Rick Parfitt im Interview: Der Stand der Dinge

Gibst du damit eine Schuld zu?
Ich war die meiste Zeit meines Leben ziemlich egoistisch, habe gelebt, wie ich leben wollte, und getan, was ich tun wollte, wann immer ich es tun wollte. Nichts und niemand stand mir dabei im Weg. Ich mache alles exzessiv, und in meinen Vierzigern und Fünfzigern interessierte mich nichts, außer eine gute Zeit zu haben. Doch irgendwann holt dich das ein. In den letzten zehn Jahren habe ich gescherzt: „Es wird mehr als den Tod brauchen, um mich umzubringen“. Und jetzt ist das verdammt noch mal wahr geworden. Ich bin tatsächlich gestorben. Also muss ich jetzt vernünftiger leben – der nächste Herzinfarkt wird mich töten.

Und hast du ein schlechtes Gewissen den Fans gegenüber?
Ja, da fühle ich mich natürlich schon schuldig. Das hat schließlich niemand außer mir zu verantworten. Ich weiß, dass die Leute Status Quo sehen wollen, wie sie Status Quo kennen, also Frame [Rossi] und mich. Außerdem vermisse ich die Kameradschaft in der Band sehr, den Jubel der Menge, die ausgehenden Lichter … Aber mein Leben ist wichtiger. Es ist ein Wunder, dass ich noch hier bin, und daraus muss ich das Beste machen.

Francis Rossi und Rick Parfitt von Status Quo

Wie fühlt es sich an, die Shows zu verpassen?
Ich versuche, nicht daran zu denken. Ich lese weder die Tourdaten noch ge­­he ich auf das Forum oder die Quo-Website, denn ich weiß, dass manche Leute Gutes sagen und andere un­­glücklich sein werden. Das will ich lieber nicht wissen. Aber so gegen acht oder neun Uhr abends weiß ich, dass Quo jetzt gerade irgendwo auf die Bühne gehen, und das ist etwas, an das ich lieber gar nicht denken will.

Das klingt sehr traurig.
Yeah. Aber ich muss lernen, damit klarzukommen. Ich lebe jetzt ein anderes Leben. Nach Weihnachten, wenn ich das Okay bekomme – und dessen bin ich mir ziemlich sicher –, werde ich ein Soloalbum in Angriff nehmen und vielleicht Mitte des Jahres ein paar Konzerte spielen. Es gibt schon Material, mit dem ich sehr zufrieden bin. Außerdem arbeite ich an einem Buch, denn ich habe eine Wahnsinnsgeschichte zu erzählen. Es gibt noch vieles, auf das ich mich freuen kann, wenn ich auf mich aufpasse.

Klingt nicht so, als würdest du zu Quo zurückkehren …
Nein. Ich glaube auch nicht, dass ich das wirklich will. In meinem Herzen bin ich ein Rocker. Das war ich immer. Wenn ich Musik mache, muss sie rocken. Es wäre wohl ein Platz für mich dagewesen, wenn ich mich dazu entschlossen hätte [als Bandmitglied weiterzumachen], aber ich bin kein großer Fan dieser ganzen Akustik-Sache. Ich war aber sehr enttäuscht, die letzten elektrischen Shows der Band zu verpassen.

Nicht unbedingt der schönste Weg, eine so glorreiche Ära für die Band zu beenden.
Nein, wirklich nicht. Francis wollte sowieso aufhören [elektrisch zu touren], womit ich nicht einverstanden war. Nächstes Jahr sind es 50 Jahre Hits. Da hätten wir aufhören sollen. Aber wenn er sich mal für etwas entschieden hat, kann ihn niemand davon abbringen. Wir hätten noch eine Weile weiterrocken können, aber so hat mir die Natur mitgeteilt, dass ich mal kürzer treten sollte – vorerst.

Wirst du eine der elektrischen Shows besuchen?
Das wäre keine gute Idee. Einige Fans würden wohl denken: „Wenn es dir gut genug geht, um hier zu sein, geht es dir auch gut genug, um zu spielen“. Außerdem, da im Publikum stehen … Nein, ich glaube nicht, dass ich das könnte.

Francis sagte uns kürzlich, dass er nicht sicher ist, ob Quo ohne dich existieren können, aber es klang, als würde er es versuchen.
Francis wird tun, was Francis tun wird. Ich werde nichts Gegenteiliges sagen, denn ich will kein böses Blut. Nach 50 Jahren, in denen wir zusammen um die Welt gereist sind, ist das das Letzte, was ich wollen würde.

In den letzten zwölf Monaten haben wir Lemmy und David Bowie verloren. Du kanntest Lemmy.
Lemmy war ein guter Freund, ja. Wir hatten viele, viele gute Zeiten zusammen. (kichert)

Könnten diese Geschichten ein eigenes Buch füllen?
Ja, das könnten sie absolut. (lacht) David kannte ich auch, denn wir verbrachten Zeit mit ihm, als wir in Nassau aufnahmen. Er war ein lieber Kerl und so ein unglaubliches Talent. Und ich hatte mich ja beiden angeschlossen – dreieinhalb Minuten lang war ich tot. Doch wie ich schon sagte, es wird mehr als den Tod brauchen, um mich umzubringen.

Die Quo Army schickt dir auf jeden Fall die besten Wünsche für eine gute Genesung.
Das ist mein oberstes Ziel. Nach Weihnachten werde ich aber unbedingt wieder etwas tun wollen – im Studio und auf der Bühne. Ich vermisse die Bühne wirklich sehr.