Krautrock Special Volume 09 – 1978

Kraftwerk 2

Obwohl sich gegen Ende der 70er die bevorstehende Neue Deutsche Welle bereits ankündigte, erlebten einige Protagonisten des Krautrocks gerade ab 1977/78 ihren künstlerischen Höhepunkt. Einer von ihnen ist Michael Rother, der 1971 eher zufällig zu den Düsseldorfern Kraftwerk gestoßen war. Auf Kraftwerk-Alben ist Rother zwar nicht zu hören, dafür bereicherte er gleich mehrfach die Konzerte der Elektronikpioniere. 1972 verabschiedete sich Rother und gründete mit dem ebenfalls kurzzeitig bei Kraftwerk involvierten Klaus Dinger die Gruppe Neu!. Nach einem kurzen Intermezzo bei Cluster und Harmonia entschied er sich Mitte der 70er, als Solokünstler zu arbeiten. „Ich will endlich mehr Abwechslung in die Musik bringen“, erklärte er seine Unzufriedenheit mit den bislang allzu monotonen elektronischen Klangstrukturen. „Ich werde stärkere Harmonien und mehr lebendige Sachen komponieren.“

Zusammen mit Can-Schlagzeuger Jaki Liebezeit nahm er in Eigenregie das Album FLAMMENDE HERZEN auf und bot die Bänder bei diversen Plattenfirmen an. Die großen Companys reagierten jedoch mehrheitlich desinteressiert, konnten sich offensichtlich kaum vorstellen, dass mit Rothers meditativen Phantasieklängen Geld zu verdienen sei. Lediglich Günter Körber, früherer A&R Manager beim Deutschrock-Label „Brain“ und Gründer des neuen Hamburger Labels „Sky Records“ (Körber starb im September 2013) zeigte großes Interesse. Dennoch orderte sein Vertrieb gerade mal 150 Exemplare zum bundesweiten Start. Nach einem einstündigen Feature im WDR-Radio bei Wilfried Trenkler änderte sich die Nachfrage schlagartig: Bereits eine Woche später waren 3.500 Platten verkauft, nach weiteren drei Wochen 10.000 Exemplare. Insgesamt 140.000 FLAMMENDE HERZEN gingen über den Ladentisch, für Rother der Durchbruch, für „Sky Records“ die finanzielle Grundlage für weitere Projekte. Auch das Nachfolgewerk STERNTALER (1978) stieß bei Kritikern auf uneingeschränkte Zustimmung. Die Presse sprach von „Kaskaden des Schönklangs“ (Musik Express) und von einer „Musik, die nicht nur friedlich und relaxed, nicht nur melodisch und mellow, nicht nur elektronisch ist, sondern die auch elektrisiert.“ (Sounds) In der Folgezeit wurde Rother mehrfach zum besten deutschen Musiker gekürt, obwohl er seine romantischen Minimalstückchen nie in Konzerten präsentierte.

Demgegenüber war der Elektronik-Pionier Klaus Schulze auch auf Bühnen präsent. Die Presse zeigte sich stets verzückt, wenn Schulze vor Publikum spielte, sprach vom „King Of Cosmic Music“, vom „Magier am großen Moog“ und bezeichnete seine Arbeit als „Monument einer Musik, die zukunftsweisend ist“. Geboren wurde Schulze am 4. August 1947 in Berlin. Seine musikalische Laufbahn begann am Schlagzeug, zunächst in der Amateurband Psy Free, dann bei den Berliner Sound-Avantgardisten Tangerine Dream und schließlich bei Ash Ra Tempel. Nach deren Debütalbum stieg Schulze aus und startete eine Solokarriere. Im Sommer 1971 richtete er sich im Schlafzimmer seiner Wohnung ein kleines Tonstudio ein (das ihm den Spitznamen „Klaus-Vierkanal-Schulze“ bescherte), und nahm dort Teile seines Debüts IRRLICHT auf, das im April 1972 in die Plattengeschäfte kam. Darauf arbeitete er als erster deutscher Popmusiker mit einem Symphonieorchester zusammen. Sein eher spärliches Equipment bestand aus einem Telefunken-Tonbandgerät, einem Echogerät und dem Mikrophon eines Philips-Kassettenrekorders.

