Rückblende: Aerosmith – ›I Don‘t Want To Miss A Thing‹

aerosmith promoDie Bostoner Altstars besiegten den Alkohol, die Drogen und die Depressionen und wurden mit einem Nr.-1-Hit in den USA belohnt – bis heute ihr einziger.

Als Aerosmith ihr zwölftes Album in Angriff nahmen, das passend betitelte NINE LIVES, schienen sie in ihrer besten Verfassung seit Jahren zu sein. Die drogen- und alkoholbefeuerten Zeiten der 70er und frühen 80er lagen weit in der Vergangenheit, was zu enormem Erfolg geführt hatte: Die drei Alben vor NINE LIVES – PERMANENT VA­­CA­­TION, PUMP und GET A GRIP – wurden von Kritikern gefeiert und millionenfach verkauft. Gegen alle Erwartungen erlebten die Bad Boys aus Boston einen zweiten Frühling als heißeste Band des Planeten. „Es gibt diesen Glauben unter Musikern, dass sie ohne Drogen und Alkohol ihr Feuer verlieren“, kommentiert Schlagzeuger Joey Kramer die Rehabilitation der Band. „Diese An­­nahme haben wir komplett widerlegt.“

Doch auch Jahre, nachdem sie ihre Suchtprobleme besiegt hatten, gab es noch Schlachten zu schlagen. Zu Beginn der Sessions für NINE LIVES 1995 kämpfte Kramer. Er steckte sogar in seiner eigenen, persönlichen Hölle: Depressionen. Mit dem Ergebnis, dass er die Drumsticks niederlegen musste, um sich in Behandlung zu begeben. An seine Stelle trat der erfahrene Session-Schlagzeuger Steve Ferrone, doch seine Beiträge wurden wieder gelöscht, als der genesene Kramer im Herbst 1996 zurückkehrte. „Ich hatte einen Nervenzusammenbruch und litt an Depressionen und Angstzuständen. Doch ich kam wieder mit einer gesunden Blickweise auf das, was ich bei Aero­smith einbrachte. Das war sehr hilfreich für mich. Wir nahmen die Sachen dann neu auf, weil sich einige Leute die Tracks angehört hatten [die in seiner Abwesenheit für NINE LIVES aufgenommen worden waren], wenig begeistert waren und sagten, die Band klinge nicht wie sie selbst.“

Mitte 1998 näherten sich Aerosmith dann dem Ende einer äußerst erfolgreichen Welttournee zu dem Album. In den USA hatte es schon Doppelplatin erreicht und einen Grammy für die Hitsingle ›Pink‹ aus dem Vorjahr bekommen. Clean, nüchtern, fit und gesund, hatten die Herren ihren Groove wiedergefunden und saßen erneut fest im Sattel Richtung Gipfel. Nur eines fehlte ihnen noch. Obwohl ihr Repertoire voll von unumstößlichen Klassikern war, hatten sie doch noch nie Platz 1 der amerikanischen Single-Charts erreicht. Mit ›Angel‹, ›Janie‘s Got A Gun‹ und ›Love In An Elevator‹, sämtlich Top-5-Hits, waren sie zwar schon sehr nahe gekommen, doch der Spitzenplatz schien im Sommer 1998 in immer weitere Ferne zu rücken. Denn auch wenn sich NINE LIVES hervorragend verkaufte, hatte keine der Single-Auskopplungen daraus auch nur die Top 20 erreicht. Ihr letzter Top-10-Hit ›What It Takes‹ (aus PUMP) lag schon acht Jahre zu­­rück. Doch dann landete eine riesige Chance in ihrem Schoß. Eine in Hollywood-Größe.

„Es gibt diesen Glauben unter Musikern, dass sie ohne Drogen und Alkohol ihr Feuer verlieren. Diese An­­nahme haben wir komplett widerlegt.“ (Joey Kramer)

Dem wissenschaftlich eher konfusen Endzeit-Sommerblockbuster „Armageddon“ mit Bruce Willis fehlte noch eine Soundtrack-Single von einer A-Listen-Band. Aerosmith waren offenkundig die perfekte Wahl, nicht zuletzt, weil Steven Tylers Tochter Liv in dem Film mitspielte. Die Ballade ›I Don‘t Want To Miss A Thing‹, geschrieben von Diane Warren, war ausgewählt worden, um überarbeitet und aufgenommen zu werden. Kramer war zunächst allerdings nicht überzeugt: „Ich wusste irgendwie schon, dass es ein Hit war, aber ich mochte den Song nicht besonders“, gesteht er. „Ich fand nicht, dass er zu uns passte. Als ich ihn das erste Mal hörte, war es nur ein Demo mit Klavier und Gesang. Man konnte sich nur schwer vorstellen, wie wir ihm unseren eigenen Stempel aufdrücken und ihn zu unserem Song machen könnten. Erst als uns das gelang, wurde er zu dem, was er jetzt ist. Letztlich mussten wir ihn nur lernen und als Band spielen. Sobald wir also damit anfingen, ihn zusammen zu spielen, wurde ein Aerosmith-Stück daraus.“