Review: U2 – THE JOSHUA TREE 30TH ANNIVERSARY SUPER DELUXE BOX

Neuauflage zum 30. Jubiläum. Und am 12. Juli werden U2 den Meilenstein im Berliner Olympiastadion komplett aufführen.

Wer konnte das vorausahnen? Am wenigsten wohl U2 selbst. Die irische Formation stand im kreativen Zenit, als sie am 9. März 1987 ihr von Brian Eno und Daniel Lanois co-produziertes fünftes Studioalbum veröffentlichte. Ge­­widmet war es Bonos Freund und persönlichem Assistent Greg Caroll, einem gebürtigen Māori, der 1986 im Alter von 26 Jahren bei einem Autounfall in Dublin ums Leben gekommen war. THE JOSHUA TREE sollte das meistverkaufte Werk ihrer Laufbahn werden, aufgezeichnet in Danesmoate House, Melbeach und den Windmill Lane Studios, ernteten die elf Tracks weltweit Edelmetall: In den USA erzielte THE JOSHUA TREE Diamant-Status (zehnfaches Platin), in Groß­britannien achtfaches Platin. Einmal Doppel-Platin gab‘s in Deutschland. Rund um den Globus platzierte sich das Werk – bis auf wenige Ausnahmen – in den jeweiligen Charts auf Platz 1. Zahllose Preise und Auszeichnungen folgten. Allen voran die Grammy Awards 1988, wo das Meisterwerk die Kategorien „Album Of The Year“ und „Best Rock Performance“ gewann. In der Sektion Most „Grammys Won By A Group“ führen U2 bis heute mit satten 22 Trophäen.

Als die Sessions im Januar 1986 starteten, mischten U2 schon intensiv mit im internationalen Musikgeschäft. Vier Alben waren seit 1980 erschienen: Während sich die von Steve Lillywhite produzierten Werke BOY (1980), WAR (1981) und OCTOBER (1983) mehr oder minder im rumpeligen Post-Punk gefielen, ging das von Brian Eno und Daniel Lanois beaufsichtigte ätherische Klangexperiment THE UNFORGETTABLE FIRE (1984) wesentlich subtiler und facettenreicher zu Werke. Im Juli 1985 folgten U2 Bob Geldofs Einladung zum Live-Aid-Konzert. Parallel ging in jener Phase bei der Band ein Denkwandel vonstatten. Steckten Paul David Hewson alias Bono, David Howell Evans alias The Edge, Adam Charles Clayton und Laurence Joseph „Larry“ Mullen Jr. doch seit ihrer Sturm- und Drangphase in einer Imagefalle, man betrachtete sie immerhin als störrische, mitunter frömmelnde Weltverbesserer.

Um auf der Erfolgsleiter höher zu steigen, musste also ein Kurswechsel her. Exakt so, wie ihn U2 einige Jahre später mit ACHTUNG BABY (1991) vollzogen, als sich wie selbstverständlich Club-Elektronik integrierte und Bono den gehörnten MacPhisto markierte. David Bowies Lektionen in Sachen steten Wandels, um als Künstler zu überleben, gab ihnen sicherlich auch dessen rechte Hand bei der Berlin-Trilogie, Brian Eno, mit auf den Weg. Als kreatives Fundament diente die Faszination von U2 für das mythische Amerika und die Antipathie für das reale Amerika. Lehrstunden in Sachen amerikanischer Folk, Rock, Country, Blues und Gospel, nahegebracht auch von Daniel Lanois, zeigten ebenfalls Wirkung. Als U2 THE JOSHUA TREE finalisierten, standen sie auf der Schwelle von Außenseiterhelden zu globalen Super­stars in den größten Stadien der Welt.