Mitte der 70er zog Schulze von Berlin in die Lüneburger Heide. Sein 76er-Werk BODY LOVE, das gleichzeitig als Soundtrack zu Lasse Brauns gleichnamigem Pornofilm fungierte, war auch im Ausland ein großer Erfolg und zählte 1977 zu den meistverkauften Importplatten in Amerika. Aufsehen erregte auch das im Oktober 1978 erschienene, zehnte Werk, dem Anlass entsprechend X betitelt, das Schulze in sechs einzelnen Songs Nietzsche, Bach, Kleist, Ludwig II, Trakl und Herbert widmete. In seinem Wohnort gründete er Ende der 70er Jahre kurzzeitig eine Synthesizer-Schule und realisierte anschließend seinen Traum von einer eigenen Plattenfirma. Auf Schulzes IC-Label erschien unter anderem das hörenswerte Debütalbum der Berliner NDW-Stars Ideal.

Weniger elektronisch, sondern bodenständig ging es bei der Kölner Rockgruppe Satin Whale zu, die im Januar 1971 von Thomas Brück (Bass, Gesang), Horst Schättgen (Schlagzeug) und Gerald Dellmann (Keyboards) gegründet wurde. Alle drei Musiker hatten vordem einschlägige Erfahrungen in anderen Bands gesammelt und versuchten sich nun erstmals an eigenen Kompositionen. Im November 1972 stieß der Multi-Intrumentalist Dieter Roesberg dazu, übernahm den Gesang und brachte durch den Einsatz von Gitarre, Saxophon und Querflöte neue Klangmuster in die Gruppe. Das erklärte Ziel der Beteiligten: „Wir haben den Anspruch, dem Zuhörer eine gute, technisch versierte Musik zu bieten, bei der er sich von seinen durch die Musik hervorgerufenen Emotionen tragen lassen kann. Das Publikum soll Spaß an der Musik haben und sie in vollen Zügen genießen.“ Die Band investierte zunächst in neue Instrumente (und hatte dadurch „einen Haufen Schulden im Nacken, ohne zu wissen, ob es am nächsten Tag noch weitergehen konnte“, Zitat Presseinfo), mit denen sie sich in zahlreichen überregionalen Auftritten eine respektable Fangemeinde erspielte. Bei einer Umfrage der Radiosendung „Popshop“ des Südwestfunks wurden Satin Whale 1974 zur beliebtesten deutschen Gruppe gewählt. Im April des gleichen Jahres erschien ihr Debütalbum DESERT PLACES, im Anschluss an die Veröffentlichung ihres Zweitwerks LOST MANKIND (1975) gingen Satin Whale auf Tournee durch die Niederlande und spielten in Deutschland im Vorprogramm von Barclay James Harvest und Sweet. Fans wie auch Musikkritiker lobten das technisch versierte Spiel des Quartetts und stellten Ähnlichkeiten zu den frühen Jethro Tull sowie – aufgrund der geschmackvollen Keyboard-Passagen – zur britischen Progressive-Rock-Formation Camel fest. Nach einer insgesamt 18-monatigen Bühnenabstinenz präsentierten Satin Whale im Frühjahr 1977 ihr drittes Album AS A KEEPSAKE, die anschließende Deutschlandtournee bescherte der Band eine riesige Publikumsresonanz. Drei Konzerte dieser Tour wurden von Dieter Dierks mobilem Aufnahmestudio aufgezeichnet und im Frühjahr 1978 als Live-Doppelalbum WHALECOME veröffentlicht. Bereits im Juni 1978 waren die vier Musiker wieder im Studio, um A WHALE OF TIME aufzunehmen. Anschließend komponierte die Band als Auftragsarbeit die Musik des Kindermusicals „Amphi“ sowie den Soundtrack zum Spielfilm „Die Faust in der Tasche“, löste sich nach der Veröffentlichung von DON’T STOP THE SHOW (1981) jedoch auf.

Text: Matthias Mineur

MICHAEL ROTHER

Mit seinen Alben FLAMMENDE HERZEN und STERNTALER hat Michael Rother Ende der 70er Jahre deutsche Rockgeschichte geschrieben. Während er damals als reiner Studiokünstler agierte, kann man ihn heute von Zeit zu Zeit auch auf der Bühne erleben. Im September 2013 gastierte Michael Rother sogar in Japan.

Michael, welche Erinnerungen hast du heute an die 70er Jahre?
Es war das Jahrzehnt, in dem sich in relativ kurzer Zeit ungewöhnlich viel veränderte. 1971 gehörte ich kurzzeitig zu Kraftwerk, lernte unter anderem Conny Plank, Klaus Dinger, Hans-Joachim Roedelius, Dieter Möbius und Jaki Liebezeit kennen, mit denen ich meine Ideen verwirklichen konnte. In mir wohnte ein unstillbarer Wunsch nach einer eigenen musikalischen Handschrift, die ich dann mit Neu!, Harmonia und meinen Soloalben tatsächlich realisierte.

