Kadavar im Interview: Neukölln über alles

„Die Berliner sind unfreundlich und rücksichtslos, ruppig und rechthaberisch, Berlin ist abstoßend, laut, dreckig und grau, Baustellen und verstopfte Straßen, wo man geht und steht – aber mir tun alle Menschen leid, die nicht hier leben können!“ (Anneliese Bödecker)

Der Aufstieg einer der besten jungen Rock-Bands dieses Landes ist untrennbar mit Berlin verbunden. Mit Licht und Schatten der Hauptstadt, mit den ungeahnten Möglichkeiten und klaffenden Abgründen. Auf ihrem vierten Album ROUGH TIMES drehen Kadavar Bass und Schlagzeug besorgniserregend stark auf, adressieren die Lage der Nation – und schreiben die erfolgreichste deutsche Classic-Rock-Geschichte der Neuzeit laut, dröhnend und mit dem richtigen Quäntchen „Fuck off!“-Attitüde fort. Woher die kommt, fand CLASSIC ROCK bei einem exklusiven Besuch in ihrer Neuköllner Heimat heraus.

Sie ist eine Welt für sich, die Sonnenallee. Von ihren knapp fünf Kilometern Länge durchschneidet sie auf glatten viereinhalb den Bezirk Neukölln, der Rest liegt in Treptow-Köpenick. Nicht zuletzt durch Leander Haußmanns gleichnamige Komödie von 1999, in der sich einige Abiturienten zwischen NVA und den Stones entscheiden müssen, wurde die Sonnenallee zur wohl berühmtesten geteilten Straße der deutsch-deutschen Vergangenheit. Von der DDR ist hier nicht mehr viel zu spüren. Heute nennt man die Sonnenallee schon mal arabische Straße, es gibt orientalische Backwaren, Shisha-Bars, syrische Restaurants. 4.500 Meter, die Berlin als das zeigen, was es ist: Ein vor Leben überschäumender Ort, ein Schmelztiegel der Nationen, Kulturen, Stände und fragwürdigen Modeentscheidungen. Nicht immer schön, manchmal dreckig, oft laut, immer aber herzlich und echt.

Kein Wunder, dass sich eine Band wie Kadavar hier wohlfühlt. Seit die erfolgreichsten deutschen Vertreter der Classic-Rock-Renaissance ihren Aufstieg 2012 mit dem selbstbetitelten Debüt begannen, ist eine Menge passiert. Mit drei Alben tourte das Trio um die Welt, spielte in den Staaten, auf dem Wacken, in ganz Europa. Die beiden Christophs der Band, Sänger und Gitarrist Christoph „Lupus“ Lindemann sowie Schlagzeuger Christoph „Tiger“ Bartelt stehen unter einer Unterführung, gekleidet, als würde es gleich auf die Bühne gehen. Bartelt, ohnehin auffällig groß, mit extrem enger Hose, Hosenträgern und kurzer Weste, Lindemann ge­­schmacksicher mit Electric-Wizard-Shirt. Beide kamen vor über zehn Jahren in die Hauptstadt, Lindemann aus Thüringen und Bartelt aus Münster. „In Thüringen habe ich mich schon an einem Fließband in einer Fabrik enden sehen“, so der Sänger. „Ich wusste, dass ich früher oder später weg musste.“ Bei Bartelt war es nicht ganz so ernst, dennoch hielt er die westfälische Provinz irgendwann nicht mehr aus.

Ein Herz für den Kiez

An der Universität lernten sie sich kennen, lärmten vor Kadavar noch in einem wüsten Crust-Punk-Moloch. Bis auf den 2013 dazugekommenen Bassisten Simon „Dragon“ Bouteloup wohnen sie alle hier in Neukölln, jetzt haben sie sich auf einem reichlich derangierten und charmant verwahrlosten Gelände auch ein Studio gebaut. Warum ausgerechnet hier? Lindemann muss nicht lange überlegen: „Neukölln ist laut, dreckig, roh. Ein Topf verschiedenster Menschen und Geschichten, der natürlich interessant, aber eben auch teilweise schwierig ist.“ Schwierig sei aber vor allem die Berichterstattung der Boulevardmedien, schränkt Schlagzeuger Bartelt ein. Die stürze sich immer auf die Probleme und missachte dabei, dass Neukölln ein natürlich gewachsener Bezirk sei. „Ich gehe zehnmal lieber in eine der Kiezkneipen hier als für ein Bier das Doppelte in einer der Hipster-Bars hinzublättern“, meint er. „Die wollen doch gar nichts zum Viertel beitragen und machen nur das, was gerade angesagt ist.“

