Krautrock-Special Volume 6 1975

MIG_00452_Karthago_Rock_n_Roll_Testament_DigiPac_Version_4.inddBenannt nach dem deutschen Romantik-Lyriker Friedrich Hölderlin (1770 bis 1843), waren die Wuppertaler Hölderlin laut BRAVO „Deutschlands Top-Gruppe des Romantik-Rock“. Besonders romantisch benahmen sich die Bandmitglieder gegenüber den Medien allerdings nicht. Vor allem Gitarrist Christian Grumbkow, wie sein Bruder Jochen an Cello und Trompete ausgebildet, war auf die deutsche Journaille nicht gut zu sprechen. „In der ganzen Presse wird sowieso nur Gewäsch zitiert“, schimpfte er lauthals, „es kann sich eben keiner vorstellen, was es bedeutet, in Deutschland Rockmusik zu machen. Es geht denen eigentlich immer nur um Hyper-Stories, übertriebene Ge-schichten also. Wie toll einer ficken kann, und wie lang der Schwanz von einem Smokie ist.“ Der Be-griff „Ficken“ gehörte dabei offensichtlich zu seinem Lieblingsvokabular, etwa wenn es darum ging, die Wirkungsweise seiner Kompositionen zu veranschaulichen: Die Musik Hölderlins sei das pure Ge-genteil eines wissenschaftlichen An-spruchs, erklärte er, sondern vielmehr ein „notwendiges Ventil und gute Unterhaltung, und das ist das Wichtigste, was es neben dem Ficken gibt.“

Ganz so derbe agierte seine Band auf der Bühne indes nicht. Hölderlin arbeiteten mit Verkleidung und Pantomime, zitierten neben der Prosa ihres Namensgebers auch Erich Fried und Bertholt Brecht, pflegten aber zunächst ein eher verträumtes Konglomerat aus Klassik, Folklore und Rock. Auf ihrem Debüt HÖLDERLINS TRAUM mischte die Gruppe deutsche Texte mit klassischen Instrumenten wie Cello, Geige, Querflöte, Gitarre, Klavier und Flügel. 1975 erschien ihr zweites Album HÖLDERLIN und zeigte eine deutlich rockigere Gangart, die sich dann ein Jahr später auf CLOWNS AND CLOUDS fortsetzte. Im Winter 1977 verausgabte sich die Band auf einer 130 Konzerte-Tournee durch Deutschland und Skandinavien physisch wie psychisch und stand kurz vor dem Aus, auch wenn ihr viertes Album RARE BIRDS noch einmal vielversprechend klang. Doch speziell bei Grumbkow war die große Euphorie bereits erloschen: „Wenn jemand, der sonst den ganzen Tag im Friseurladen steht, den Veranstalter spielt und den Musikern, die sich doch wohlfühlen müssen, dann drei Flaschen Aldi-Orangensaft, irgendeine lauwarme Cola und einen halben Kasten Flaschenbier in die lausige Garderobe stellt, wo schon bei drei Flaschen oben die Zinken aus dem Hals raus sind, und man sich daran die Lippen blutig reißt, wenn dann alles so lieblos und amateurhaft organisiert ist, bekommt der Veranstalter meistens auch lieblose Konzerte geliefert“, resümierte er frustriert. Im Frühjahr 1980 war seine Aufopferungsbereitschaft aufgebraucht, Hölderlin schlossen mit FATA MORGANA ihre Pforten. Grumbkows einstmals ehrgeiziger Anspruch („ich möchte, dass die Leute aufhören, jeden Mist zu kaufen, der aus England oder Amerika kommt. Sie sollen sich erst einmal umhören, was im eigenen Land passiert“) war beendet.

Von derlei Unwägbarkeiten ließen sich Grobschnitt nicht entmutigen. Ihr größter Trumpf war ihre bis zu vierstündige Mammut-Show, aus der ein allabendliches einstündiges Bühnenspektakel namens ›Solar Music‹ mit Froschmännern, überdimensionalen Drachen, Trockennebel und Pyro-Krachern herausragte. Die Geburtsstunde der Band datiert aus dem Jahr 1971, die Hagener Formation gehörte ebenso wie Jane oder Neu! zu den ersten Bands, die auf dem neu gegründeten Brain-Label einen langjährigen Vertrag bekamen. Grobschnitt waren von Beginn an eine atemberaubende Live-Band, deren Show viele Kabarett- und Nonsens-Anteile enthielt. Zudem gaben sich die Musiker Phantasienamen wie Eroc, Lupo, Mist oder Wildschwein, ihre im Programm involvierten Roadies/Schauspieler nannten sich Toni Moff-Mollo oder John McPorneaux. Ihren ersten kommerziellen Höhepunkt landete die Band 1975 mit dem dritten Album JUMBO, das sowohl in englischer als auch in deutscher Sprache veröffentlicht wurde. Die Nachfolger ROCKPOMMELS LAND (1977), SOLAR MUSIC LIVE (1978) und MERRY GO ROUND (1979) waren stilistisch, ähnlich wie JUMBO, progressiver Deutschrock, geprägt vom Organisten Volker „Mist“ Kahrs, mit langen, verträumten Soli, sphärisch anmutenden Grundstimmungen und sich oftmals um Phantasiegeschichten drehenden Klangwelten. Obwohl die Presse immer wieder nörgelte, dass sich „ihr auf der Bühne witziger und origineller Klamauk-Rock schwer auf Platte pressen lässt“, konnten von ROCKPOMMELS LAND und SOLAR MUSIC jeweils über 100.000 Exemplare verkauft werden, ein für deutsche Bands absoluter Spitzenwert. 1978 schafften es Grobschnitt sogar zu einem einstündigen Auftritt im WDR-Rockpalast, Anfang der 80er Jahre änderte sich jedoch ihr Musikkonzept, auch beeinflusst vom Einsetzen der Neuen Deutschen Welle. Grobschnitt nahmen Abschied von den ausladenden Märchen-Arien, strafften die Arrangements ihrer Songs und gaben sich auch in der Wahl ihrer Titel fortschrittlicher. ILLEGAL (1981) und RAZZIA (1982) stellten unverkennbar ein anderes Musikverständnis dar und orientierten sich stärker als in den vorangegangenen Jahren am Zeitgeist.

