Beth Hart – O’ zapft is

SBX_CD_Tray.inddEs ist ein wunderschöner Sommermorgen in der Münchner Innenstadt und Beth Hart, die sich ihren zahlreichen Dämonen stets mit äußerster Ehrlichkeit gestellt hat, reflektiert fröhlich darüber, wie sie eine schwere Schreibblockade überkam. „Ich musste eine neue, andere Quelle als den Schmerz anzapfen.“ Dabei hat sie eine reine Goldader freigelegt.

Die 40-jährige Kalifornierin gehört zweifellos zu den ganz großen Stimmen ihrer Generation: Ihr rauchiges Erdbeben-Timbre verpackt in einer einzigen Strophe ganze Ozeane tief gelittener Emotionen, und wenn sie die geballte Macht ihres Lungenvolumens entfesselt, kann jedes Nebelhorn einpacken. Doch ausgerechnet diese große Stimme hatte nichts mehr zu sagen. Zwar folgte ihrem letzten Solowerk MY CALIFORNIA von 2010 die überaus erfolgreiche Coversplatte DON‘T EXPLAIN mit Joe Bonamassa im Jahr darauf, doch als Beth ihr nächstes Album in Angriff nehmen wollte, war ihr kreativer Fluss versiegt. „MY CALIFORNIA war eine sehr düstere Platte und ich hatte das Gefühl, am Ende meines Songwritings angekommen zu sein“, denkt sie zurück. „Ich verstand erst nicht warum, aber dann wurde mir klar, dass ich all die Jahre immer aus demselben Blickwinkel geschrieben hatte. Ich musste mich herausfordern und wieder aus Leidenschaft schreiben, nicht weil es getan werden musste.“

Wie das geht, lernte sie unter anderem bei der Zusammenarbeit mit Jeff Beck. „Er ist schon so unglaublich lange dabei, aber hat die Energie eines Teenagers. Sein Geheimnis: Wann immer es zu bequem wird, muss er was völlig anderes in Angriff nehmen, um nicht selbstgefällig zu werden. Und dann las ich ein Interview mit Leonard Bernstein in der L.A. Times, in dem er sagte, dass man diesen Moment der Angst vor dem Neuen auskosten sollte, denn genau damit zeigst du, was für ein Künstler du bist. Das war der finale Auslöser für mich.“

Nur wie sie es angehen sollte, das wusste sie immer noch nicht – bis sie mit Joe Bonamassa arbeitete. „Durch dieses Projekt hörte ich wieder all die Soulklassiker und noch ältere Hits. Also genau die Musik, die ich als Kind liebte, Dinah Washington und so. Das inspirierte mich ungeheuer, ich hatte plötzlich all diese Musik in meinem Kopf, nur keine Ahnung, wie man sie spielt! Das musste ich wieder wie von vorn lernen und das war sehr anstrengend, aber auch wahnsinnig aufregend. Ich hatte so lange gedacht, dass ich total am Boden sein musste, um zu schreiben. Aber jetzt wurde mir klar, dass die Musik mir die Richtung vorgeben musste, und diese Musik erinnerte mich an eine glückliche Zeit. Daraus meine Inspiration zu ziehen, war eine neue, großartige Erfahrung.“

Das Resultat nennt sich BANG BANG BOOM BOOM und klingt wie keine Beth Hart-Platte zuvor. Klar gibt es sie noch, die introspektiven Blues-Reibeisen mit dem randvollen Whisky-Tank. Doch sie werden flankiert von fiebrigem Rock‘n‘Roll, elegantem Jazz, einer grandiosen Swing-Nummer wie direkt aus einem Hollywood-Musical der 40er und der gigantisch euphorischen Gospel-Rockhymne ›Spirit Of God‹. So enthusiastisch sie den Herrn darin auch lobpreist – unter die hysterisch geifernden Bibelklopfer der amerikanischen Christenfundis ist sie nicht gegangen. „Ich verstehe es absolut, wenn man Religion nicht als eine Macht des Guten in der Welt ansieht. Und ich gehöre nicht zu den Leuten, die glauben, Nichtgläubige kommen in die Hölle, da stehe ich drüber. Aber ich habe schon immer mit Gott geredet und tue das noch immer. Das ist, als würde ich mit meinem besten Kumpel reden, der mir Rückendeckung gibt. Ich habe aber auch früh gelernt, dass Glaube nichts mit ernster Unterwürfigkeit zu tun haben muss. Als Mädchen war ich mal im Country Club und versteckte mich vor meinem Bruder. Da landete ich in einem Raum, wo eine schwarze Gemeinde einen Gottesdienst abhielt – und die haben eine Party gefeiert, die mich echt beeindruckt hat.“ Wie Beth an ihrem 40. im Januar. „Ich war eigentlich total gestresst von dem Gedanken, 40 zu werden, und wollte erst nichts davon wissen. Aber dann wurde mir klar, was für verdammtes Glück ich habe, überhaupt so weit gekommen zu sein. Nicht jeder schafft das, und ich bin so dankbar dafür.“ Die neue Quelle, sie sprudelt mit Überschwang, und hoffentlich noch sehr, sehr lange.