…And You Will Know us By The Trail Of Dead – Jenseits des Regenbogens

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Konzerte, bei denen jeder alles spielt, zerlegte Bühnen und glorreiche Exzesse: Wer die US-Alternative-Rocker mit dem unhandlichen Namen je live erlebt hat, dürfte sie so schnell nicht vergessen. Mit ihrem siebten Album TAO OF THE DEAD machen …And You Will Know Us By The Trail Of Dead sich endlich wieder Ehre – ohne Tote, ohne Grenzen.

Renaissance-Menschen, Katzenliebhaber, Mystiker, Punkrock-Prinzen – wie beschreibt man Trail Of Dead anno 2011 am besten? „‚Dreckige Schwanzlutscher‘ passt ganz gut, glaube ich“, grunzt Sänger, Gitarrist, Schlagzeuger und Pianist Conrad Keely. Er und Schlagzeuger, Gitarrist und Mitsänger Jason Reece sind die Keimzelle von Trail Of Dead und seit 1993 so dicke, dass sie einander blind verstehen. „Ein befreundeter Biologe hat unsere Kommunikationsweise mit der von Bienen verglichen“, bestätigt Keely: „Die tauschen ihre Signale über Pheromone aus.“

Insektenzäh haben die Zwei auch alles überdauert, was nach dem dritten Album SOURCE TAGS AND CODES (2002) an Unbilden über Trail Of Dead hereinbrach – von den Erwartungen einer Major-Plattenfirma (hätten sie nicht wenigstens so groß wie Muse werden können?) bis zu Ausfällen im eigenen Lager (2004 flog Bassist Neil Busch wegen „erheblicher Gesundheitsprobleme“ alias Heroin raus).

PROG? WER? WIR?
Beim Hausputz für THE CENTURY OF SELF (2009) haben Trail Of Dead ihre Flügel wiedergefunden – und mit dem kaleidoskopisch wirbelnden TAO OF THE DEAD hebt das Quintett jetzt ab. Für Keely ist die Neue der Soundtrack zu einem Science-Fiction-Epos: „Wir wollten schon immer Soundtracks schreiben“, sagt er, „nur kriegen wir keine Angebote. Also mussten wir uns den Film dazudenken. Tatsächlich spielt ein Kaleidoskop darin eine Rolle – ein Medaillon, in dem Seelen gefangen sind.“

Das Artefakt heißt ›The Fairlight Pendant‹ – benannt nach dem ersten Digital-Sampler, der im Prog Rock der Frühachtziger nicht fehlen durfte. Überhaupt ist Prog das Stichwort: TAO OF THE DEAD ist eine elaborierte Komposition in 16 Sätzen und zwei Akten, deren längerer Teil eins in D und der zweite, kürzere (ein „Satellit“ wie bei Pink Floyds MEDDLE) in F geschrieben wurde. Kompliziert? Nicht wirklich. „Denk dir zwei Kurven“, veranschaulicht Keely, „die aus Mosaiksteinen bestehen. Wie ein doppelter Regenbogen.“ Alle Songs funktionieren auch einzeln, aber erst zusammen ent­wickeln sie ihren Charme. Etwa, wenn im ›Summer Of All Dead Souls‹ kurz die Beatles und Oasis aufflattern, die Band Fahrt aufnimmt und ›Cover The Days Like A Tidal Wave‹ wie mit japanischer Tusche hinwirft, so grob und subtil zugleich.

Im 16-minütigen Teil zwei (›Strange News From Another Planet‹) hat man es dann mit einer veritablen Prog-Oper zu tun. „Genesis, Yes, Steve Hillage und Rush waren Pfeiler meiner musikalischen Sozialisation“, gibt Keely zu. „Während wir die Songs schrieben, habe ich den anderen immer wieder ›Dancing With A Moonlit Knight‹ vorgespielt (vom Genesis-Album SELLING ENGLAND BY THE POUND – Anm.d.A.). Trotzdem möchte ich nicht, dass man uns für Prog um des Prog Rocks Willen hält. Obwohl das natürlich stimmt.“

SPIELE OHNE GRENZEN
Alles so schön bunt hier: Fast meint man, die Songs von TAO OF DEAD hätten ihre eigenen Farben, Formen, Gerüche. Sind Trail Of Dead eigentlich Synästhetiker? „Ich glaube“, sagt Keely, „bis zu einem gewissen Grad hat jeder Synästhesie. Sie verstellt mir nicht den Blick auf die Wirklichkeit, aber sie erlaubt mir, Musik auch in anderen Formen als nur dem reinen Klang wahrzunehmen. Das Arrangieren vergleiche ich deshalb oft mit dem Kartografieren: Wir malen eine Landkarte und lassen die Hörer unserem Orientierungssinn vertrauen.“