Apropos Zeitgeist: 1975 erschien mit NEU! 75 eine der wichtigsten Veröffentlichungen der gesamten Siebziger: „David Bowie ließ sich von diesem Album inspirieren, das zu den Meilensteinen der Rockmusik zählt. Es enthält Musik, wie sie die Rolling Stones nach 1977 gemacht haben sollten“, jubelte der englische „New Musical Express“ und erklärte Neu! zum Inbegriff des musikalischen Fortschritts. Neu! waren mehr oder minder ein Kraftwerk-Ableger und bestanden aus Klaus Dinger und Michael Rother. Rother war 1971 eher durch Zufall zu Kraftwerk gestoßen, auf deren Platten er zwar nie zu hören war, mit denen er aber eine Reihe von Konzerten gab, u.a. im Beat Club von Radio Bremen. 1972 bereits verabschiedete er sich und gründete mit dem ebenfalls kurzzeitig bei Kraftwerk involvierten Klaus Dinger die „Neu(e)!“ Gruppe. Gerade einmal acht Auftritte absolvierte die Formation, die nach Klaus Dingers Aussagen nur „in Studios und auf Schallplatten, kaum aber live existieren wird, weil wir dann das Konzept ändern müssten.“ Neu! brachten drei Alben an die Öffentlichkeit (NEU!, NEU! 2 & NEU! 75), überwiegend bestückt mit melancholischen Elektronik-Epen voll monotoner, oft Stakkato-hafter Rhythmen und hypnotisierender Klangcollagen. Legendär ist ihr Soundtrack ›Hallogallo‹ zum TV-Werbeclip der Photokina-Firma Rollei. Doch bereits 1976 waren Neu! am Ende, Klaus Dinger gründete La Düsseldorf, Michael Rother machte nach einem kurzen Intermezzo bei Cluster bzw. Harmonia erfolgreich als Solokünstler weiter (Stichwort: FLAMMENDE HERZEN, mehr dazu in einer der kommenden Folgen).

Zeitzeugen

EROC (GROBSCHNITT)

Joachim H. Ehrig, kurz Eroc genannt, war von 1971 bis 1983 nicht nur Schlagzeuger und Texter bei Grobschnitt, sondern auch einer der kreativen Köpfe der Band und sozusagen ihr Tonmeister. Er entwickelte Equipment und sorgte in den Shows für Einspielungen und Klangcollagen. Nach seinem Ausstieg war Eroc von 1983 bis 1999 im Woodhouse-Studio als Toningenieur, Produzent und Studiomusiker involviert, gründete anschließend seine Mastering-Ranch und hat sich seitdem weltweit einen Namen als Masterer und Remasterer gemacht.

Wie hat sich das Konzept eurer imposanten Bühnenshow entwickelt?
Grobschnitt fanden 1971 zusammen, zuvor gab es uns bereits als The Crew, eine Beat-, Soul- und Underground-Band, die von 1966 bis 1969 Hagen und Umgebung unsicher machte. In dieser Zeit entstanden skurrile Showeinlagen, das reichte von künstlichem Nebel über die erste bedienbare Lichtanlage bis hin zu Diaprojektionen. Die Show wuchs mit der Zeit und wurde zu einem festen Standbein des Bühnenkonzepts. Irgendwann kamen Kostüme und Utensilien ins Spiel und schließlich wünschten wir uns sogar, dass die Gitarristen möglichst lange ihr Instrument stimmen, damit wir mehr Zeit für die Zwischenspiele hatten.

›Solar Music‹ war das Kernstück eurer Live-Show. Weshalb gerade dieser Song?
Gegen Ende der Sechziger kamen sogenannte Sessions auf: Die Säle wurden ausgeräumt, die Leute setzten sich auf den Fußboden und erwarteten, dass auf der Bühne etwas passierte. Eine unserer Eigenkompositionen namens ›Suntrip‹ war vorwiegend auf Improvisation ausgerichtet und quasi der Grundstein von ›Solar Music‹. Weil in der ersten Konzerthälfte Stücke wie ›Sunny Sunday’s Sunset‹, ›Vater Schmidt‹ und ›Rockpommels Land‹ wegen der ausgefeilten Parts anstrengend zu spielen waren, freute sich jeder auf die zweite Hälfte mit ›Solar Music‹, wo man dann richtig die Sau raus lassen konnte.

