Lou Reed – ORIGINAL ALBUM CLASSICS

reed, louBitte einmal mehr öffentlich erwachsen werden: Lou Reed, die Dritte.

Schon zweimal befasste sich die Reihe ORI­­GINAL AL­­BUM CLASSICS mit Lou Reeds Werk. Erst reihten sich LOU REED, TRANS­­FOR­­MER, BERLIN, SALLY CAN’T DANCE und CONEY ISLAND BABY, dann THE BLUE MASK, LEGENDARY HEARTS, NEW SENSATIONS, MISTRIAL und LIVE IN ITALY jeweils in einer schma­­len Pappbox aneinander. Im dritten Schub werden die Alben aus der Phase da­­zwischen zusammengefasst, also Reeds Kreativ-Output in der zweiten Hälfte der siebziger Jahre. Obwohl auch das nur die halbe Wahrheit ist: Fehlen doch das Rückkopp­­lungsexperiment METAL MA­­CHINE MUSIC, LIVE: TAKE NO PRISONERS sowie LOU REED LIVE, letzteres ein weiterer Auszug des Konzert­mit­schnitts vom 21. Dezember ’73 aus der Academy Of Music in New York, dessen Pendant ROCK’N’ROLL ANIMAL jetzt aber immerhin vorliegt. Und auch wenn manche Reed-Fans schwören, die Phase mit Gi­­tar­­rist Robert Quine sei seine in­­ter­­essanteste: Den mörderischen Hardrock des Saiten­­duos Dick Wagner und Steve Hun­­ter in ausgewalzten Ver­­sio­­nen der Velvet Under­­ground-Klas­­siker ›Sweet Jane‹, ›Heroin‹, ›White Light/White Heat‹ und ›Rock And Roll‹ sollte man keineswegs unterschätzen. Alice Cooper schnappte sich, sehr zu Reeds Verdruss, wenig später die gesamte Crew, als er zum Album Welcome To My Nightmare ansetzte (mehr dazu auf S. 40 u. 68). 1976, der Deal mit RCA ist ausgelaufen, steht Reed vor der Insol­­venz. In die Bresche springt Medienmogul Clive Davis mit seiner neuen Plattenfirma Ar­­i­­s­­ta. ROCK’N’ROLL HEART, das selbstproduzierte Label-Debüt, klingt jedoch seltsam gedrosselt.

›Banging On My Drum‹, ›Vicious Circle‹ und ›Tem­­po­­rary Thing‹ sind aber immerhin so innovativ, dass die Lon­­doner Punk-Szene anerkennend nickt. Zwei Jahre später erprobt sich Reed auf STREET HASSLE im so genannten „Bin­­aural Recording Verfahren“, einer deutschen Erfindung namens „Kunstkopf“: Halb New Yorker Studioaufnahmen, halb Konzertmitschnitte aus München, Wiesbaden und Ludwigshafen, findet er zurück zur gewohnten Form. ›Gimme Some Good Times‹, ›I Wanna Be Black‹,›Leave Me Alone‹ und das noch aus der Velvet-Ära stammende ›Real Good Time Together‹ rocken gewaltig. Mittels „Kunstkopf“ veredelt, präsentiert sich 1979 auch THE BELLS. Ein experimenteller Hybrid aus Free Jazz, Funk, Rock und Disco, der sich am No Wave orientiert und als Gast die Jazztrom­­peter-Legende Don Cherry auffährt. Im Gedächtnis haften bleibt neben dem suitenhaften Titelsong ausgerechnet der hypnotische Tanzflächenfüller ›Disco Mystic‹. Weniger als Songsammlung und mehr als Tagebuch über Reeds körperlichen Verfall durch Speed und Alkohol versteht sich GRO­­WING UP IN PUBLIC. Weniges ragt heraus. Erinnerungs­­würdig bleibt allein die selbstironische Hymne ›The Power Of Positive Drinking‹.

ROCK’N’ROLL ANIMAL: 10
ROCK’N’ROLL HEART: 5
STREET HASSLE: 8
THE BELLS: 7
GROWING UP IN PUBLIC: 4