THE JOSHUA TREE zeichnet sich durch Zeitlosigkeit aus. Und das in einer Ära, die bis heute zumindest in Teilen mit einem blechern pompösem Produktionsstil unangenehm auffällt. Da haben Eno, Lanois und Michael Brooks hypnotische „Infinite Guitar Technic“ ganze Arbeit geleistet. In späteren Interviews bestätigte die Band ihre Antihaltung gegenüber der damaligen künstlerischen Gegenwart: „Wir blickten in die musikalische Vergangenheit, um innovativ Kreatives für die Zukunft zu leisten“, gab Bono zu Protokoll. Adam Clayton fügte hinzu: „Meiner Meinung nach fühlten wir uns mit dem, was in jener Zeit musikalisch passierte, überhaupt nicht verbunden, es war die Zeit des Synthie-Pop.“ Wie der eklektische neue Stil über Monate hinweg gedieh, erläuterte The Edge: „THE JOSHUA TREE überblendet schlicht die Essenz der vorangegangenen vier Alben, baut auf dem Fundament traditioneller US-Roots-Music auf und fügt als neue Komponenten eine Verschlankung der musikalischen Strukturen und eine wesentlich melodischere Herangehensweise hinzu.“

Mit dem Singles-Triptychon aus sinnsuchendem ›I Still Haven‘t Found What I‘m Looking For‹, harscher Großstadtanalyse ›Where The Streets Have No Name‹ und mehrdeutig interpretierbarem ›With Or Without You‹ gelingt ein phänomenaler Einstieg. Konterkariert vom bullig hartmetallischen, aber auch sphärischen ›Bullet The Blue Sky‹, das scharf die amerikanische Außenpolitik, die rechtsgerichtete Rebellen in El Salvador mit Waffen ausrüstete, kritisiert. Mississippi Delta Blues und Gospel der Südstaaten schimmern durch in der Drogenballade ›Running To Stand Still‹ – ein erschütterndes Porträt über ein junges, heroinabhängiges Paar in den Ballymun Flats von Dublin. Als Band, die den soziopolitischen Diskurs stets anstrebte, blieben gesellschaftlich relevante bis weltphilosophische Themenkomplexe eben nicht aus. Schließlich war es die Ära der skrupellos narzisstischen Yuppies in einer von rückwärts gewandten Politikern wie Ronald Reagan, Margaret Thatcher und Helmut Kohl geführten Welt. ›Red Hill Mining Town Dies‹ geht zurück auf die Niederlage der Gewerkschaften im Bergarbeiterstreik der britischen National Union Of Mineworkers im Jahr 1984. In ›Mothers Of The Disappeared‹ wird an die Frauen der Mütterorganisation Madres de Plaza de Mayo erinnert. Unter der argentinischen Militär­diktatur von Videla und Galtieri ab 1976 waren Zehn­tausende Menschen verschwunden.

u2 joshua tree

Die Gestaltung des Covers übernahm abermals der langjährige niederländische U2-Hoffotograf Anton Corbijn. Für drei Tage im Dezember 1986 reiste das Gespann auf Motivsuche in die Wüste von Kalifornien, um Corbijns schwarzweiße Vision Gestalt annehmen zu lassen. Wie die Schauplätze diverser andere Kultcover (u.a. ABBEY ROAD, ZIGGY STARDUST) avancierte jene Stelle zur Fanpilgerstätte. Die von Daniel Lanois, St. Francis Hotel, Jacknife Lee, Steve Lilly­­white und Flood runderneuerte 30TH ANNI­VERSARY EDITION ist in diversen Ausführungen jeweils als CD-, Vinyl- oder Digital-Ausgabe erhältlich: Im 12 x 12 Zoll großen SUPER DELUXE EDITION BOX SET mit wahlweise vier CDs oder sieben LPs finden sich das Originalalbum, ein 17 Songs starker Konzert­mitschnitt aus dem Madison Square Garden von 1987, eine mit sechs Tracks ausgestattete Remix-CD sowie eine vierter CD mit 15 B-Seiten und Outtakes. 25 der Tracks waren bislang unveröffentlicht.

Enthalten ist auch das 84-seitige Hardcover-Buch THE JOSHUA TREE – PHOTOGRAPHS BY THE EDGE, entstanden während der Fotosession beim Mojave Desert Joshua Tree. Zusätzlich liegen acht edle Farbprints von Anton Corbijn bei. Als 2-CD- bzw. 2-LP DELUXE EDITION (mit Livekonzert) wird THE JOSHUA TREE ebenso erhältlich sein wie als STANDARD EDITION mit entweder einer CD oder einer Vinyl-LP.

10/10

U2
THE JOSHUA TREE 30TH ANNIVERSARY SUPER DELUXE EDITION BOX SET
ISLAND/UNIVERSAL