Rock of Ages: mit Foreigner, Axxis, Gotthard, Jane etc.

Foreigner 1 @ Detlef DenglerFriede, Freude, Hippie-Flair in schwäbischer Provinz – mit betrüblichem Abschluss.

Ein bekanntes Schwaben-Motto lautet: „Wir können alles außer hochdeutsch“. Das ist an diesem Wochenende durchaus richtig: Die Organisation eines Festivals mit hohem Wohlfühlfaktor jedenfalls haben die Macher des Rock Of Ages jedenfalls perfekt drauf. Es gibt saubere Toiletten, ein wunderschönes Gelände, durchweg Top-Sound, eine riesige Bühne, ein abgetrenntes Areal mit Hüpfburg für die Kleinsten, dazu ein Bierzelt, Festbänke unter Sonnen­schirmen plus lange Spielzeiten für die Bands. Kurz: Wer einmal in Seebronn beim Rock Of Ages war, kommt wieder, zumal auch das Programm durch clever durchdachte Ausgewogenheit besticht.

Doch was nützt die beste Vorbereitung, wenn einem das miese Wetter einen Strich durch die Rechnung macht: Am Morgen des ersten Tages öffnet der Himmel seine Schleusen, sodass das Gelände unter Wasser steht. Nur der unermüdlich schuftenden Crew ist es zu verdanken, dass quasi im letzten Augenblick eine Absage abgewendet werden kann. Um 17 Uhr legen TRANCEmission los. Ihre erdige Mischung aus Hard Rock und Metal heizt dem Publikum ein. Die Jungs, die in den frühen Achtzigern vor dem Durchbruch standen, können was. Guru Guru, seit über 40 Jahren bestehendes Kunstprodukt des 70-jährigen Drummers Mani Neumeier und 1976 die erste deutsche Gruppe im WDR-Rockpalast, verwirren die Fans dagegen mit ihrer schwer verdaulichen Mixtur aus Krautrock, Avantgarde und Weltmusik. Festival-Musik geht anders. Zum Beispiel so wie bei D-A-D. Auf Konserve haben die Riff-Rocker ihren Zenit zwar schon längst überschritten, aber live garantieren die Kopenhagener gute Laune. Die vier Rocker wirbeln wild, phasenweise gar punkig über die Bretter. Frenetisch werden auch Golden Earring begrüßt. Die Holländer, die sich ein Jahr vor den Rolling Stones formierten, präsentieren sich vital und spielfreudig und wirken alles andere als altbacken. Mit Hymnen wie ›Back Home‹, ›Eight Miles High‹, ›Twilight Zone‹ oder dem echten Jahrhundertklassiker ›Radar Love‹ begeistern George Kooymans, Barry Hay & Co. ohne Abstriche. Darauf folgt ein abrupter Stilwechsel mit den Eidgenossen Gotthard, die sich in den vergangenen Jahren über einen enormen Popularitätsschub freuen durften. Der Eröffnungsdreier ›Unspoken Words‹, ›Gone Too Far‹ sowie ›Need To Believe‹ bildet die Basis für zwei Stunden feine Hardrock-Power. Kein spektakulärer, aber ein kraftvoller Auftritt einer blendend aufgelegten Truppe.

Am nächsten Morgen jubeln alle: Veranstalter, Bands und Publikum, denn die Temperaturen steigen. Viele Besucher legen sich auf Decken und lassen sich genüsslich die Sonne auf den Pelz brennen. Mittags geht es auch musikalisch richtig los: Pump, die Truppe um den früheren Brainstorm-Sänger Marcus Jürgens, entpuppt sich mit ihrem harten, eingängigen Rock als prädestinierter Wachmacher. Wer danach immer noch nicht fit ist, dem verpasst die AC/DC-Coverkapelle Hole Full Of Love einen Arschtritt. Die Kultrocker Nektar hingegen haben keinen leichten Stand – und sie machen es sich durch eine unglückliche Songauswahl auch nicht einfacher. Ein entbehrlicher Auftritt. Jane, die ihre Karriere zu Ehren ihres 2007 verstorbenen Gründers Peter Panka fortsetzen, kommen mit ihrem zugänglicheren Rockmaterial bedeutend besser an. Axxis graben schließlich mit ›Kingdom Of The Night‹ eine Uralt-Nummer als Eröffnungsstück aus. Musikalisch bietet die Band zwar heute nichts Besonderes und kommt in der Mitte des Sets auch etwas zu samtig daher – doch Sänger Bernhard Weiß sammelt mit flotten Sprüchen und seinem kommunikativen Auftreten kräftig Sympathiepunkte. Fragezeichen erntet hingegen Russ Ballard. Viele scheinen ihn nicht zu kennen. Dabei feierte der 65-Jährige große Erfolge als Komponist für Kiss, Rainbow, Hot Chocolate oder America. Neben ›God Gave Rock And Roll To You‹, ›Since You’ve Been Gone‹ oder ›I Know There’s Something Going On‹ sorgen heute auch unter seinem Namen veröffentlichte Lieder wie ›Voices‹ oder ›The Fire Still Burns‹ für Aha-Erlebnisse. Jugenderinnerungen kommen schließlich auf, als Suzi Quatro die Bühne erklimmt und die Siebziger mit ›If You Can’t Give Me Love‹, ›Can The Can‹ oder ›Sumblin’ In‹ hochleben lässt. Einen Monat nach ihrem 60. Geburtstag zeigt sich Suzi Q. fit, wobei die Performance etwas zu viele Bläser-Parts enthält. Einen zweiten Frühling erleben die Fans schließlich bei Foreigner. Dank unsterblicher Hardrock-Gourmethappen wie ›Feels Like The First Time‹, ›Double Vision‹, ›Cold As Ice‹, ›Head Games‹, ›Dirty White Boy‹, dem jammigen ›Urgent‹ und dem furios dargebotenen ›Juke Box Hero‹ kann natürlich nichts mehr schief laufen. Doch auch die Band versprüht so viel Freude wie noch nie in ihrer Karriere. Das ist nicht nur Boss Mick Jones zu verdanken, sondern auch dem grandiosen Sänger Ken Hansen und Bass-Derwisch Jeff Pilson. Unter all den Klassikern ragt kurioserweise der unbekannteste Song heraus: das Dynamik-Monster ›Starrider‹, bei dem Jones ein endloses, furioses Gitarrensolo abreißt. Un­­glaublich! Foreigner rocken unter all den etab­lierten Rockern am druckvollsten, und so freuen sich alle schon jetzt auf die DVD dieses Seebronn-Konzerts, die schon Ende 2010 erscheinen soll.

Zum Ende des Festivals gibt es jedoch noch eine traurige Nachricht: Veranstalter Horst Franz kündigt sichtlich mitgenommen an, dass das Rock Of Ages 2011 eventuell nicht stattfinden wird. Bleibt zu hoffen, dass das nicht passiert, sondern eines der hochwertigsten Rock-Events Europas überlebt. Falls nicht: Danke für fünf unvergessliche Jahre.