Wobei die Kooperation mit Klaus Dinger bei Neu! eher schwierig war, oder?
In künstlerischer Hinsicht nicht, denn wir hatten sehr wohl großes Verständnis für den kreativen Ansatz des jeweils anderen. Es war auf alle Fälle nicht so, wie es im Nachhinein häufig dargestellt wurde, nämlich dass wir unvereinbare Pole waren. Wir waren zwar keine Freunde, aber es herrschte eine große künstlerische Schnittmenge und viel musikalische Einigkeit. Ich liebe noch heute einen Song wie ›Hero‹ von Klaus Dinger, mit dem er seine Verzweiflung artikulierte. Ich habe diese Verzweiflung nie geteilt, aber ich mochte immer die daraus resultierende Musik.

Dein erstes Soloalbum FLAMMENDE HERZEN war gleich so etwas wie der Höhepunkt dieser Ära, oder?
FLAMMENDE HERZEN war letztendlich das Resultat des Scheiterns von Harmonia, deren fehlende öffentliche Akzeptanz ich nicht nachvollziehen konnte. Letztendlich herrschte in mir bei allen Veröffentlichungen dieser Ära die gleiche Begeisterung für das, was wir da machten. Die war bei Harmonia kein Deut geringer als bei FLAMMENDE HERZEN.

Um ein Haar wäre FLAMMENDE HERZEN gefloppt.
Das ist richtig. Am Tag der Veröffentlichung bekam ich vom Labelchef Günter Körber die Nachricht, dass der Vertrieb gerade mal 153 Exemplare vorbestellt hatte. Körber hatte einige Jahre zuvor sein eigenes Label „Sky Records“ gegründet, eine Einmannfirma mit einem Vertrieb der „Deutschen Austrophon“, dem ich von Beginn an misstraut hatte. Deswegen wollte ich mit FLAMMENDE HERZEN eigentlich lieber zur EMI, zu Warner oder zu Teldec, bekam aber nur Absagen. Günter Körber dagegen war Feuer und Flamme und wollte das Album unbedingt veröffentlichen. Wie schon gesagt: FLAMMENDE HERZEN war beileibe kein Start/Ziel-Sieg.

Den entscheidenden Impuls für die sagenhaften Verkaufszahlen gab Radiomoderator Winfried Trenkler.
Winfried Trenkler hatte eine Radiosendung auf WDR und lud mich ein, um das Album vorzustellen. Unmittelbar nach der Sendung standen beim Sender die Telefone nicht mehr still. Trenkler wusste sofort, dass dies ein gutes Zeichen war.

Letztendlich gingen dann fast 150.000 Exemplare von FLAMMENDE HERZEN über den Ladentisch.
Es war ein unglaublich schönes Gefühl und eine tolle Bestätigung. Während der Produktion hatten sehr gute Umstände geherrscht: Jaki Liebezeit hatte sagenhaft getrommelt und Conny Plank ein gutes Gehör für den richtigen Mix gefunden. Ich verdanke beiden sehr viel. Übrigens auch Günter Körber, der sich Jahre später aus den Verkaufserlösen ein Haus kaufen konnte und es als Hommage an das Nachfolgealbum als STERNTALER-Haus bezeichnet hat.

Hast du eine Erklärung für den riesigen Erfolg der Scheiben?
Offenbar konnten sich auf FLAMMENDE HERZEN und STERNTALER alle irgendwie einigen, vom Bäcker um die Ecke über den Versicherungsvertreter bis hin zum Automechaniker, ohne nun irgendwelche Berufsgruppen gezielt benennen zu wollen. Kalkül war das natürlich nicht, sondern wie bei allen meinen vorherigen Veröffentlichungen war immer die eigenen Begeisterung der einzige Maßstab.

DISkOGRAfIE

MICHAEL ROTHER
Flammende Herzen (1977)
Sterntaler (1978)
Katzenmusik (1979)

*(viele weitere Alben ab den 1980ern)

KLAUS SCHULZE
Irrlicht (1972)
Cyborg (1973)
Blackdance (1974)
Picture Music (1975)
Timewind (1975)
Moondawn (1976)
Body Love (1977)
Mirage (1977)
Body Love Vol. 2 (1977)
X (1978)
Dune (1979)
Live (1980)
Dig It (1980)

*(viele weitere Alben ab den 1980ern)

SATIN WHALE
Desert Places (1974)
Lost Mankind (1975)
As A Keepsake (1977)
Whalecome (1978)
A Whale Of Time (1978)
Die Faust in der Tasche (1979)
On Tour (1979)
Don’t Stop The Show (1981)