Brad – Der glücklichste Mann im Rock

Gitarrist Stone Gossard ist ein Glückspilz, stets hat er großartige Sänger an seiner Seite: Eddie Vedder (Pearl Jam), Chris Cornell (Temple Of The Dog), Mark Arm (Green River), Andrew Wood (Mother Love Bone) und Shawn Smith (Brad). In diesen Tagen präsentieren Brad ihr fünftes Album UNITED WE STAND.

Brad 2012 (1)Schwein gehabt – diese beiden Wörter könnten als Titel einer Stone-Gossard-Biografie dienen. „Ich habe nie lange nach musikalischen Partnern gesucht, es waren immer Leute in meiner Nähe. Der glückliche Zufall hat eine große Rolle gespielt! Oft ist das, was direkt vor deiner Nase steht, das Beste“, wundert sich Stone Gossard und setzt hinzu, „ich bin der glücklichste Mann im Rock!“

Tatsächlich ist Shawn Smith, der Sänger von Gossards zweiter Band Brad, ein Riesentalent. Seine Stimme ist enorm ausdrucksstark und wandlungsfähig. Etliche Titel des neuen Albums UNITED WE STAND sind einfühlsam und zart, andere wiederum rocken und packen kräftig zu. „Shawn ist das zentrale Element unserer Band. Das Element, das von den anderen Mitgliedern unterstützt wird. Das war von Anfang an so. Brad gibt es jetzt seit 20 Jahren, und unsere Geschichte geht immer weiter, sie ist sehr auf-regend!“, versichert Gossard, der sich nicht scheut, mit Brad als Vorgruppe aufzutreten wie kürzlich als Support von Band Of Horses. „Es ist nicht wie bei Pearl Jam, wo wir so viel Erfolg hatten, dass der uns auch über schwierige Zeiten hinweg trug. Brad mussten immer kämpfen, um zusammen zu bleiben und Musik zu machen. Diese Platte bringt uns näher zusammen und zeigt, dass wir noch lange nicht am Ende sind.“

UNITED WE STAND zeigt die beiden Seiten von Brad: Auf der einen gibt es die sanften, introvertierten Lieder, in denen Shawn Smith auf unfassbar offene Weise seine verwundbare Seite zeigt. Und dann gibt es die andere, auf der Brad die Ärmel aufkrempeln und ungehemmt nach vorne marschieren. „Für mich sind Led Zeppelin die entscheidende Band“, erklärt Gossard. „Sie konnten eine keltische Akustikballade spielen und einen epischen Rocker wie ›Achilles Last Stand‹. Sie hatten immer diesen breiten Abwechslungsreichtum. Ich bin mit 70er Rock groß geworden, so dass ich immer wusste: Es gibt sowohl Raum für ruhige Lieder als auch für Songs mit einer Menge Energie.“

Typisch für Brad ist ihre experimentelle Arbeitsweise. „Wir gehen ins Studio und haben keine Ahnung, was passieren wird. Meist kommt Shawn als erster. Er nimmt ein Instrument in die Hand und spielt etwas, trommelt einen Beat auf den Drums, fügt ein bisschen Piano hinzu und singt dazu. Später stoßen wir hinzu und finden ein Fundament vor, auf das wir unsere eigenen Ideen bauen können“, beschreibt Gossard die Methode des Seattle-Vierers. Eine weitere Fähigkeit des talentierten Shawn Smith ist es, spontan Worte zu finden. „Er schreibt seine Texte auf der Stelle im Studio. Wenn Shawn eine Melodie hört, kann er etwas kanalisieren und einen Text aus der Luft greifen. Manchmal ändert er hinterher ein paar Zeilen, aber er ist sicher einer der mutigsten Sänger, was Lyrik betrifft.“

Doch natürlich ist auch Stone Gossard ein profilierter Songwriter. So war er Komponist oder Co-Komponist von acht der elf Lieder auf TEN, dem Erfolgsalbum von Pearl Jam aus dem Jahr 1991, darunter die Hits ›Black‹, ›Alive‹ und ›Even Flow‹. TEN begründete den Ruhm einer der wichtigsten Bands der 90er, es verkaufte bislang 13,5 Millionen Kopien.

Irgendwie war Gossard immer zur Stelle, wenn sich wichtige Bands zusammenfanden. Es begann mit Green River, wo er mit Vokalist Mark Arm erste Erfahrungen sammelte. „Das war die Zeit, in der ich gerade ein Jahr Gitarre spielte. Es war eine große Freude, eine Gruppe zu finden und Punk-Metal zu spielen. Bis dahin hatte ich nicht gewusst, was ich machen wollte und hatte keinerlei Hobbies wie etwa Sport. Wir kombinierten musikalische Elemente auf respektlose Art. Mit Green River begann alles für mich“, erinnert sich Gossard dankbar. „Das andere ist, dass nach dem Ende von Green River Mark Arm und Steve Turner die Musikwelt veränderten. Sie gründeten Mudhoney, die Band, die den Grunge erfand.“

Stone zog weiter zu Mother Love Bone, einer Kapelle, die besonders wegen der schrillen Persönlichkeit von Sänger Andrew Wood für Furore sorgte. „In der Band gab es eine Menge Potenzial, das sich leider nicht entfaltete. Andy war eine der intuitivsten, lustigsten und liebenswertesten Persönlichkeiten, die ich je getroffen habe. Leider konnten wir zu der Zeit nicht besonders gut kommunizieren“, bedauert der Gitarrist. Wood hat-te eine besondere Gabe, mit den Fans umzugehen, er galt als der „Comedian unter den Frontleuten Seattles“ und hätte wohl auch Schauspieler werden können. Nur wenige Tage vor Veröffentlichung ihres Debütalbums APPLE (1990) starb Andrew Wood an einer Überdosis Heroin.

Nach dem Tod des allseits verehrten Sängers entschloss sich Chris Cornell, ein Tribute-Album namens TEMPLE OF THE DOG aufzunehmen. Gossard war dabei, als diese einflussreiche Scheibe eingespielt wurde. „Es war ein Wunder!“, staunt er heute noch. „Die Platte klingt immer noch einzigartig. Chris’ Gesang und Songwriting waren ausgesprochen stark. Aber nicht nur das. Wir sorgten dafür, dass Chris völlig anders klang. Seine damalige Band Soundgarden hatte ihren Klang gefunden; Jeff (Ament, Bassist, immer an Gossards Seite) und ich lenkten ihn in eine andere Richtung. Wir zeigten ihm eine andere Seite seiner Lieder. Wir hatten sie vielleicht fünfmal geprobt, und er ging ins Studio und sang sie ein. TEMPLE OF THE DOG war eine der stärksten musikalischen Taten, mit denen ich je zu tun hatte. Ich könnte nicht stolzer auf diese Platte sein!“

Doch das ist noch nicht alles, was Gossard der Musikszene gegeben hat. 1994 gründeten er und Brad-Trommler Regan Hagar das Indie-Label Loose Groove. Diese Firma brachte 1998 das Debütalbum von Queens Of The Stone Age heraus, einer der einflussreichsten Bands unserer Zeit. „Wie gesagt, ich bin der glücklichste Mann im Rock!“, bekräftigt Stone. „Letztes Jahr feierten wir mit Pearl Jam unser zwanzigstes Jubiläum. Und mit wem spielten wir zusammen? Mit keinen Geringeren als Queens Of The Stone Age.“