Tori Amos – Intuition einer Elfe

Sie war noch nie jemand, der es sich bereitwillig in einer vorgefertigten Schublade bequem machen wollte. Tori Amos hat sich stattdessen ihre ganz eigene geschnitzt, nach und nach feine Verzierungen aus dem groben Block herausgearbeitet. Auf ihrem Album NIGHT OF HUNTERS widmet sie sich nicht nur musikalischen Details, sondern will auch zwischenmenschliche Probleme lösen.

04_Tori-Amos_Night-of-Hunters-Tour-2011Tori, NIGHTER OF HUNTERS ist ein Song­zyklus in der Manier von Schuberts Win­ter­­reise. Allerdings mit einer modernen Story: Eine Frau, die ihrer ehelichen Tristesse mit einer Affäre entkommen will, hat eine Erleuchtung und rettet nicht nur ihre Be­­ziehung, sondern auch die Welt. Versuchst du dich hier als Eheberaterin?
Warum nicht? Ich habe eine zehnjährige Tochter namens Natashya. Es ist unglaublich, wie viele Freundinnen sie hat, deren Eltern sich scheiden haben lassen. Die meisten Kids verstehen nicht, warum es überhaupt so weit gekommen ist, weshalb Mama und Papa nicht schon vor Jahren etwas gegen ihre Probleme unternommen haben.
Und das ist es, worum es hier geht: Ich will diesen Instinkt auslösen, dass die Leute retten, was zu retten ist. Wobei die Eingebung der Hauptperson dafür steht, aus allzu ver­­trauten Bahnen auszubrechen, sich zu öffnen und mal ganz tief in den emotionalen Bereich einer Beziehung vorzudringen. Sprich: ihn genau zu untersuchen, die Unstimmigkeiten herauszukristallisieren und entsprechend zu reagieren. Sie sollen sich ihnen stellen, daran arbeiten und verändern, was zu verändern ist – statt in Lethargie zu verfallen bzw. irgendwann aufzuwachen und das Gefühl zu haben, sein Leben für jemand anderen geopfert zu haben. Für jemanden, der einem nichts zurückgibt.

Was du in ›Job’s Coffin‹ als eine typisch weib­liche Angewohnheit darstellst…
Ja. Und ehrlich: Ich weiß wirklich nicht, warum wir so reagieren. Also warum wir uns immer so unterordnen und so tun, als wäre Selbstaufgabe und Kompromissbereitschaft ein und dasselbe. Das sind sie nicht. Und wir Frauen müssen endlich aufhören, uns selbst anzulügen.

Und du, hast du den Schlüssel zur perfekten Partnerschaft gefunden – oder therapierst du dich hier auch ein Stück weit selbst?
Nun, hier sind sicherlich etliche Erfahrungen eingeflossen, die mein Mann und ich in den vergangenen 16 Jahren gemacht haben. Im Positiven wie im Negativen. Jedenfalls sind wir immer noch zusammen, und wir haben – das hoffe ich – auch nicht vor, uns in absehbarer Zeit zu trennen. Und das, obwohl wir zusammen arbeiten, zusammen leben und versuchen, gemeinsam Eltern zu sein. Was nicht immer leicht ist, weil man bei Letzterem ja immer vernünftig zu sein hat. Nach dem Motto: In diesem Alter können wir uns keine Ausrutscher und keine Verantwortungslosigkeit mehr erlauben. Was ich sehr bedauerlich finde. (lacht) Und deshalb kann ich die Figuren auf dem neuen Album – also sowohl den Mann wie auch die Frau – gut verstehen. Es geht hier zwar nicht um mich und meine Ehe, aber ein bisschen was davon ist auf jeden Fall im Spiel.

Du hast inzwischen über 30 Jahre in den Fängen der Musikindustrie verbracht und gehst, um mal ganz uncharmant zu sein, stramm auf die 50 zu. Hast du Angst davor?
Ja, gebt mir meinen Stock. (lacht) Helft Großmutter auf die Beine. Aber seien wir ehrlich: Was soll ich dagegen tun? Wenn es eine Sache im Leben gibt, vor der man nicht weglaufen kann, dann ist es die Zeit.

Wie hat sich die Branche denn verändert?
Veränderungen passieren – ob man will oder nicht. Und einige davon sind positiv, andere nicht. Diese schrecklichen 360-Grad-Deals z.B., die überall eingeführt werden. Dadurch werden die Plattenfirmen auch an den Live- und Merchandise-Einnahmen beteiligt. Ich wüsste nicht, wie man das rechtfertigen könnte. Das halte ich für genauso schlimm wie diese ganzen Reality-TV-Shows, in denen Künstler regelrecht verheizt werden. Und einige dieser Verträge, die da gerade auf beiden Seiten des Atlantiks eingeführt werden, sind in höchstem Maße unmoralisch, geradezu diabolisch. Weshalb ich mich glücklich schätze, dass ich so etwas nie unterschreiben musste. Aber ich weiß eben auch nicht, wie die Leute, die so etwas anbieten, das vor sich selbst vertreten können. Sicher, mir ist klar, dass es vielen Labels schlecht geht, weil kaum noch Geld mit Albumverkäufen verdient werden kann und Piraterie ein riesiges Problem darstellt. Nur: Das ist nicht die Art, wie man dagegen vorgehen sollte – sondern eine echte Schande. Ich kenne so viele junge Musiker, die in diese Falle getappt sind, weil sie überhaupt nicht wussten, was sie da unterschreiben. Oder – was noch viel schlimmer ist – sich gesagt haben: „Ich habe ja keine andere Wahl.“ Und das darf einfach nicht sein. Es muss andere Optionen geben.

Du selbst bist jetzt bei Deutsche Grammo­phon gelandet, einem reinen Klassik-Label. Ist das ein angenehmeres Arbeiten?
Nun, es ist zumindest angenehm, hier mit einem Team von Leuten zu arbeiten, die Ahnung von Musik haben. Bei den meisten Labels kennen die Leute nur die Künstler, mit denen sie aktuell arbeiten oder die sie persönlich mögen, aber eben auch nicht mehr. Da gibt es nur wenig All­­gemeinwissen, und es wird auch nicht über den berühmten Tellerrand geschaut. Wenn du es zum Beispiel mit einem Heavy Metal-Label zu tun hast, kannst du zu 99,9 Prozent davon aus­­gehen, dass die Mitarbeiter dort für nichts an­­deres offen sind oder sich mit nichts anderem auskennen. Was einfach schade ist. Bei meinem Klassik-Label habe ich die Erfahrung gemacht, dass die Angestellten den eigenen Katalog ken­­nen, die Komponisten, aber auch musik­­histo­­risch bewandert sind. Das ist unglaublich er­­frischend.

Willst du in Zukunft mal das Management deiner Tochter übernehmen, die ja auch musikalische Ambitionen hat?
(lacht) Sie hat schon mit Neun erkannt, dass sie eine Bluessängerin ist. Sie sagte zu mir: „Mama, ich habe den Blues entdeckt, und er steckt ganz tief in mir.“ Worauf ich nur antworten konnte: „Schatz, ich habe keine Ahnung, wo das herkommt, aber das ist etwas, was du hegen und pflegen musst.“ Denn sie hat definitiv das gewisse Etwas. Deshalb hat sie im vergangenen Jahr auch an der Sylvia Young Performing Arts School vorgesprochen und ist wegen ihres schauspielerischen Talents angenommen worden. Ich denke, das ist die Richtung, in die sie später gehen wird. Aber: Sie wird nie einen 360-Grad-Deal unterschreiben.