KRAUTROCK SPECIAL VOL.3 1972

Das Jahr 1972 wird oft als Geburtsstunde des internationalen Terrors bezeichnet: Am 5. September überfiel ein Kommando der palästinensischen Organisation „Schwarzer September“ während der Olympischen Spiele in München die Wohnung der israelischen Mannschaft, erschoss zwei Sportler und nahm neun Geiseln. Der vollends missglückte Befreiungsversuch auf dem Flughafen Fürstenfeldbruck endete im Blutbad: Alle Geiseln, fünf Palästinenser und ein Polizist verloren ihr Leben. Die als heitere Spiele begonnenen Wettkämpfe wurden zwar fortgesetzt, konnten das bleierne Entsetzen der Öffentlichkeit aber nicht mehr abschütteln.

Wenige Tage zuvor, als die Welt noch in Ordnung war, hatte auch die deutsche Jazz Rock-Formation Embryo auf der „Spielstraße“ im Olympischen Dorf gespielt und die neuen musikalischen Erfahrungen präsentiert, die sie im Jahr zuvor auf Einladung des Goethe-Instituts während einer vierwöchigen Tournee durch Nordafrika, Spanien und Portugal gewinnen konnte: „Es war dort wie auf einem anderen Planeten. Wir haben nichts verstanden und erst hinterher gemerkt, dass in Afrika ein anderes Tonsystem und ein anderes Rhythmusdenken herrscht“, erklärte ihr Kopf Christian Burchard.

embryo_damalsEmbryo gelten als die berühmteste und einflussreichste Ethno-Formation Deutschlands. Ihre musikalische Reise durch Raum und Zeit war stets Bindeglied zwischen unterschiedlichsten Kulturen. Im Frühjahr 1972 urteilte das Musikmagazin „Sounds“: „Wüsste man nicht, dass sie aus München kommen, und man hörte allein ihr neuestes Album, würde man auf die erste afro-asiatische Rockband tippen.“ Zu Recht gilt die Gruppe als Wegbereiter der sogenannten Weltmusik, als Paradebeispiel einer gelungenen Fusion verschiedenartiger Stile. „Wir hoffen, durch ständige Konfrontation mit anderen musikalischen Umgebungen in unserer Entwicklung weiterzukommen“, gab die Band als Ziel aus.

Gegründet wurden Embryo im Sommer 1969 von Christian Burchard, der zuvor Orgel in einer Rhythm’n’Blues-Band und Vibraphon in unterschiedlichen Jazzformationen gespielt hatte. Im April 1970, zu Beginn der Aufnahmen des Embryo-Debüts OPAL mit einem eigenwilligen Konglomerat aus Jazz, Rock, Blues und Soul, hatte die Erstbesetzung schon keinen Bestand mehr. Kennzeichnend für die Gruppe war das sich permanent drehende Personalkarussell, mit jeder neuen Konstellation entwickelten Embryo weitere Facetten ihrer überbordenden Kreativität. Nach dem Vorbild legendärer Jamsessions internationaler Größen gingen Embryo schon im Dezember 1971 ohne allzu konkrete Vorbereitungen erneut ins Studio, um Spontaneität und Spielfreude zu fördern und ein möglichst frisches Album einzuspielen. „Für uns kommen in erster Linie die first takes in Frage. Du kannst nicht im Studio eine Sache 37 mal spielen, ohne dass sie ihre Frische und Ursprünglichkeit verliert“, erklärte Christian Burchard das Prinzip der Produktionsweise.