Wie war in der Band die Aufgabenverteilung?
Aus der Zeit von 1966 bis 1969, als es Roadies in diesem Sinne noch nicht gab, waren wir mit dem Auf- und Abbau der Anlagen vertraut, was dazu führte, dass ich eine Art „Cheftechniker” wurde. Die ersten Boxen und Verstärker bei der Crew und auch bei Grobschnitt baute ich selbst. Die Aufnahmetechnik beherrschte ich sowieso, also kümmerte ich mich um Einspielungen für die Bühnenshow, elektronische Klangeffekte und Assistenz bei Studioaufnahmen. Lupo war durch seine kaufmännische Ausbildung für die Geschäftsführung und das Management prädestiniert und führt bis heute die geschäftliche Seite. Wildschwein machte eine Ausbildung beim Finanzamt und konnte Lupo bei der Buchführung unterstützen. Unser Keyboarder Volker Mist nahm als ausgebildeter Pianist entscheidenden Einfluss auf die Stilrichtung der Band, wichtige Bausteine für die Alben JUMBO und ROCKPOMMELS LAND kamen aus seiner Feder. Auf ihn gehen auch viele Ideen für die Bühnendeko und die Kostüme zurück, die er teilweise mit seiner Freundin Sabine herstellte. Sabine war die Kostümfrau und Gruppenmutti, sie verwaltete den Fundus und half hinter der Bühne beim Umziehen.

Weshalb wurde JUMBO zweisprachig veröffentlicht?
JUMBO wurde zunächst 1975 in Englisch aufgenommen. Angeregt durch andere deutsche Veröffentlichungen, vorwiegend aus der DDR, dachten wir auch über deutsche Texte nach. Das Album war bereits auf dem Markt, es verkaufte sich gut, also konnte nicht viel schief gehen, als wir ein Jahr später die deutsche Ausgabe nachlegten. Zunächst war es eine enorme Umstellung, gerade für Sänger Wildschwein. Deutsch war schwieriger zu singen, plötzlich verstand man alles und musste sich viel mehr mit den Texten auseinandersetzen. Für mich als Autor war es ein Sprung ins kalte Wasser: Alles war verständlich und musste originell und sinnvoll daherkommen.

War ROCKPOMMELS LAND der Höhepunkt der Band?
ROCKPOMMELS LAND war ein Höhepunkt, ein zweiter war SOLAR MUSIC. Allerdings: Als wir RPL 1977 erstmalig aufführten, gab es meist nur Höflichkeitsapplaus, die Leute guckten gelangweilt, es war ihnen zu kompliziert und umfangreich. Deswegen spielten wir schon fast mit dem Gedanken, RPL wieder aus dem Programm zu schmeißen. Aber mit der Zeit verlangte das Publikum dann doch immer mehr danach und wir einigten uns schließlich auf die Zusammenfassung der wichtigsten Teile, die wir viele Jahre lang aufführten.

Warum war 1983 für dich Schluss bei Grobschnitt?
Es gab drei Auslöser: Zum einen hatten wir alles erreicht, wovon ich geträumt hatte, also etliche Langspielplatten, Tourneen und Auftritte in den größten Hallen, Radio, Fernsehen und so weiter. Ich hatte das Gefühl, der Zenit sei erreicht. Zum anderen war ein Jahr zuvor unser Keyboarder Volker Mist ausgeschieden, der einen großen künstlerischen Einfluss auf die Gruppe hatte. Ohne Volker Mist fehlte mir sozusagen mein dritter und vierter Arm. Der dritte Grund war eine musikalische Ratlosigkeit in der Band. Das Album RAZZIA, für das ich mich ungeheuer engagiert hatte, stieß bei unseren Fans und auch in der Band selbst auf geteilte Meinungen. Als mir ein Bandmitglied unter vier Augen versicherte, er könne kotzen, wenn er nur das Titelstück höre, war für mich der Fall klar.

Diskografie

HÖLDERLIN

Hölderlins Traum (1972)
Hoelderlin (1975)
Clowns & Clouds (1976)
Rare Birds (1977)
Hoelderlin Live /
Traumstadt (1978)
New Faces (1979)
Fata Morgana (1981)
*(eine weitere CD erschien 2007)

GROBSCHNITT

Grobschnitt (1972)
Ballermann (1974)
Jumbo (englische Fassung, 1975)
Jumbo (deutsche Fassung, 1976)
Rockpommels Land (1977)
Solar Music – Live (1978)
Merry-Go-Round (1979)
Volle Molle (1980)

*(viele weitere Alben ab den 1980ern)

NEU!

Neu! (1972)
Neu! 2 (1973)
Neu! 75 (1975)

Matthias Mineur