Foo Fighters: Die Retter

Die Welt beklagt den Untergang der Rockmusik, die von der Musikindustrie, den Massenmedien und dem gemeinen Allerweltspop an den Rand des Exitus geführt werde. Alles Quatsch, meinen diese fünf Herren aus Kalifornien, die 2014 ihr 20. Dienstjubiläum begehen und mit SONIC HIGHWAYS nicht nur ihr achtes Album vorlegen, sondern auch einen Weg aus der hausgemachten Krise aufweisen: Mit frischen, unkonventionellen Ideen, geballtem Ehrgeiz und einer Bodenständigkeit, die ihresgleichen sucht. Attribute, die die FOO FIGHTERS zur wichtigsten Rockband der Gegenwart machen – und Mastermind DAVE GROHL zum ultimativen Retter. CLASSIC ROCK hat den 45-Jährigen in London getroffen.

Wo die Foo Fighters Ende September gleich eine ganze Woche residieren. Und das im gar nicht so bodenständigen Berkeley-Hotel in Knightsbridge, einer mondänen 5-Sterne-Residenz, in der sich aufgebrezelte Milfs im Perlmuttkleid zum Nachmittagssekt treffen und das billigste Zimmer stolze 400 Pfund kostet. Nur, dass Dave Grohl & Co. nicht die Besenkammer, sondern selbstredend geräumige Suiten bewohnen – und ein seltsames Programm aus allabendlichen Live-Trainingseinheiten (unter dem Pseudonym THE HOLY SHITS), Fotosessions für Starknipser Ross Halfin sowie Interviews für die englische Presse absolviert. Der Rest der Welt (also alles außer dem UK) wird an einem internationalen Pressetag im 10/20-Minuten-Takt abgefrühstückt – zwischen dem Besuch eines Arsenal/ManCity-Spiels und einem weiteren Gig. Also so, als wären diese Territorien nicht weiter relevant.

Big Bahnhof

Ein Eindruck, der Dave Grohl genau so unangenehm ist, wie das Szenario, das sich daraus ableitet und an eine nordkoreanische Militärübung erinnert: Die Foos und ihre Entourage aus Bodyguards, Management und übereifrigen Plattenfirmendamen nehmen die gesamte dritte Etage des Luxushotels in Beschlag und vor jeder Zimmertür, hinter der sich ein Bandmitglied verbirgt, bilden sich lange Schlangen an Journalisten, die kurz eingelassen und ganz schnell wieder heraus komplimentiert werden. Eben wie auf einem Bahnhof – und für alle Beteiligten höchst unangenehm. „Ich weiß auch nicht, warum das so ablaufen muss“, gesteht ein genervter Dave Grohl. „Ich meine, wir sind ein paar Tage hier, da könnte das viel entspannter vonstattengehen. Aber hey, das ist nicht meine Entscheidung, sondern das überlasse ich den Leuten, die wir dafür engagiert haben. Und natürlich bin ich damit nicht happy, doch das werde ich in einer ruhigen Minute anmerken“, spricht´s und bemüht sich um eine halbwegs entspannte Gesprächssituation.

The Holy Shits

Er reicht Kaffee, erkundigt sich nach dem Befinden seines Gegenübers und erzählt mit großen, leuchtenden Augen von den Guerilla-Gigs, die er aktuell in schöner Unregelmäßigkeit bestreitet. „Das Ding ist, dass wir uns auf die großen Festivals vorbereiten müssen, die wir bis zum Beginn unserer Welttournee, Anfang 2015, vor der Nase haben. Und das sind zwei in den USA und zwei in Südafrika. Wobei wir uns nicht einfach so, also ohne zu üben, auf die Bühne stellen können, weil wir dann vollkommen abkacken würden. Sondern wir müssen eingespielt und fit sein. Was nur klappt, wenn wir uns gründlich vorbereiten und so viele Test-Konzerte bestreiten, bis wir wirklich tight sind. Genau das machen wir hier: Wir gehen jeden Abend auf die Bühne, und zwar unter dem Namen The Holy Shits, der so schlecht ist, dass er schon wieder etwas Geniales hat. Und das Publikum besteht nur aus Hardcore-Fans, die wir kurz zuvor über Twitter informieren. Was bedeutet: Das sind alles Leute, die uns kennen und vor denen wir uns keine Blöße geben dürfen.“

Das Ebenbild

Was insbesondere für die Mitglieder der weltweit ersten Foo Fighters-Coverband, den Foo Fighters UK, gilt. Eine Truppe, die nicht nur wie das Original klingt, sondern auch genauso aussieht. Vor allem Sänger Jay, der seinem Vorbild wie ein Ei dem anderen gleicht, was bei Dave für ein lautes, glucksendes Lachen sorgt. „Ist das nicht irre? Bislang kannte ich niemanden, der freiwillig aussehen will, wie ich. Aber er hat das zum Beruf gemacht. Und als ich ihn im Publikum sah und der nächste Song ›White Limo‹ sein sollte, für den mir schlichtweg die Puste fehlte, habe ich ihn halt auf die Bühne gebeten. Eben mit den Worten: „Ladies and gentlemen – me“. Er war verdammt gut, vielleicht sogar besser als ich. Was mich total fertig gemacht hat. Also zu wissen, dass uns da Leute zugucken, die unsere Songs wahrscheinlich besser beherrschen als wir und die sich den Mund zerreißen, wie schlecht wir doch sind. Aber in dem Moment als es um ›White Limo‹ ging, war ich froh, dass Jay da war. Ich habe mich einfach auf die Rhythmusgitarre konzentriert, und das war ein tolles Gefühl.“ Das bei dem Mann mit dem Holzfällerhemd, dem Vollbart und dem schulterlangen Haar für einen perfiden, wenngleich nicht ganz ernst gemeinten Plan sorgt: „Ich habe diese Idee, die vielleicht nicht zu realisieren ist, aber die ich gerne mal ausprobieren würde. Nämlich dass ich unseren Drummer Taylor dazu überrede, der neue Sänger der Band zu werden, während ich mich wieder ans Schlagzeug setze. Dann steige ich aus und werde von einem neuen Drummer ersetzt. Was bedeuten würde, dass ich meinen Lebensabend damit verbringen könnte, mir die Foo Fighters live anzusehen und ab und zu ein paar Songs für sie zu schreiben oder ein Album zu produzieren.“

Geballter Ehrgeiz

Doch dieser Gedanke, der an Brian Wilson und die Beach Boys erinnert, entspricht so gar nicht dem Ehrgeiz, der Leidenschaft und der Energie, die Dave tatsächlich in die Foo Fighters investiert, und die den Status begründen, den die Band heute, zum 20. Dienstjubiläum Jahre, im Musikgeschäft wie in der globalen Rock-Community einnimmt. Nämlich als eine der konstantesten, erfolgreichsten und spielfreudigsten Formationen der Welt, die alle zwei bis drei Jahre mit einem neuen Studioalbum aufwartet, allein in den USA über elf Millionen Einheiten verkauft hat, längst jede Multifunktionsarena der westlichen Hemisphäre füllt und dabei nie den Spaß an sich und der Musik verloren hat. Was sich in witzigen Videoclips, energetischen Gigs, namhaften Freunden wie Sympathisanten, aber auch in immer anspruchsvolleren, aufwändigeren Projekten manifestiert.

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Foo Fighters ›Something From Nothing‹: