The Australian Pink Floyd Show: Berlin, Tempodrom

03_The-Australian_Pink_Floyd_Show_2010_FotSkorpioFunktioniert und macht Laune: Versierte Musikhandwerker als demütige Arbeiter im Weinberg Pink Floyds.

Die Roger-Waters-Stimme ist kurz vorm Kippen. Dieses charakteristische brüchige Quengeln des Masterminds von Pink Floyd, wenn die Tonlage hoch und die Intensität dringlich wird, durchschneidet die Luft und kitzelt an den Nackenhärchen. Es ist fast wie auf Platte. Es ist seltsam.

Ein ganzer Konzertgeschäftszweig ist um das Wesen der Tribute-Bands entstanden, Truppen von versierten Musikhandwerkern, die das Oeuvre bevorzugt von Progressive-Rockern der Siebziger penibel und ohne interpretatorischen Freiraum nachspielen, notengenau wie Beethoven-Symphonien. Diverse Queens, Yes’ und Genesise touren um die Welt, am erfolgreich-sten aber „funktionieren“ Pink-Floyd-Wiedergänger – wohl auch, weil Pink Floyd mehr als andere Musik und Akteure trennten und Personenkult vermieden.

Und so wirkt es beim Konzert der seit 1988 aktiven Australian Pink Floyd Show kurios, wenn da nicht nur jedes Solo weitgehend exakt kopiert wird (zwei Gitarristen teilen sich die Eskapaden von David Gilmour auf) und Details wie die stumpfe Kuhglocke am Ende von ›Pigs (Three Different Ones)‹ genau sitzen, sondern eben auch noch die Sänger die Singstimmen der ­Originale nachempfinden, ja: imitieren. Der Waters-Quengler kommt von einem gewissen Ian Cattell, der zwei Songs später vorführt, dass er auch den Gilmour „kann“.

In solchen Momenten wird man mit der Nase darauf gestoßen, dass hier musikalische Mimikry abläuft, die Nachahmung von etwas, das in den Köpfen und Plattensammlungen der Anwesenden – etwa 2.500 Menschen großteils reiferer Altersstufen füllen das Tempodrom – abgespeichert ist. Ein quasi musealer Live-Akt, der aber durchaus Laune macht.

Die sechs Musiker plus drei Chorsängerinnen ge-ben sich sehr respektvoll vor den Originalen. Sie schaffen es eindrucksvoll, deren Live-Kraft spürbar zu machen – orientiert an dem süffigen Bombastrock-Verständnis, wie es die von David Gilmour angeführte Waterslose letzte Floyd-Inkarnation von Mitte der Achtziger bis zur DIVISION BELL-Tour 1994 prägte. Ein großer Teil der Song-Auswahl der Australier deckt sich mit dem Best-Of-Programm dieser letzten Floyd-Tourneen, mit Schwerpunkten auf den „großen“ Alben DARK SIDE OF THE MOON, WISH YOU WERE HERE und THE WALL. Dazu gibt’s delikaterweise aber auch Songs von den damals von Gilmour ausgesparten, Waters-dominierten Alben ANIMALS (›Sheep‹, großartig!) und THE FINAL CUT.

Ist das hier Sakrileg? Absurdität? Keineswegs: „It’s show business!“ Und die Australier verstehen sich wohl sehr richtig als eine Mischung aus Musikdienst­leistern und demütigen Arbeitern in Weinberg von Pink Floyd, die der darbenden Gemeinde das Manna ­bringen.

Wie hatte sich Ian Cattell in die Verschnaufpause zwischen den zwei langen Sets verabschiedet? „We’ll take a short break – and then we’ll play some more Pink Floyd for you.“
Gerne mehr.

Niels Verlehn