Eines der geradlinigeren, an den Postrock der frühen Jahre erinnernden Stücke heißt ›Pure Radio Cosplay‹. Kennt man Cosplay (kostümiertes Rollenspiel) nicht eher von Anime- und Manga-Fans? „Wir alle verkleiden uns“, kontert der Sänger. „Und Musiker häufiger denn je! Rock ist zu einer Institution geworden, deren Konventionen wir scheinbar klaglos gefressen haben; jedenfalls werden sie heute kaum noch hinterfragt. Die ganzen ‚Looks‘ stehen für Archetypen, auf die man sich vor langer Zeit geeinigt hat. Denk an Genesis: Die haben das Cosplay für Musiker auf ein bis dahin ungekanntes Niveau gehoben. Ich fürchte – und das inspirierte uns zu dem Song –, dass es heute für viele Musiker wichtiger ist, sich zu verkleiden, als aus innerem Drang heraus Musik zu machen.“

Trail Of Dead haben keine speziellen Bühnenklamotten, und doch schreien ihre schlicht-schwarzen Outfits deshalb nicht weniger vernehmlich ‚Rockband‘ – ein Modell, das Keely im Grunde fad geworden ist. „Bands interessieren mich generell nicht besonders“, schnappt er. „Was nicht heißt, dass ich keinen Spaß an guten Alben hätte; ein Album wird mir immer mehr bedeuten als die Musiker, die gerade zufällig dahinter stecken.“

EINMALEINS FÜR DEMIURGEN
Der Sohn einer irischen Mutter und eines thailändischen Vaters hat 2007 sein Haus in Texas für ein Wohnklo in Brooklyn getauscht – eine Umgebung, die ihn augenscheinlich noch frecher gemacht hat. „Als ich jünger war“, sagt er, „neigte ich dazu, die Stile zu kopieren, die ich um mich herum sah. New York hat mir hingegen gezeigt, dass es nicht reicht, zu kopieren – als Künstler musst du klauen, und zwar dreist und straffrei. Unsere Vorstellungen von Eigentum sollten neu definiert werden, jetzt, wo ‚Besitz‘ schon mit einer virtuellen Konversation die Hände wechseln kann.“

Die Hauptinspiration der neuen Platte fand sich allerdings nicht online, sondern im Bücherschrank: das Tao Te King, eine Sammlung von 81 Spruchkapiteln, die angeblich auf den chinesischen Weisen Lao Tse aus dem 6. Jahrhundert v. Chr. zurückgehen. Dessen Existenz ist ungewiss – sicher ist nur, dass die Sätze des Tao Te King die chinesische Philosophie entscheidend geprägt haben. Seit dem 19. Jahrhundert wird es in einer wachsenden Flut von Übersetzungen auch im Westen gelesen, der ihm Begriffe wie Wu Wei (Nichthandeln) und den ‚Weg des Wassers‘ verdankt. „Wobei die Lektüre des Tao bei mir mit anderem reagierte, das ich zu der Zeit las“, sagt Keely. „Baltasar Gracian zum Beispiel (spanischer Jesuit und Autor von „Handorakel und Kunst der Weltklugheit“, 1601-1658 – Anm.d.A.). Ich denke, das Tao Te King wird oft als religiöser Text missverstanden. Dabei ist es mehr ein praktisches Handbuch.“ So klingt etwa die in Kapitel 57 geborgte Textzeile „You Rule By Being Just, And Wage War With Surprise“ bei Lao Tse, Sun Tsu, Machiavelli oder Trail Of Dead erstaunlich ähnlich.

Dazu passt, was Keely dem US-Magazin „Spin“ sagte, als er 2009 seine mit Kunst und Kitsch vollgestopfte New Yorker Höhle öffnete: Künstler seien Weltenbauer. Welche Verantwortung ergeht daraus für seine Schöpfung? „Ich muss Gott spielen, und Gott muss rücksichtslos und grausam sein. Nicht, dass er alles zerstört, aber er stellt seiner Schöpfung ab und zu das Bein. Mit ein bisschen Glück verkraftet sie das sogar.“

Melanie Aschenbrenner

Q&A

Trail Of Dead-Sänger Conrad Keely (38) ist Multiinstrumentalist, bildender Künstler (sein erster Berufswunsch war Zeichner bei Marvel Comics), Schriftsteller und Tausendsassa – und unser Entweder/Oder ist ihm eindeutig zu wenig:

Don Carlo Gesualdo oder John Dowland?
Unter den Komponisten Alter Musik? Michael Praetorius. (1571-1621)

Eartha Kitt oder Diana Ross?
Schwarze Soulsängerinnen? Billie Holiday.

Devo oder Kraftwerk?
Kraftwerk.

Giacometti oder Michelangelo?
Als Bildhauer? Da nehme ich lieber Jean-Baptiste Carpeaux (1827-1875).

Jackson Pollock oder Fra Angelico?
Maxfield Parrish. Für Jackson Pollock habe ich einen ganz besonderen Platz in der Hölle reserviert – einen, wo er in alle Ewigkeit seine eigenen Gemälde anstarren muss.

Bach oder Beethoven?
Johann Sebastian Bach!

iPad oder Schmierpapier?
Moleskine. Wenn das Notizbuch wertvoll ist, behandle ich es wenigstens sorgfältig genug, um es am Ende in meine Sammlung stellen zu können.

SOURCE TAGS AND CODES oder TAO OF THE DEAD?
Als Advokat des Teufels würde ich sagen: SO DIVIDED (2006).