Circus Krone – Stars in der Manege

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The Beatles! Raubtierpisse! Eine Dachkuppel aus Holz! Der Circus-Krone-Bau ist zweifellos eine der originellsten Konzerthallen der Republik. Die Autoren Herbert Hauke und Arno Frank Eser erzählen in ihrem reich bebilderten Prachtband „Manege frei für Rock’n’Roll“ die Geschichte des Münchner Musiktempels.

Keine Frage: München ist definitiv nicht die Hauptstadt der deutschen Rock-Landschaft. Die verortet man je nach musikalischer Sozialisation in Berlin, weil dort so furchtbar viele Kreative abhängen und zwischenzeitig David Bowie wohnte. Oder in Hamburg, Stichwort „Star Club“, weiteres Stichwort: „Hamburger Schule“. Hardrocker bevorzugen Hannover-of- Scorps-Fame, Elektroniker und Punks schwören auf Düsseldorf, weil dort ein Kraftwerk steht und der Ratinger Hof. Aber München? Nein. Sehr gemütlich, etwas behäbig. In den 70ern mal wichtig, weil hier Donna Summer stöhnte und Rockprominenz Platten aufnahm.

Aber immerhin steht hier bis heute, in der Marsstraße 43, eine heilige Halle, in der so ziemlich jeder spielte, der in der Rockwelt wichtig war oder ist: der Circus-Krone-Bau. Jetzt in einem Buch verewigt von Arno Frank Eser und Herbert Hauke.

Nun gibt es bekanntlich jede Menge Bücher, die so ziemlich jeden Aspekt der Popkultur abdecken. Einer Konzerthalle wurden bislang eher selten literarische Ehren zuteil. Wie kamen Sie darauf, die Konzertgeschichte des Krone-Baus zu erzählen?
Hauke: In der Hauptsache durch sehr intensive eigene Konzerterlebnisse. Darunter die Geschichte einer Rose, die ich 1973 Tina Turner auf die Bühne geworfen habe und die mich ab diesem Zeitpunkt wie ein Zauber hinter die Kulissen der Rockkonzerte geführt hat. Andererseits die Gespräche mit vielen Weltstars, die diesen Ort als magisch empfinden und immer wieder danach streben, dort aufzutreten. Unbestritten ist es aber ein Ort mit einzigartiger Familien- und Artisten-Geschichte. Und seit über fünf Jahrzehnten eine der Hauptschlagadern der Münchner Kultur.
Eser: Der Circus Krone ist schlechthin die Geburts-Stätte der Münchner und der bayerischen Beat- und Rockszene. Jeder Musiker will hier auftreten, atmet die Luft der Historie. Die Idee zum Buch kam von meinem Rockmuseums-Partner Herbert Hauke. Und ich bin froh, dass er mich als Schreiberling vom Dienst mit an Bord geholt hat.

In Ihrem Buch beschreiben Sie die enorm wichtige Rolle, die Hans Schulz dabei spielte, den Krone-Bau für Rock-Konzerte zu öffnen. Damals eine gewagte Entscheidung, denn derartige Shows galten in der Öffentlichkeit als Synonym für Randale. War Herr Schulz ausgewiesener Rock-Fan, oder war diese neue Nutzung vor allem wirtschaftlichen Notwendigkeiten geschuldet?
Hauke: Weder das eine noch das andere. Herr Schulz kam zu diesem Job wie die Jungfrau zum Kind. Aber die Musik der 60er Jahre schlüpfte gerade von den kleinen Clubs in größere Hallen, siehe Beispiel Beatles, denen der „Star Club“ in Hamburg sozusagen über Nacht zu klein geworden war. Und einer der ersten Veranstalter von Beatkonzerten, Karl Buchmann, war Anfang der 60ger Jahre auf der Suche nach geeigneten Auftrittsorten. Unter anderem 1965 für einen Auftritt der Rolling Stones, aber auch mit vielen Beat- und Schlager-Showpaketen. Schulz hatte Vertrauen in das Buchmann-Konzept. Er ließ 1966 die Beatles ohne Versicherung der Veranstaltung auftreten. Der Versicherung war das zu riskant, aber er kannte sie aus Hamburg und sah somit überhaupt kein Problem. Die Beatles sind doch „nette Leute“, da gibt es keine Krawalle. Behördenbedenken wischte er vom Tisch und nahm das Risiko auf sich. Damals ein gewagter Schachzug, auf dem absoluten Höhepunkt der „Beatlemania“.
Eser: Soviel ich weiß, war es eine Mischung. In seinen zum Teil über fünf Dekaden reichenden Privataufzeichnungen sieht man, dass ihm das Ganze Spaß gemacht hat, dass er auf der Seite der Fans war.