Frumpy - Live - InlayDiese Frische und Inspiration hatte die Hamburger Sängerin Inga Rumpf verloren, als sie 1972 ihre Band Frumpy auflöste. Bis dahin zitierten Rumpf und ihre Mitstreiter zwar gängige internationale Sounds und eiferten besonders auf den ersten beiden Alben ALL WILL BE CHANGED und FRUMPY 2 Vorbildern wie The Nice, Rick Wakeman und Emerson Lake & Palmer nach. Frumpy waren allerdings beileibe mehr als nur ein Teutonen-Abklatsch anglo-amerikanischer Rockgrößen. Auf FRUMPY 2 begannen die Musiker, stärker zu experimentieren und ihrem schwermütigen Bombast-Rock Jazzelemente und fernöstliche Klangstrukturen hinzuzufügen. Songs wie ›How The Gipsy Was Born‹ und ›Good Winds‹ avancierten auf Grund ihres monumentalen Orgelsounds zu wahren Bühnenklassikern. Doch nach einer katastrophal schlecht besuchten Englandtournee und der Veröffentlichung des dritten Albums BY THE WAY löste Inga Rumpf Frumpy auf, um im Herbst 1972 die Band Atlantis zu gründen, auch in der Hoffnung auf bessere kommerzielle Aussichten.

Die waren in diesen Jahren jedoch auch anderswo nicht eben rosig. Amon Düül II-Gitarrist Chris Karrer rechnete der Öffentlichkeit die Nettoeinnahmen der einzelnen Musiker seiner Band vor: Bei einem durchschnittlichen Auftritt, wie beispielsweise 1972 im „Theater im Bonncenter“, kassierte die Band abzüglich der Saalmiete 1024 DM Gage. Davon mussten die beiden Roadies bezahlt werden (á 100 DM), ebenso ihr Manager Eric Fürstenberg (153,60 DM), Hotelkosten (200 DM) plus Reise- und Transportkosten der Musiker und ihrer Instrumente. Summa summarum blieben am Ende 62,50 DM für jeden der fünf Musiker übrig. Rockmusik wurde in Deutschland zwar zunehmend salonfähig, die Musiker selbst hingegen waren oftmals arm wie Kirchenmäuse.

Derart profane Aspekte des Musikerdaseins waren Popol Vuh völlig fremd, für sie zählten ausschließlich künstlerische Ziele. „Ich mache voll bewusste Musik, die zu neuen Empfindungen, zu einem lebendigen Ich führen soll“, philosophierte Florian Fricke, Kopf der Gruppe, und begab sich auf die Suche, um „archaische Weisheiten faszinierend zu vermitteln.“ Wichtigstes Medium für Fricke war zu Beginn vor allem der Synthesizer. „Die Musik, die man mit einem Moog-Synthie machen kann, umfasst schlechthin die Empfindungsmöglichkeiten des Menschen“, erklärte er. Popol Vuh gehörten anfangs zum Ohr-Label von Heinz Ulrich Kaiser, dementsprechend blumig wurde ihre Musik als „Perlenklänge voll von Innerlichkeit“ angepriesen. Fricke studierte an der Freiburger Musikhochschule Klavier und Komposition und arbeitete nebenbei als Musikkritiker und Kurzfilmer. Popol Vuh veröffentlichten die Elektronik-Alben AFFENSTUNDE und IN DEN GÄRTEN PHARAOS, schlugen anschließend jedoch überraschend einen komplett anderen Weg ein. Bereits auf IN DEN GÄRTEN PHARAOS demonstrierte Fricke deutlich sakrale Ansätze und wendete sich schließlich vollständig religiösen Klängen bzw. Texten zu. „Im Zusammenhang christlich-religiöser Musik will ich den Synthesizer nicht verwenden“, verkündete er 1972 und richtete Popol Vuh neu aus. Mit Gitarre, Oboe, Tamboura und verstärkt durch die koreanische Sängerin Djong Yun hießen die Alben nun HOSIANNA MANTRA oder SELIGPREISUNG und verwendeten religiöse Texte, beispielsweise aus der neuen Bergpredigt. „Lyrik-Rock“ nannte die Band ihre Musik, befasste sich mit Texten des israelitischen Königs Salomo oder holte sich bei den Kurden am Euphrat oder im Himalaya Inspirationen für weitere musikalische Visionen. „Das ist Musik, die den tiefen Glauben des Künstlers erkennen lässt“, schrieb der „New Musical Express“ und artikulierte damit Verständnis für die Anliegen Frickes. Auch mit neuer Stilrichtung erspielten sich Popol Vuh eine Vielzahl treuer Anhänger und bekamen 1972 sogar den Zuschlag, die Musik zu Werner Herzogs Kinofilm „Aguirre, der Zorn Gottes“ zu komponieren.

