Unplugged-Special: Die 25 besten Akustik-Alben aller Zeiten

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Nick Drake
PINK MOON

nick-drake-pink-moonEine Stimme, eine akustische Gitarre. Wie kann etwas so Simples gleichzeitig so unendlich komplex sein? Musikalische Studien und die Lobgesänge von Wissenschaftlern haben versucht, das dunkle, dichtgewobene Mysterium von PINK MOON, dem dritten und letzten Album des verstorbenen Nick Drake, zu entschlüsseln. Dokumentierte es seinen psychischen Zusammenbruch? War es seine Reaktion auf eine gescheiterte Solotournee vor ungehobeltem Publikum? Oder ein Abschiedsbrief?

Vielleicht ist es besser, das Album einfach das sein zu lassen, was es ist: die Tür zu Erleuchtung und Entdeckung. Und auf der anderen Seite erwartet uns ein gedämpfter, samtener Ort, der sich anfühlt wie eine lang vergessene fünfte Jahreszeit, die sich ganz geheim zwischen Herbst und Winter versteckt. Es gibt Fragen (›Which Will‹), beschwörerische Zaubersprüche (›Know‹), schwarzen Humor (›Parasite‹) und wunderschöne Gänsehautmomente (›From The Morning‹), zusammen mit dem Gefühl, dass dies mehr als einfach nur eine Platte ist. Es ist ein Fenster in die Seele eines Menschen.

Und trotzdem schien Drake schon auf den potenziellen Misserfolg des Albums vorbereitet zu sein, als er seine Bänder ohne viel Aufhebens bei Island Records ablieferte. „Who‘ll hear what I say?“ (wer wird hören, was ich sage?), fragt er sich auf ›Things Behind The Sun‹. Ja, wer nur? Dank eines langsamen, magnetischen Sogs (und eines beliebten VW-Werbespots aus dem Jahr 2000) mehr Fans, als er es sich in seinem kurzen Leben je erträumt hätte.

Bill DeMain
Schlüsselsong: ›Things Behind The Sun‹

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Bruce Springsteen
NEBRASKA

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Zurück zur Natur

1982 veröffentlichte Bruce Springsteen sein erstes Akustik-Album. Nackt, nachdenklich und stellenweise „unangenehm intim“, ist es ein wahres „Unplugged“-Juwel.

Text: Mark Blake

Springsteens früherer Manager Mike Appel sagte einst: „Bruce hat keine Angst, Dinge auszuprobieren, die nicht populär sind. Er hat keine Angst, der Stein im Fluss zu sein.“ Und es gibt wenige bessere Beispiele für seine Bereitschaft, den Mainstream zu provozieren, als NEBRASKA von 1982. Dass er dieses schlichte, größtenteils akustische Album zwei Jahre nach seinen damals größten Erfolgen (THE RIVER und die Single ›Hungry Heart‹) veröffentlichte, erscheint uns auch heute noch erstaunlich.

Springsteen war gerade von der Tournee zu THE RIVER nach Hause gekommen und hatte keine Eile, gleich wieder Monate im Studio zu verbringen. Um die Zeit dort zu reduzieren, beschloss er, ein paar Demos aufzunehmen, die er dann der E Street Band mitbringen konnte. Sein Gitarrentechniker kaufte einen Vierspur-Kassettenrekorder und stellte ihn im Januar 1982 in Bruces Haus in Colts Neck, New Jersey auf.

Zu den Inspirationsquellen für diese reduzierten neuen Stücke gehörten der Ur-Blueser Robert Johnson, Terrence Malicks Krimithriller „Badlands – Zerschossene Träume“ von 1973 und die Kurzgeschichten von Southern-Gothic-Autor Flannery O‘Connor. „Die Songs bezogen sich mehr auf meine Kindheit als die auf jeder anderen meiner Platten“, sagte Bruce 1998. „Wir wohnten bei meinen Großeltern, bis ich sechs war. Ich erinnerte mich daran, wie sich diese Zeit angefühlt hatte, vor allem das Haus meiner Großmutter … der Mangel an Dekoration, die fast schmerzhafte Schlichtheit.“

Lieder wie ›Atlantic City‹, ›Highway Patrolman‹ und ›Mansion On The Hill‹ waren als Demos gedacht. Erst als Springsteen sie mit der E Street Band aufgenommen hatte und das Ergebnis nicht mochte, wandte er sich wieder den Urfassungen zu. Diese jammernde Zugpfeifen-Mundharmonika auf dem eröffnenden Titelstück, inspiriert von derselben Mordserie aus den 50ern, auf der Malicks „Badlands“ basierte, gibt den Kurs für alles vor, was dann folgt. Alles auf NEBRASKA strahlt diese „fast schmerzhafte Schlichtheit“ des Hauses von Springsteens Großmutter aus. Dies sind kahle Songs über ausgebrannte Cops, verzweifelte Liebende und Häftlinge im Todestrakt.

Manchmal machen die Nähe von Bruces Stimme und der leere Raum um sie herum ­NEBRASKA fast unangenehm intim. Das war so beabsichtigt. Springsteen wollte eine Platte machen, die „bei ausgeschaltetem Licht gut klang“. Er wollte, dass seine Hörer sich fühlen, als würden sie die geheimsten Gedanken und Emotionen seiner Figuren belauschen – oder „in ihre Köpfe eindringen“. Auf ›Open All Night‹ (einem Stück über ein Auto und ein Mädchen) findet sich der Ansatz eines Lächelns, doch der wird gleich wieder durch das manische ›State Trooper‹ ausgeglichen, das laut Springsteen teils eine Hommage an ›Frankie Teardrop‹ der New Yorker Artpunker ­Suicide war. Es entstand in einem einzigen Take.

Die kompletten Aufnahmen dauerten nur eine Woche. Der Boss fügte hier und da Harmonien hinzu, vielleicht mal ein rasselndes Tamburin, doch das Endprodukt blieb so schmucklos wie nur möglich. Auf mehreren Stücken seines 1995er Albums THE GHOST OF TOM JOAD kehrte er noch mal zu dieser einfachen Formel zurück, doch er sollte nie wieder übertreffen, was ihm hier gelungen war. NEBRASKA ist der Klang des bald größten Popstars der Welt, der wieder zur Natur zurückkehrt. Das Fehlen großen Gehabes – und von Elektrizität – macht es nur umso faszinierender.

Schlüsselsong: ›State Trooper‹

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