Lebenslinien: Roger Glover

Roger-Glover_3Neben seinem Job als Deep Purple-Bassist arbeitete er zusammen mit der Sechziger Jahre-Ikone Twiggy und produzierte Alben mit Rory Gallagher, Judas Priest und Nazareth. Er lehnte eine Partie Poker mit Eric Clapton ab. Und wenn Roger Glover nicht gerade mit Musizieren beschäftigt ist, denkt er auch gerne mal an seine Reisen zurück: mit Robert Plant oder George Harrison.

Roger Glover hat inzwischen 30 Dienstjahre bei Deep Purple auf dem Buckel. Nicht nur als Bassist der legendären Hard Rock-Formation, auch als erfolgreicher Produzent mischt der gebürtige Waliser seit Jahrzehnten in der britischen Rock-Szene mit. Wer solange dabei ist, kennt beinahe jeden, der auf der Insel im RocknRoll etwas zu melden hat. Diese guten Kontakte schlagen sich auch auf seinem aktuellen Solo-Album IF LIVE WAS EASY in Form von einigen Gastauftritten nieder. Roger Glover blickt im Interview mit CLASSIC ROCK auf ein Leben voller hochkarätiger Bekanntschaften zurück.

Robert Plant

Robert ist ein netter, sehr interessanter und interessierter Kerl. Außerdem trinkt er Jameson-Whiskey, was in meinen Augen durchaus für ihn spricht. Er hat einen großartigen Sinn für Musik und ist nicht nur ein Popstar, sondern auch ein wandelndes 60s-Rock-Lexikon. Einmal trafen wir uns, als wir beide Urlaub in Irland machten. Er empfahl mir, dort einen von Menschenhand erbauten Krater zu besuchen. Im Inneren dieses Kraters legt man sich auf den Rücken und sieht einfach nur in den Himmel. Das mag komisch klingen, aber es hatte eine unglaublich starke Wirkung. Von dort habe ich den Himmel gesehen wie nie zuvor, denn von diesem Krater aus hat man keine störenden Wolkenkratzer, Laternenmasten oder so im Blickfeld. Solche Empfehlungen sind typisch für Robert. An ihm ist ein fantastischer Reiseführer verloren gegangen.

George Harrison

Ich bin einer der glücklichen Menschen, die George kennen lernen durften. Meine damalige Frau und ich verbrachten einige Zeit mit ihm in seinem Haus auf Hawaii. Er war so ein lieber Mensch. Es ist erstaunlich, wie bodenständig er immer geblieben ist, wenn man seinen un-fassbaren Werdegang mit den Beatles bedenkt. Für einen Beatle war er ein sehr normaler Typ.

Als ich ihn das erste Mal traf, stand ich vor ihm und hatte nur einen einzigen Gedanken. „Oh mein Gott, er ist ein Beatle!“ Aber George war ein so aufrichtiger und gefühlvoller Mensch. Es gelang ihm, dass sich die Leute in seiner Umgebung wohl fühlten. Sein Tod bedeutete für mich einen sehr großen Verlust.

Bob Dylan

Bob dylan @ William ClaxtonIch habe Bob Dylan nie getroffen. Und um ehrlich zu sein, will ich das auch nicht. Ich bin ein riesiger Fan von ihm und möchte ihn als mein Idol bewahren. Ich will einfach nicht wissen, dass er wie jeder andere zum Kacken geht. Wahrscheinlich wäre ich gar nicht ent-täuscht, wenn ich ihn kennen lernen würde, aber ich will das Risiko erst gar nicht eingehen. Er soll für mich immer einer der Größten bleiben.

Mickey Moody (Whitesnake) & Bob Young (Status Quo)

Ich produzierte ein Album mit den beiden unter dem Namen Young & Moody. Das war vermutlich eines der entspanntesten Alben, das ich jemals gemacht habe. Es war schön mit Leuten zu arbeiten, die ein einfaches Blues-Album machen wollten. Wir brauchten dafür nur sechs Tage und hatten dabei einen solchen Spaß. Mickey Moody ist ein wunderbarer Mensch mit einem großartigen Sinn für Humor. Zu seinen Hobbies zählt es, durch die Stadt zu spazieren – und wenn er dabei eine japanische Reisegruppe sieht, schleicht er sich zu den posierenden Touris auf die Fotos. Es ist eine witzige Vorstellung, wie sie sich zu Hause die Fotos ansehen und dann erst diesen Rockstar auf ihren Bildern entdecken und sich fragen: „Wer ist das denn?“ … Naja sie würden es wohl auf Japanisch sagen.

