My Chemical Romance

My_Chemical_Romance 2010 (1)Von wegen komplexe Künstlerseele: My Chemical Romance-Frontmann Gerard Way steht eigentlich auf Bon Jovi, Mötley Crüe und Springsteen – auch wenn er mit seiner eigenen Kapelle und deren aktuellem Album DANGER DAYS: THE TRUE LIVES OF THE FABULOUS KILLJOYS neuerdings in Richtung Punk Rock geht und den Anti-Star vom Dienst gibt.

Gerard, du bist ins Epizentrum der amerikanischen Unterhaltungsindustrie gezogen. Wann werden wir dich auf einem der vielen roten Teppiche erleben?
Gar nicht. Hier passiert in Sachen Kunst zwar gerade am meisten, aber größtenteils im Untergrund – die Szene wird von jungen, talentierten Leuten dominiert, die zwischen 20 und 30 sind. Das ist etwas, das du in New York definitiv nicht findest – da sind die Leute älter. Deshalb ziehe ich Los Angeles vor. Außerdem brauche ich eine Stadt, die mir die Ressourcen bietet, um unterschiedliche Dinge tun zu können. Sprich: Wenn ich hier einen Laden für Kunstartikel, ein Aufnahmestudio oder etwas in der Art brauche, muss ich nicht lange suchen. Und abgesehen davon ist L.A. ja auch der Ort, an dem wir seit Jahren unsere Platten aufnehmen. Von daher fühle ich mich hier zu Hause – oder besser: Ich habe mich daran gewöhnt. Was nicht heißt, dass ich viel mit dem üblichen Hollywood-Lifestyle zu tun hätte. Ich gehe nicht auf Partys, zu Premieren oder in die angesagten Clubs, sondern ich lebe ziemlich zurückgezogen. Dinge, die mich interessieren, sind Ausstellungs- oder Galerie-Eröffnungen. Insofern wird man mich auch nicht so schnell auf irgendeinem roten Teppich erleben. Das ist momentan eh das große Problem mit Rock-Musikern…

Wie meinst du das?
Na ja, ich finde, dass man bei solchen Anlässen einfach zu viele sieht. Dabei gehören sie dort definitiv nicht hin. Klar, ich verstehe schon, warum Popstars ihr eigenes Parfum auf den Markt bringen und solche Sachen. Aber gerade im Rock-Bereich gibt es derzeit viel zu viele Opportunisten. Und ich kapiere nicht, was so interessant daran ist, Geschäftsmann zu werden. Liegt es am Geld? Ist es das Ego? Die Presse? Das Konzept erschließt sich mir nicht. Denn traditionell sollten wir Rocker doch eher schlecht in finanziellen Dingen sein – und in spätestens zehn Jahren pleite. (lacht) Wir müssen gute Musik machen und schlechte Geschäftsentscheidungen treffen.

Wobei du mit deinen Comics, die demnächst verfilmt werden, doch auch ziemlich erfolgreich bist…
Das schon. Aber ich stelle mich damit nicht öffentlich zur Schau. Also ich gehe damit nicht in Talkshows, hänge das an die große Glocke und versuche, eine Celebrity zu werden. Es ist doch nur ein blödes Spiel, das scheinbar dazugehört, wenn du in einem kreativen Metier tätig bist – was schließlich dazu führt, dass die Leute den Blick für das Wesentliche verlieren. Das passiert mir nicht. Ich bleibe auf dem Boden und versuche, ein normales Leben zu führen.