DISKOGRAFIE

embryo 1973EMBRYO

OPAL (1970)
EMBRYO’S RACHE (1971)
FATHER SON AND HOLY GHOST (1972)
STEIG AUS (1972)
ROCKSESSION (1973)
WE KEEP ON (1973)
SURFIN’ (1975)
LIVE (1976)
BAD HEADS AND BAD CATS (1976)
APO-CALYPSO (1977)
EMBRYO’S REISE (1979)
EMBRYO + KARNATAKA
COLLEGE OF PERCUSSION (1980)

*(viele weitere Alben ab den 1980ern)

FRUMPY

ALL WILL BE CHANGED (1970)
FRUMPY 2 (1971)
BY THE WAY (1972)
LIVE (1973)

Photo of AMON DUULAMON DÜÜL

PHALLUS DEI (1969)
YETI (1970)
TANZ DER LEMMINGE (1971)
CARNIVAL IN BABYLON (1972)
WOLF CITY (1972)
VIVE LA TRANCE (1973)
LIVE IN LONDON (1974)
HI JACK (1974)
MADE IN GERMANY (1975)
PYRAGONY X (1976)
ALMOST ALIVE (1977)
ONLY HUMAN (1978)

*(weitere Alben ab den 1980ern)

POPOL VUH

AFFENSTUNDE (1970)
IN DEN GÄRTEN PHARAOHS (1972)
HOSIANNA MANTRA (1973)
SELIGPREISUNG (1973)
AGUIRRE (1975)
EINSJÄGER & SIEBENJÄGER (1975)
DAS HOHE LIED SALOMOS (1975)
LETZTE TAGE – LETZTE NÄCHTE (1976)
COEUR DE VERRE (1977)
NOSFERATU (1978)
BRÜDER DES SCHATTENS –
SÖHNE DES LICHTS (1978)
DIE NACHT DER SEELE (1979)

*(viele weitere Alben ab den 1980ern)

ZEITZEUGEN: CHRISTIAN BURCHARD (EMBRYO)

PICT6366_kleinChristian Burchard begann in den Sechzigern als Vibraphonist mit Free Jazz und Weltmusik. 1969 wechselte er zum Schlagzeug und formierte Embryo als Gegenentwurf zu Amon Düül, die nach ähnlichen Anfängen ihre Jam-Sessions zunehmend stärker gegen straffere Songstrukturen eintauschten. 1976 gründete Burchard unter anderem mit Ton Steine Scherben und Missus Beastly das Band-eigene Label „April“, später umbenannt in „Schneeball“.

Christian, wie kam es dazu, dass ihr Anfang der Siebziger als Jazz Rock-Band vom Goethe-Institut nach Nordafrika eingeladen wurdet?

Wir hatten damals bereits einen ziemlich guten Ruf in der Szene, weil wir immer wieder hervorragende Musiker für Embryo gewinnen konnten. Unser Debütalbum OPAL wurde über das Ohr-Label von Heinz-Ulrich Kaiser veröffentlicht, der ein echter Fachmann für flächendeckende Werbung war. So wurde irgendwann sogar „Der Spiegel“ auf uns aufmerksam und berichtete über Embryo. Das wiederum entdeckte ein Mitarbeiter des Goethe-Instituts in Casablanca, der daraufhin entschied: „Die will ich hier sehen!“ Wir bekamen einen Anruf, dass uns Flüge und alle Unkosten erstattet werden, aber wir wollten lieber mit eigenen Autos fahren, um auch etwas von den Ländern und ihrer Kultur mitzubekommen. Und ich muss sagen: Es war eine absolute Abenteuerreise.

