Jake Bugg – Den Hochhäusern entwachsen

Jake Bugg
Hui, das ging aber schnell. Aber Jake Bugg ist eben fleißig. Mit 18 war der Songwriter schon Nummer eins der britischen Charts und Megahoffnung der Insel als Dylan/Gallagher-Hybrid der Sozialbauten. Warum also nicht zwölf Monate nach dem Debüt schon Album Nummer zwei nachlegen? Allerdings: SHANGRI LA entstand unter ganz anderen Vorzeichen als der Erstling.

Das verrät schon der Albumtitel. Shangri La, der Name von Rick Rubins Studios in Malibu, Kalifornien. Malibu. Ist das nicht so weit weg von Clifton wie nur möglich? Clifton, der raue Stadtteil Nottinghams, ehemals Europas größte Hochhaussiedlung. Genau die triste, graue Welt der Arbeits- und Hoffnungslosigkeit, wie sie der Filmemacher Shane Meadows („This Is England“) in seinen Dramen in Szene setzt. Meadows stammt selbst aus dem Problemviertel, genauso wie Bugg. Der entging dem Weg vieler seiner Alterskollegen in Kleinkriminalität und Drogensucht, weil er seine Gitarre hatte. Weil er sich raushielt, beobachtete und Songs wie ›Trouble Town‹ und ›Seen It All‹ über dieses Umfeld schrieb. Erstaunlich klassische, aus der Zeit gefallene Songs – Jakes erstes Vorbild war Don McLean –, die ihm aber letztlich sein Ticket aus Clifton verschaffen sollten.

Jakes Debütalbum ging durch die Decke, nicht nur auf der Insel. Nicht nur dort, wo er den „workingclass lad“ überzeugend verkörperte. Sondern auch dort, wo man keine Ahnung hat, was ein „working class lad“ ist. Auf dem Kontinent, wo Bugg einfach als Britpopper á la Damon Albarn/Noel Gallagher/Alex Turner wahrgenommen wurde, weil man keinen Unterschied zwischen dem Kunststudenten Albarn und dem Rowdy Gallagher macht, Hauptsache Brite. Erstaunlich gut lief es aber auch in Amerika. Wo Sozialsiedlungs-Referenzen erst recht in die Leere laufen sollten. Aber auch hier war man happy, folgende Gleichung aufzustellen: junger, cleverer, schnoddriger Typ+Gitarre=neuer Dylan.

Dass Producer Rick Rubin ins „Shangri-La“-Studio lud, beweist bereits, was man dem Jungen zutraut. Rubin hat sich in den letzten Jahren schließlich darauf spezialisiert, Ikonen zu entstauben: Johnny Cash. Neil Diamond. Eminem. Keine schlechte Gesellschaft für den 19-Jährigen. Noch so ein Ritterschlag: Buggs Begleitband in Malibu. Die Crème de la Crème der Studiomucker: Matt Sweeney an der Gitarre, Jason Lader am Bass, Pete Thoms, auch Chad Smith an den Drums. Ein Team, das dafür sorgt, dass SHANGRI LA makellos klingt und die Frische des Debüts konserviert.

Dass in Buggs Transformation zum US-Darling auch eine Gefahr liegt, nämlich die Connection zu seinem ursprünglichen Brit-Publikum zu verlieren, das ist Jake durchaus bewusst. Das thematisierte er selbst im Vorfeld der Veröffentlichung. Als wir ihn darauf ansprechen, klingt er mutiger: „Angst habe ich davor keine. Ich schreibe weiterhin über das, was abgeht, nur halt aus einer anderen Perspektive. Ich glaube, ich bin offener geworden. Früher war ich ja nie aus Nottingham raus gekommen.“ Dennoch kann ein Song wie das Albumhighlight ›Messed Up Kids‹ (über ein obdachloses Pärchen, er auf Drogen, sie Prostituierte) immer noch im trostlosen England spielen, auch wenn das Stück im sonnigen Kalifornien eingespielt wurde. „Das sind ja Dinge, die ich miterlebt habe. Jetzt sehe ich halt von außen drauf. Früher steckte ich mittendrin.“ Jake ist sich sicher: „Ich werde nie vergessen, wo ich herkomme. Das ist es doch das, was mich zu dem gemacht hat, der ich bin.“

Henning Furbach