Nämlich mit Ehefrau und einer kleinen Tochter namens Bandit Lee. Wie schlägt sich diese bürgerliche Existenz auf die Musik von DANGER DAYS: THE TRUE LIVES OF THE FABULOUS KILLJOYS nieder?
Auf ziemlich ungewöhnliche Weise. (lacht) Denn ich habe eines festgestellt: Je glücklicher ich im Leben bin, desto aggressiver werden meine Songs. Keine Ahnung, warum das so ist – aber es stimmt hundertprozentig. Denn unsere neuen Sachen sind mit die wütendsten, die wir je gemacht haben. Was ziemlich interessant ist. Gleichzeitig ist es aber auch eine witzige Art von Hass…

Was soll das denn bitte sein?
Es ist eine Art von Hass, die zwar eine Menge Power hat, aber eben nicht wahnsinnig ernst gemeint ist. Ich weiß nicht, wie ich das besser formulieren soll, aber dieser rebellische Geist, der da zweifellos vorhanden ist, richtet sich in erster Linie gegen uns selbst. Wobei es uns immer noch darum geht, tolle Songs zu schreiben. Ich schätze, oft ist es einfach so, dass Leute gegen sich selbst zu rebellieren versuchen – und dabei ganz bewusst alles zerstören beziehungsweise absichtlich keine gute Musik machen. Wie ein Anti-Statement, eine Verweigerung. Das tun wir nicht. Wir haben noch nie darauf verzichtet, richtig starke Melodien zu schreiben – und das werden wir auch in Zukunft nicht tun.

Wobei euer neues Album, das am 19. November erscheint, eher punkig als orchestral klingt. Eine bewusste Abkehr vom sinfonischen Bombast der BLACK PARADE?
Stimmt. Nur: Das war keine bewusste Entscheidung. Zwar haben wir darüber gesprochen, dass wir diesmal nicht so viele Streicher einsetzen wollen, aber letztlich war es einfach so, dass die Songs diese Elemente nicht ge-braucht haben. Und deshalb sind sie auch nicht eingesetzt worden. Stattdessen hat das Ganze etwas von diesem Prototyp-Punk der späten Siebziger – von den Misfits und Ramones. Aber auch vom Detroit-Sound der MC5 oder Stooges. Also Sachen, die es schon vor der Punk-Ära gab, nämlich in den frühen Siebzigern. Und um ehrlich zu sein: My Chemical Romance haben auch eine Garagen-Schlagseite. Vor allem, wenn wir live spielen. Das wollten wir mit diesem Album mehr nach außen kehren.

Wird es dann auch auf der Bühne weniger Make-up und Kostüme geben?
Ich kann nur so viel sagen: Es wird kein „Anti-Image“ geben. Denn das wäre mindestens so schlimm, wie wenn wir uns noch einmal in diese Marschkapellen-Kostüme zwängen würden. Das wird nie wieder passieren. Aber wir möchten versuchen, bei unseren Shows für eine Verbindung zwischen Kunst und Musik zu sorgen, uns also stark auf das Visuelle zu konzentrieren. Denn einfach nur in Jeans und T-Shirt auf die Bühne zu gehen, ist uns zu wenig – das ist nicht unser Ding.

Auch wenn ihr zuletzt im Giants Stadium in New Jersey das Vorprogramm für die ungekrönten Könige des Jeans-Rock bestritten habt – Bon Jovi?
Das war klasse! Im Ernst! Ich bin mit Bon Jovi aufgewachsen, fand sie immer toll. Insofern war es nett von den Musikern, dass sie uns überhaupt gefragt haben. Was sie aus dem einfachen Grund getan haben, weil Bruce Springsteen sie vor Jahren ebenfalls ins Giants Stadium eingeladen hat – diese Ehre konnten sie jetzt quasi an uns weitergeben. Das war eine richtige Hometown-Geschichte – die Alten stellen die Neuen vor. Wobei ich immer ein Kind aus New Jersey geblieben bin: Ich erinnere mich gerne daran, wie ich an die Küste gefahren und mich dort auf den Jahrmärkten am Glücksrad oder an den Luftgewehrbuden versucht habe, um einen Spiegel von Mötley Crüe oder einen Hut von Iron Maiden zu gewinnen. Das war mein Leben – und für viele Leute aus Jersey, die auf Metal, Rock und Hard Rock stehen, ist es das immer noch. Ich bin also einer von ihnen. Selbst wenn ich mittlerweile an der Westküste lebe.