Twiggy

Twiggy spielte beim „Butterfly Ball“ mit. Sie ist wahrscheinlich eine der reizendsten Personen, die ich je getroffen habe. Und sie ist ein Phänomen: Obwohl sie eine Zeit des extremen Ruhms erlebt hatte – eigentlich war es sogar mehr als Ruhm, denn sie wurde zur Ikone ihrer Zeit –, blieb sie trotzdem immer sehr bodenständig und normal. Eine Zeit lang standen wir uns recht nahe, und ich bin mir sicher, wenn ich ihr heute wieder begegnen würde, wären wir immer noch die gleichen guten Freunde. Aber ich bin nicht so gut darin, Kontakte aufrecht zu erhalten. Manchmal möchte ich Leuten einfach nicht auf die Nerven gehen.

Alice Cooper

Alice ist ein unglaublich intelligenter Mensch. Ich habe mit ihm einige Interviews für seine Radioshow gemacht. Als ich vor dem ersten Gespräch mit ihm den Telefonhörer in der Hand hielt, fand ich es fast ein wenig einschüchternd, mit dem großen Alice Cooper zu sprechen. Und ich glaube nicht, dass es ihm dabei genauso ging, denn er ist ein sehr selbstsicherer Mann. Das Gespräch hat sich dann ziemlich schnell aufgelockert, und es entwickelte sich ein angenehmer Plausch über das Tourleben und die guten alten Zeiten. Das Ganze fühlte sich gar nicht wie ein Interview an. Als er mit Deep Purple auf Tour war, hat er sich nicht wirklich oft blicken lassen. Was seine Live-Shows angeht, ist er sehr fokussiert und professionell.

Eric Clapton

Eric Clapton (1)Ich begegnete Eric zum ersten Mal, noch lange bevor ich ihn wirklich kennen lernte. Es muss irgendwann in den Achtzigern gewesen sein, als ich ihn in einem Hotel getroffen habe. Zu dieser Zeit ging es ihm nicht besonders gut, wenn man es so ausdrücken mag. An diesem Abend war er jedenfalls ziemlich betrunken und wollte unbedingt mit mir Poker spielen, aber ich lehnte dankend ab. Viele Jahre später spielten Deep Purple und Eric bei der Pavarotti-Show in Italien. Auf der Rückreise trafen wir uns in der VIP-Lounge des Flughafens, wo wir gemeinsam eine Stunde Wartezeit zu überbrücken hatten. Es zeigte sich, was für ein lieber Kerl er ist. Zugleich ist er sich durchaus bewusst, wer er ist und welch großes Talent er besitzt. Seit dieser Begegnung war ich auf einigen Konzerten von ihm. ›Lay Down Sally‹ … Wow, was für ein Song, ich liebe diese Nummer!

Nazareth

Seit 1970 sind wir oft mit Nazareth getourt. Also kannten wir uns ziemlich gut, als ihr Manager mich fragte, ob ich mit Nazareth ein Album produzieren wolle. Es hat mich echt überrascht, denn damals hatte ich noch kaum Erfahrung als Produzent vorzuweisen. Aber gut, wir gingen also in ein Londoner Studio und nahmen gerade einmal ein Lied auf. Das war ›Broken Down Angel‹. Es funktionierte einfach nicht, und ich fühlte, dass sich meine schottischen Freunde einfach nicht wohl fühlten in London. Also ging ich zu ihrem Manager und schlug vor, das Album in Schottland aufzunehmen. Und so nahmen wir RAZAMANAZ in ihrem Heimatort Dunfermline auf. Als Studio dienten uns dort zwei Räume eines Lagerhauses mit Graffiti-beschmierten Betonwänden. Es war schmutzig und ungemütlich, aber plötzlich hatten sie solch eine Energie und wahnsinnigen Enthusiasmus. Sie brachten mir übrigens bei, wie man „pissed“ auf Schottisch ausspricht. Überhaupt hatte ich mit diesen eingefleischten Trinkern eine Menge zu lachen. Später sollte ich noch zwei weitere Alben mit ihnen machen.