Vermutlich ist der Krone-Bau Deutschlands einziger Konzerttempel, in dem es immer ein wenig nach Pferd riecht. Was macht Ihrer Meinung nach den besonderen Charme der Halle aus?
Hauke: Nun, wenn es nur nach Pferd riechen würde. Nein, es riecht nach Bier, Schweiß, Pferdedung und Raubtierpisse. Und das zusammen ist weltweit doch recht einzigartig. Nein, im Ernst, an vielen Orten haben die Hallen den Charme einer ländlichen Turnhalle oder sind künstliche Arenen von Firmen, die ihren Namen damit promoten. Man findet im Krone-Bau noch den sehr warmen architektonischen Charme der 60er Jahre, unter einer wunderbaren hölzernen Rundkuppel. Und die wunderbare Nähe zum Publikum nach drei Seiten lässt dort Fans und Künstler regelmäßig zu absoluter Hochform auflaufen.
Eser: Es ist bestimmt nicht der Geruch nach Pferd, der den Charme ausmacht. Eher der Geruch nach Historie, nach Mythen, Anekdoten und Erinnerungen.

Rock-Konzerte hatte es im Krone-Bau schon zuvor gegeben, doch mit den Rolling Stones kam im September 1965 ein ganz neues Kaliber. Gut 20 Minuten Konzert und jede Menge Hysterie für 6,90 DM. Einen Tag später wurde dann in Berlin die „Waldbühne“ zerlegt. Waren die Verantwortlichen derartigen Shows damals überhaupt gewachsen?
Eser: Teils ja, teils nein. Es war viel Liebe zur Sache erforderlich. Und Gottvertrauen, das schon nichts passieren wird.
Hauke: In München war die gewaltbereite Szene schon immer etwas dünner als etwa in Berlin oder Hamburg. Anfangs waren allerdings gefühlt genauso viele Polizisten wie Besucher bei den Konzerten. Diese Präsenz fuhr man im Lauf der Jahre deutlich nach unten. Man hatte viel aus den berüchtigten Schwabinger Krawallen gelernt und setzte seither mehr auf Kommunikation als auf martialisches Auftreten. Gelegentliche Ausnahmen seien hier nicht erwähnt.

Nach ihrer Hamburger Zeit spielten The Beatles, die mit Abstand größte Band jener Ära, nur noch dreimal in Deutschland. Neben Shows in Essen und Hamburg gab’s 1966 auch ein Konzert in München. War das für den Krone-Bau eine Art Ritterschlag?
Hauke: Auf alle Fälle. Das ist unbestritten das historischste Konzert im Krone-Bau. Obwohl Zeitzeugen von einem eher schwachen Auftritt der Fab Four berichten, wurde dieser nachträglich zu einem Meilenstein der Musikgeschichte. Denn bereits zwei Monate später fand das allerletzte Live-Konzert der Beatles vor Publikum statt. Dadurch war man aus heutiger Sicht bei einem bedeutenden zeitgeschichtlichen Ereignis dabei.
Eser: Ganz bestimmt. Noch heute bringt man den Namen Circus Krone in musikalischer Hinsicht als erstes mit den Beatles zusammen. Deshalb sind auch The Beatles auf dem Titelbild unseres Buches.

Einerseits gastierten mit den Beatles und Stones prominente Acts in München, doch verglichen mit Hamburg, dem Ruhrgebiet und Westberlin, wo es angeblich die höchste Beatband-Dichte Deutschlands gab, war die bayerische Landeshauptstadt Mitte der 60er Jahre doch eher Rock-Provinz. Es gab zwar zahlreiche Clubs, aber lokale Bands traten kaum in Erscheinung. Woran könnte das gelegen haben? Tat man sich in München besonders schwer mit der neuen Jugendkultur?
Hauke: Das war tatsächlich lange Zeit so der Fall. Die Gründe müsste wohl eher ein Soziologe erklären. Fakt ist, dass am Aufmarsch der lokalen Prominenz gemessen, Rock und Pop heute in München mittlerweile sehr salonfähig sind. Selbst Politiker schmücken sich ja mittlerweile damit, im Herzen ganz echte Rocker zu sein. Was dem echten Rockfan aber nur ein mildes Grinsen abringen kann.
Eser: Wenn ich mir die Geschichten von Hans Schulz anhöre, dann hatte er immer dann besondere Schwierigkeiten mit den Behörden, wenn es um Beat und Rock ging. Die „langhaarigen Gammler“ aus dem Englischen Garten, die Bob-Dylan-Lieder sangen, waren Anfang der 60er Jahre den soliden Bayern ein ganz besonderes Feindbild. Da fielen auch oft mal ganz schlimme Sprüche. Von wegen, der Hitler hätte vergessen, diese Typen zu vergasen und so weiter. Solche Sprüche habe ich, selbst langhaarig, selbst „Gammler“, am bayerischen Tegernsee fast tagtäglich am eigenen Leib erfahren. Die so genannte „Liberalitas Bavariae“, leben und leben lassen, griff in diesem Fall erst viel später.

Inwieweit half die Präsenz amerikanischer Soldaten und ihres Radiosenders AFN, den Rock’n’Roll auch im gemütlichen München zu etablieren?
Hauke: Das hatte sicherlich am Anfang erheblichen Einfluss. Insbesondere gab es viele kleine Live-Clubs in denen man der „neuen Musik“ lauschen konnte. Auch wenn es gelegentlich ordentliche Rangeleien ergab, wenn die „Amis“ die „deutschen Frolleins“ anmachten. Aber hier mischten sich amerikanische und bayerische Musiker, die passionierte Rock’n’Roll-Fans waren. Sie brachten teils rasante Shows auf die Bühne, unter anderem in einem Lokal namens „Cracker Box“. In dieser „Kekstüte“ ging seinerzeit gewaltig die Post ab. Aber auch in vielen US-Kasernen wurde abends abgerockt.
Eser: Die Amerikaner und der AFN halfen sehr. Man weiß ja heute, warum das so lief – das hatte politische Gründe. Aber ich bin jetzt mal ganz frech und behaupte, ohne den AFN hätte es nie Bayern 3 (Pop-Radiosender des Bayerischen Rundfunks, Anm. des Autors) geben können. Obwohl B 3 natürlich nur ein nasser Abklatsch war und ist.

Die Musicland-Studios und Giorgio Moroder brachten München dann in den 70ern mit Macht auf die Poplandkarte. ELO, Rolling Stones, Led Zeppelin, Deep Purple, Rainbow, Queen – viele Acts nahmen ihre Platten plötzlich in München-Bogenhausen auf. Hervorragende Studios gab es sicher auch woanders. Was trieb diese Bands ausgerechnet nach München?
Eser: Die Triebe. Weibergeschichten. Kaum ein bekannter Musiker, der nicht ein Gspusi in München hatte. Dann natürlich die Münchner Lebensart, beeinflusst von Italien: Biergärten, Feste im Freien und so weiter.
Hauke: Nun, die Münchner Damenwelt hat so Einiges zu bieten und Freddie Mercury erfreute sich an den freizügigen Möglichkeiten im Untergeschoss der „Deutschen Eiche“. Kleine Clubs wie das „PN“, „Big Apple“ oder später das „P1“ aber auch „Sugar Shack“ und „Tiffany“ wurden für die Rolling Stones und andere Stars ein zweites Wohnzimmer. Und dann gab es ja auch noch eine gewisse Uschi Obermaier, die bereits in den wilden 60er Jahren die Elite der Rockstars mit ihrer wilden Schönheit den Kopf verdreht hatte. Da kam man doch immer gerne nach Schwabing zurück.

Bezüglich der deutschen Musikszene in den 60ern und 70ern stand mal irgendwo geschrieben: „In Hamburg wurde gerockt, in Berlin politisiert, in München gefeiert“. War München also die Hedonistenhochburg, in der sich Charaktere wie Mick Jagger und Freddie Mercury zwangsläufig wohlfühlen mussten? Oder ist das nur ein Klischee?
Hauke: Das ist ein Klischee, genauso wie das gesamte Bayernbild, das in manchen Teilen außerhalb Bayerns noch auf dem Stand des 18. Jahrhunderts ist. München ist geographisch sozusagen der nördlichste Teil Italiens und somit ist hier auch mal pure Lebensfreude keine Schande. Jeder, der schon mal an einem heißen Sommertag in einem Münchner Biergarten war, weiß wovon ich rede.
Eser: Kein Klischee. Ich sag’s doch: Weibergeschichten, Partys im Freien, der weißblaue Himmel, das schöne Wetter, oans, zwoa, gsuffa!

Bisweilen spielen Acts, die vermutlich auch die Münchner Olympiahalle ganz ordentlich füllen könnten, lieber im Krone-Bau. Was mag der Grund dafür sein?
Hauke: So manche Band hat mittlerweile erkannt, dass ein Gig im vollen Circus Krone mehr Spaß macht als in einer wegen mangelnder Kartennachfrage in der Mitte mit Vorhang abgehängten Olympiahalle. Und die Bands, die eine Riesenhalle mit zehntausend Leuten füllen können, werden wohl in Zukunft recht handverlesen sein.
Eser: Es ist Nostalgie. Sie wollen wieder zurück zu den Wurzeln. Obwohl es eine große Aufgabe ist, im Krone immer den richtigen Sound hinzukriegen. Und die, die noch nie da waren, wollen sich in die Reihe der großen Namen stellen.

In der einstigen Rudi-Sedlmayer-Halle, heute nach einem Automobilhersteller benannt, wird nur noch Basketball gespielt; die Olympiahalle fasst zwar über 15.000 Zuschauer, ist aufgrund der gewöhnungsbedürftigen Akustik aber nicht gerade das Gelbe vom Ei. Bleibt der Krone-Bau mit seinen rund 3000 Plätzen also weiterhin Münchens beste Adresse?
Eser: Das empfindet sicher jeder Besucher anders. Aber für mich ist und bleibt der Circus Krone die beste Adresse für Rockkonzerte.
Hauke: Für den, der seine Künstler beim Auftritt nicht nur über große Monitore sehen will, und das Ameisengefühl in einem Riesenstadion satt hat, auf alle Fälle. Und ich denke, dieses Gebäude hat mittlerweile Kultstatus. In einer Welt, in der vieles recht schnell in der Bedeutungslosigkeit und Beliebigkeit einer schnelllebigen Zeit verschwindet, ist das etwas recht Wertvolles. Der weltbekannte Autor Stephen King sagte Mitte November 2013 bei seiner Buchpräsentation im Circus Krone: „I have never been in a wonderful place like this in my life“. Diesen Ausspruch posteten die Veranstalter jedenfalls gleich ganz begeistert auf Facebook.

Was war Ihr erstes Konzert im Krone-Bau? Und welches war das Ihrer Meinung nach Beste?
Hauke: Mein erstes Konzert war die Ike & Tina Turner-Show. Das beste Konzert hat für mich Rory Gallagher abgeliefert, der seinerzeit Anfang der 70er Jahre sage und schreibe neun Zugaben gegeben hat. Und nur von der Bühne ging, weil ihm die nach den ersten fünf Zugaben noch verbliebenen und reichlich erschöpften Fans signalisierten, sie wären wirklich von ihm voll bedient worden. Das ist heute nicht mehr denkbar, jedenfalls nicht mehr bei Stars in seiner Kategorie.
Eser: Auf beide Fragen antworte ich mit: Led Zeppelin 1970. Die Band hatte sich deutlich verspätet, aus welchen Gründen auch immer. Sie fing erst gegen Mitternacht an. Mein letzter Bus nach Hause an den Tegernsee ging um 23.15 Uhr. Mein spießbürgerlicher Vater hatte mir angedroht, dass ich gleich ausziehen könnte von zu Hause, wenn ich zu spät kommen würde. Ich war 17 Jahre alt, damals wurde man aber erst mit 21 volljährig. Und ich habe mich richtig entschieden: für Led Zeppelin, gegen meinen Vater. Und ich hatte nicht nur ein geiles Konzert erlebt, sondern danach, in einer „Kommune“ – so hießen damals die Wohngemeinschaften – auch eine supergeile Jugend zwischen Sex, Drugs and Rock’n’Roll. So wie es sich gehört.

Was war Ihr kuriosestes Konzerterlebnis im Circus-Krone-Bau?
Hauke: Moody Blues, 1974 – ich war gerade mal zarte 19 Jahre alt. Im Konzert saßen drei amerikanische Soldaten, die in einer umgebauten Zigarettenschachtel unglaubliches Zeug rauchten. Ich saß direkt dahinter und erlebte alles etwa ab der Hälfte des Konzertes nur noch gefühlt unter der Zirkuskuppel schwebend. Irgendwie brachten mich diese Heilkräuter in einen Schwebezustand. Ich habe ›Nights In White Satin‹ hautnah erlebt. Drei Tage Kopfschmerzen waren der Preis für diesen kostenlosen Trip bei den Moody Blues.
Eser: Bob Dylan 1991. Alle fanden ihn super – ich fand ihn peinlich. Nun ja.

Uwe Schleifenbaum