Was ihre Schnauze angeht, sind die beiden schon waschechte Berliner. Sie fühlen sich sichtlich wohl hier, wie sie zwischen all den anderen Gestalten über die unprätentiöse Sonnenallee ziehen. Hier lenken Typen wie diese beiden keine Blicke auf sich. Hier kennt man ganz anderes. Das war in Berlin schon immer so. Bowie und Iggy Pop erfuhren das in Schöneberg, Nick Cave in Kreuzberg. Jetzt eben Kadavar in Neukölln. Mittlerweile haben sie sich eine erstaunliche Karriere aufgebaut, die ohne Rückschläge und größere Katastrophen auskam – auch das geht in Berlin. „Die meisten lassen sich erst mal von Berlin schlucken“, meint Lindemann bei einem kurzen, aber unvermeidlichen Späti-Zwischenstopp. „Erst mal abstürzen, feiern und überall nur noch zu spät kommen.“ Für Kadavar kam das nie in Frage. Ihr Alltag lässt das heute auch gar nicht mehr zu. Das Trio verbringt einen nicht unerheblichen Teil des Jahres auf Tourneen oder Festivals, hat weder die Zeit noch die Muße, sich dazwischen tagelang vom Nachtleben schlucken zu lassen. Lieber kümmern sie sich um ihre Band, machen schon jetzt viel selbst. Zwar bei Nuclear Blast unter Vertrag, sind die drei doch Herr ihrer Entscheidungen geblieben, lassen sich ungern bis gar nicht reinreden. „Langfristig bringt das doch nichts“, stellt Schlagzeuger Bartelt bei einer Einkehr in den Rixdorfer Bierstuben klar. Bier zwei Euro, am Aktionstag eins fünfzig. Dazu Spielautomaten, Memorabilia, rauchschwere Luft. Kiezkneipe eben, kauziger Wirt inklusive. Und weil Kadavar lieber einen Schritt nach dem anderen gehen, natürlich wachsen und nichts überstürzen, überwachen sie die eigene Progression mit Adleraugen.

Hier Rock, nebenan Techno

Zu dieser Einstellung passt auch das neue Studio, das die Band eigenhändig aufgebaut hat. Im ehemaligen Atelier eines verschroben nen Künstlers, mit einem halblegalen Techno-Club direkt nebenan auf derselben Etage und Autoschrauber-Butzen unten an der Straße – archetypischer Berlin geht nun wirklich nicht. Lindemann und Bartelt erklimmen die Treppe in den dritten Stock, seit fast zwei Wochen waren sie nicht mehr hier. Vor dem Studio türmen sich die Überreste der einen oder anderen langen Partynacht im Club gegenüber. Sie räumen nonchalant die Tür frei, hier stört sich niemand daran. „Wir haben sogar schon mal in dem Club gespielt“, meint Lindemann beiläufig, dann betreten wir das neue Reich der Band. Noch bevor eine Note des neuen Albums ROUGH TIMES geschrieben wurde, bauten die drei die Räumlichkeiten ganz nach ihren Vorstellungen um. Lager, Aufnahmestudio mit frei beweglichen Raumteilern, Regieraum, Klo. Eine kleine Küche soll noch folgen, doch schon jetzt lässt es sich hier hervorragend arbeiten.

„Irgendwann haben wir endgültig festgestellt, dass unser altes Studio nicht mehr ausreicht“, so Lindemann. „Es war erstens viel zu weit weg von uns, war zweitens viel zu klein und drittens vollgestopft mit Equipment. Uns war klar, dass wir an diesem Ort weder Songs schreiben, noch aufnehmen konnten, also haben wir uns was Neues gesucht.“ Die Feuchte im alten Studio beschleunigte den Entscheidungsprozess, das neue Studio wurde tatsächlich über eine Annonce gefunden. Wie in der guten alten Zeit. „Wir machten aus einem großen Raum vier einzelne Räume, haben Stromleitungen selbst verlegt, Wände eingezogen und waren vier Monate lang täglich als Handwerker unterwegs. Anfang des Jahres sind wir dann umgezogen und haben ROUGH TIMES innerhalb von zwei Monaten geschrieben.“ Der Bau des Studios gehörte zum Prozess der neuen Platte, betont Schlagzeuger Bartelt. „Alles fing mit einem weißen Raum an – und ein halbes Jahr später kam dieses Album dabei heraus.“