Werkschau: Bob Seger

Bob SegerIn seiner fast 50-jährigen Karriere wurde Bob Seger vor allem durch Balladen zum wahren Meister seines Handwerks. Wir haben uns die Alben des Amerikaners nochmal ganz genau angehört.

Unverzichtbar

LIVE BULLET (1976)


Als Seger in anderen Städten kaum Clubs füllen konnte, jubeltem ihm in der Detroiter Cobo Hall 12.000 Menschen zu. Dort entstand dieser Mitschnitt, der Stücke von BEAUTIFUL LOSER (1975) und ein paar frühere Highlights meisterhaft verband. ›Turn The Page‹ mit seinem eindringlichen Saxofon ist schlichtweg umwerfend. Es mag auf anderen Alben besser gespielte oder aufgenommene Versionen dieser Songs geben, aber die Beinahe-Hysterie dieser Homecoming-Show der Silver Bullet Band in ihrem intensiven, elektrisierenden Zenit wurde absolut perfekt eingefangen. Diese Platte ließ die Welt außerhalb von Detroit wissen, was sie da all die Jahre verpasst hatte, war aber auch so nett, sie endlich zu der Party einzuladen.

NIGHT MOVES (1976)

bob seger night moves
Beflügelt vom Erfolg von LIVE BULLET und der neuerlichen Unterstützung von Capitol Records, nahm Seger das Album auf, das seine Karriere definieren sollte. Die Silver Bullet Band verlieh ›Rock And Roll Never Forgets‹ und ›The Fire Down Below‹ Kraft, während die Rhythmussektion Muscle Shoals ›Mainstreet‹, die treffende Ode an die Stadt Ann Arbor, würdevoll begleitete. Das Titelstück verhalf Seger zu nationaler Berühmtheit in den USA und machte ihn zum Star. Inspiriert vom Film „American Graffiti“, Kris Kristoffersons ›Me And Bobby McGee‹ und Bruce Springsteens ›Jungleland‹, arbeitete er sechs Monate lang an diesem Song und wusste, dass er perfekt werden MUSSTE.

Wunderbar

BACK IN ‘72 (1973)

Bob Seger Back In 72
BACK IN ‘72 enthält zwei Songs, die erst als Coverversionen richtig bekannt wurden: ›Rosalie‹ wurde zwei Jahre später von Thin Lizzy eingespielt, während Metallica 1998 mit ›Turn The Page‹ einen Hit landeten. Allein das wäre schon den Preis wert, aber Neuinterpretationen von ›The Stealer‹ (Free), ›Midnight Rider‹ (Gregg Allman) und ›I‘ve Been Working‹ (Van Morrison) sind ebenfalls solide, während die selbstverfasste Ballade ›So I Wrote You A Song‹ deutlich in die richtige Richtung zeigt. Seger war jedoch unzufrieden mit dem Klang seiner Stimme und hat sich seither von diesem Album distanziert.

BEAUTIFUL LOSER (1975)

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Seger war sich hinsichtlich des wehklagenden Titelstücks nicht sicher, bis er es Glenn Frey vorspielte, der auf Segers Beinahe-Hit ›Ramblin‘ Gamblin‘ Man‹ von 1969 gesungen hatte. Er überzeugte ihn, auf diesem Weg zu bleiben, und gab ihm das Selbstvertrauen, mehr nachdenkliches Material aufzunehmen. Mit dem wunderschönen ›Jody Girl‹ sowie ›Travelin‘ Man‹, ›Momma‹, ›Sailing Nights‹ und ›Fine Memory‹ waren sechs der neun Albumtracks Balladen. Der Uptempo-Song ›Katmandu‹ und eine zackige Fassung von ›Nutbush City Limits‹ bildeten den Gegenpol dazu.

STRANGER IN TOWN (1978)

Bob Seger Stranger In Town
Der Titel bezieht sich auf Segers Zweifel über seinen neuen Ruhm, doch hier finden sich auch zwei seiner mutigsten Kompositionen: der Adrenalinrausch von ›Hollywood Nights‹ und die fast schon schmerzhafte Ballade ›We Got Tonight‹. Erstaunlich: ›Old Time Rock & Roll‹, jener denkwürdige Soundtrack zu Tom Cruises legendärer Tanzszene im Film „Lockere Geschäfte“ und – nach Patsy Clines ›Crazy‹ – die zweitmeistgespielte Single aller Zeiten in amerikanischen Jukeboxes, wurde noch schnell als nachträglicher Einfall zum Album hinzugefügt.

