Nach eigenen Aussagen wollten Kadavar endlich mal so brachial und dreckig klingen wie bei ihren Konzerten. Und genau das schaffen sie mit Bravour. Dem neuen Studio, aber auch der neuen Attitüde sei Dank. „Es ist kein Druck mehr da“, sind sich beide sicher. „Diesmal“, so Bartelt, „war uns irgendwie alles egal. Die Songs sind enorm breit gefächert, von Doom bis Country ist so ziemlich alles dabei. Manch einer mag jetzt sagen, wie man so was nur zusammen auf eine Platte packen kann, doch für uns war es irgendwie sinnig.“ Er grinst in seinen Bart hinein, streckt die langen Beine aus.

Das Rocker-Baby

Wieder vor der Tür, lassen wir uns abermals vom Trubel, vom Treiben und von den Eindrücken der Sonnenallee schlucken. Seit einiger Zeit leben alle drei von der Band, Lindemann muss nicht mehr bis in die frühen Morgenstunden in Kneipen hinter der Theke stehen. „So gern ich selbst in Kneipen gehe – arbeiten muss ich da nicht mehr“, lacht er. Man kann und muss ja auch nicht immer alles mitnehmen. Und überhaupt: Für eine Bande Rocker um die 30 haben Kadavar ohnehin schon eine beachtliche Wegstrecke hinter sich gebracht. Sieben Jahre durchgedrücktes Gaspedal, die im Herbst bei einer großen Tournee mit Mantar als Support fortgesetzt werden. Für Schlagzeuger Bartelt wird das durchaus eine Herausforderung bedeuten. Erst vor wenigen Wochen kam seine Tochter zur Welt, bis auf vereinzelte Auftritte konnte er jede Menge Zeit mit ihr verbringen. „Das wird schon schwer“, gibt er offen zu, „aber ich freue mich dennoch auf die Tour.“ Stolz fügt er an: „Ich bin nur sehr froh, dass sie so gutes Timing bei ihrer Geburt hatte. So habe ich immerhin die ersten Wochen voll mitbekommen. Ein echtes Rocker-Baby.“ Sein Kollege fügt an: „In den letzten Jahren haben wir uns einiges aufgebaut, da kann man auch mal ein kleines bisschen zurückfahren. Und damit meine ich natürlich: im Kadavar-Stil zurückfahren. Wir werden also auch weiterhin sehr viel touren.“

Wenn sie von ihren Reisen zurückkommen, werden sie wieder eintauchen in diesen Rausch namens Neukölln. Berlin kann man gewiss vieles vorwerfen. Dass es nicht genug Ikonen hervorbringt, gehört nicht dazu. Die Leute hinter Kadavar hätten sicher auch in anderer Form oder in anderer Ausprägung Musik gemacht. Dass dieser furiose Sound dabei herauskommt, ist einzig und allein ihrem Aufeinandertreffen in Berlin zu verdanken. Man könnte auch sagen: ihrer Kollision. ROUGH TIMES ist ein eindrucksvolles Dokument ihres Status quo – und zugleich ihr bisher ernstestes Album. „Die Welt ist in einem sehr schlechten Zustand, doch es ist noch längst nicht das Ende der Fahnenstange“, ist sich Lindemann sicher. „Wenn wir nicht aufpassen, weiter wegschauen und die Errungenschaften der letzten 20 Jahre nicht schützen, geht alles kaputt.“ Wo kann man sich diese Worte besser vor Augen führen als in der Sonnenallee? Einst eine Straße in zwei Ländern, heute ein Vielvölkerstaat: Mit eigenen Problemen, vor allem aber mit viel Verve, Identität und ruppiger Herzlichkeit. Wir wiederholen uns gern: Kein Wunder, dass sich Kadavar hier so wohlfühlen.