Rory Gallagher

Rory Gallagher1Ein weiterer Künstler, mit dem ich ein Album produzierte, war Rory Gallagher. Wir tourten bereits zusammen, als er noch bei Taste spielte. Vier oder fünf Jah-re nach seinem Ausstieg aus der Band bekam ich einen Anruf, dass ich ihm doch mit seinem Album CALLIN CARD helfen solle. Rory war ein wenig – sagen wir einmal – unorganisiert. Er war ein ganz höflicher Mann, aber wenn er erst einmal ein, zwei Drinks intus hatte, wurde er zu einem Komiker, einem wahren Stand-up-Comedian. Er schlüpfte dann immer in die Rolle eines Predigers und konnte nicht mehr damit aufhören. Wir waren bereits fünf Tage lang im Studio – und nichts war passiert. Stattdessen wurde eine Menge Zeit mit Albereien vergeudet. Also musste ich dann doch einmal durchgreifen und drohte aus dem Projekt auszusteigen. Dann machten wir endlich Fortschritte – und es wurde ein wunderbares Album. Ich genoss seine Gesellschaft … Warte mal, erzähle ich eigentlich nur von toten Menschen?

Judas Priest

1977 sollte ich mit Judas Priest an SIN AFTER SIN arbeiten, also besuchte ich die Band in den Pinewood Studios, wo sie zu dieser Zeit probten. Ich hörte mir einige Lieder an und machte Vorschläge, wie man die Arrangements verbessern könnte, worauf sie mich nur ansahen und mit eisigem Schweigen bestraften. Es vergingen einige Stunden, und die angespannte Stimmung wollte einfach nicht besser werden. Also schlug ich vor, in ein Pub zu gehen, um sich ernsthaft zu unterhalten. Als wir dann dort zusammensaßen, fragte ich: „Kann es sein, dass ihr mich nicht als euren Produzenten haben wollt?“ Die Antwort, die ich bekam, war ehrlich und direkt. Sie sagten: „Ja, da hast du recht. Wir würden es lieber selbst machen, unser Management bestand darauf, dich zu engagieren!“ Weil ich mich nicht aufdrängen und ihnen das Album nicht versauen wollte, ließ ich sie es selbst machen. So verblieben wir dann, bis mich ihr Gitarrist Glenn Tipton drei, vier Wochen später anrief. „Hey Roger, was machst du denn morgen?“, fragte er mich. Es stellte sich heraus, dass sie einige Probleme mit den Aufnahmen hatten. Ihr Drummer hatte in der Zwischenzeit Judas Priest verlassen, und jetzt hatten sie nur noch sechs Tage Zeit, um die Platte fertig zu bekommen. Ich hörte mir das Material an, das sie bis dato fertig hatten – und naja, es war fürchterlich. Also begannen wir gemeinsam von vorne – und es wurde eine sehr gehetzte Produktion. Als Ersatz-Drummer hatten wir den fantastischen Simon Phillips, der unter anderem auch für Toto und The Who spielte. Das Album besaß zwar nicht den späteren bombastischen Judas Priest-Metalsound, aber gemessen an den Umständen wurde es ein einigermaßen anständiger Langspieler.

Gillian Glover (Rogers Tochter)

Gillian kenne ich schon sehr lange, ich traf sie bereits im Krankenhaus (lacht). Als sie zwölf war, nahmen wir zum Spaß einige Demos auf. Es war nichts besonderes, der Gesang eines kleinen Mädchens eben. Etliche Jahre später, nachdem sie fertig mit ihrem Studium war, zog sie nach Ägypten, um Tauchlehrerin zu werden. Irgendwann einmal erzählte sie mir dann ganz beiläufig am Telefon, dass sie in eine Band eingestiegen war. Einen Monat später besuchte ich sie und durfte feststellen, dass sie ihre Stimme gefunden hatte. Nicht nur irgendeine Stimme, sondern eine liebreizende, tiefe, rauchige und sexy Stimme. Seitdem haben wir einige Male zusammen gearbeitet. Sie hat auch an meinem Solo-Album mitgeschrieben und zwei Lieder selbst gesungen. Ich finde, sie ist ein großes Talent. Aber sie ist sehr eigenständig und braucht die Hilfe ihres Vaters nicht. Wir haben ein wundervolles Vater-Tochter-Verhältnis. Sie geht wirklich gut damit um, dass ihr Papa ein Typ ist, der einigermaßen bekannt ist.