THE DISTANCE (1982)

bob seger the distance
Nach dem allzu offensichtlich kommerziellen und von der Kritik verschmähten AGAINST THE WIND (Segers einzige Nr. 1 in den USA) zeigte er sich mit THE DISTANCE wieder in unleugbarer Topform. Dabei handelt es sich um ein lose formuliertes Konzeptalbum über Beziehungen, inspiriert von Woody Allens Film „Der Stadtneurotiker“. ›House Behind A House‹ ist die einzige echte Schwachstelle, mit ›Even Now‹ wird erfolgreich das Rezept von ›Hollywood Nights‹ wieder aufgegriffen, während ›Shame On The Moon‹, ›Coming Home‹ und ›Roll Me Away‹ allesamt brillant sind.

Anhörbar

RAMBLIN‘ GAMBLIN‘ MAN (1969)

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Die Band versucht sich auf ›White Hall‹ und ›Gone‹ an Westcoast-Hippie-Psychedelik, die so unbeholfen klingt wie der ähnlich ungelenke Elektro-Folk von ›Train Man‹. Aber wo das Album funktioniert, funktioniert es wirklich gut. Der Titelsong mit seiner treibenden Orgel ist so immens kraftvoll, ›2 + 2 = ?‹ dagegen ist eines der besten Vietnam-Protestlieder, kein bisschen weniger wütend als ›Fortunate Son‹ von Creedence Clearwater Revival, und glänzt mit einer Basslinie, die Jahre später zur Inspiration für ›Seven Nation Army‹ von den White Stripes wurde.

MONGREL (1970)

bob seger mongrel
Segers erstes wirklich tolles Album mit seinem bizarren Cover erschien ein Jahr nach NOAH, seinem schlechtesten. Hier ist er aggressiv wie nie: ›Evil Edna‹, ›Highway Child‹ und ›Teachin‘ Blues‹ gehören zu seinen feurigsten Darbietungen. Der breitbeinige Garagenklassiker ›Lucifer‹ ist ein echtes Highlight, ebenso wie die verrückte Neuinterpretation von ›River Deep Mountain High‹. Rückblickend betrachtet war aber wohl ›Big River‹ am interessantesten, eine Midtempo-Ballade, die auf fast unheimliche Weise genau den Sound vorwegnimmt, der Seger später mit Songs wie ›Night Moves‹ soviel Erfolg bescheren sollte.

SEVEN (1973)

bob seger seven
Es erschien zwar als Soloalbum, doch auf der Rückseite wird erstmals – ganz klein, irgendwo neben dem Copyright – die Silver Bullet Band erwähnt. Es beginnt mit einem atemberaubenden Marsch durch ›Get Out Of Denver‹ im Stil von Chuck Berry. Autobiografisch war es allerdings nicht: „Albuquerque hat nicht gepasst“, scherzte er. Auf ›Need Ya‹ gibt er einen einwandfreien Rod Stewart zum Besten, ›Cross Of Gold‹ klingt wie ein vergessenes Juwel aus MC5s BACK IN THE USA, ›U.M.C. (Upper Middle Class)‹ zeigt seine Gabe für bissige Gesellschaftssatire, während ›20 Years From Now‹ einfach nur wunderschön ist.

Sonderbar

NOAH (1969)

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Diese Platte ist wohl eine der rätselhaftesten, die je von einem großen Act aufgenommen wurden. Seger hält sich im Hintergrund, während ein anderes Bandmitglied, der zuvor wie danach unbekannte Tom Neme, das meiste Material beisteuert und auf einer Reihe von seichten Pop-Garage-Belanglosigkeiten singt. Das Album ist eine Katastrophe, wobei das grauenhafte ›Cat‹ den absoluten Tiefpunkt darstellt: ein erschreckender Avantgarde-Hippie-Vortrag aus sechs Minuten metallischer Percussion und reichlich ziellosem Gegrunze.

Text: Fraser Lewry

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