Bei der allerdings nicht alles reibungslos verlief.

Richtig. In Tanger oder Casablanca spielten wir in großen Sälen, wo uns die Leute enthusiastisch feierten. In Algerien und Tunesien dagegen war es durchaus kritisch. Algerien war kommunistisch, die Obrigkeit also absolut skeptisch gegenüber langhaarigen Musikern aus dem Westen. Eigentlich waren dort zwei Konzerte angesetzt, aber nachdem die Zuschauer am ersten Abend vor Begeisterung völlig ausgeflippt waren, wurde die zweite Show einfach abgesagt. In Tunesien standen Ordner links und rechts von der Bühne und führten jeden sofort ab, der zu tanzen anfing.

Kannst du dich auch noch an euren Auftritt bei den Olympischen Spielen erinnern?

Oh ja, sehr gut sogar. Die Olympischen Spiele waren quasi Brot für uns Musiker, weil genug Geld da war, um Bands für ihre Konzerte ordentlich zu bezahlen. Wir spielten wie viele andere Künstler in der Spielstraße, quasi die Kulturmeile der Olympiade mit einer sehr schönen Open-Air-Bühne. Es war unser erster Auftritt mit dem Weltstar Charly Mariano, den wir uns nur deshalb leisten konnten, weil wir in München genügend Gage bekamen. Charly Mariano gefiel sein Embryo-Gastspiel so gut, dass er in den Jahren danach immer mal wieder, auch für weniger Geld, mit uns gespielt hat.

Habt ihr etwas vom Terroranschlag auf die israelische Olympiamannschaft mitbekommen?

Nur das, was alle anderen auch aus der Presse erfahren haben. Meines Erachtens hätte man dieses sinnlose Blutvergießen verhindern können, aber mit Leuten wie Franz-Josef Strauß an der Spitze …. na ja, was soll ich sagen? Politisch war der nun wirklich nicht unser Freund.

Es war auch die Zeit der RAF mit ihren Köpfen Andreas Baader, Ulrike Meinhof und Gudrun Ensslin. Du persönlich warst zwar nie radikal, trotzdem standen Embryo doch sicher auch im Fokus von Verfassungsschutz und Rasterfahndung.

Und ob! Die erste Kommune, in der wir mit Embryo zusammen lebten, war in München am Rosenheimer Platz. Zwei Etagen unter uns wohnten Brigitte Mohnhaupt und Rolf Heißler, damit stand irgendwann natürlich das ganze Haus unter Generalverdacht. Außerdem kann ich mich daran erinnern, dass wir auf Tourneen mehrmals im Rahmen der Rasterfahndung mit Maschinengewehren aus dem Bandbus gezerrt und sehr genau untersucht wurden. Es war die Zeit, als beispielsweise die Studenten die Münchner Kunstakademie besetzten und alles übermalten, was vorher von Leuten geschaffen wurde, die als Designer unter Hitler gearbeitet hatten. Für diese linke Studentenschaft haben wir ja auch gespielt, logisch, dass man uns skeptisch beäugte.

Embryo gibt es auch heute noch. Wie hast du es geschafft, dass die Band überlebt hat?

Wir haben mit Embryo nie aufgehört und zudem das Glück, auch oft im Ausland gebucht zu werden. Vor allem in Italien, Slowenien, Kroatien, Frankreich und Spanien gibt es weiterhin eine große Nachfrage nach Embryo-Konzerten, eigentlich in ganz Europa. Natürlich gab es auch Phasen, in denen wir an uns gezweifelt haben. Vor unserer ersten Indienreise beispielsweise wollten wir uns auflösen, weil wir den Eindruck hatten, uns im Kreis zu drehen. Doch nach dieser Reise war alles wieder neu und spannend, und so hat Embryo nie aufgehört zu existieren.