Unplugged-Special: Die 25 besten Akustik-Alben aller Zeiten

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Johnny Cash
AMERICAN RECORDINGS

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Der stille Amerikaner

Erst HipHop- und Metal-Produzent Rick Rubin gelang es, diese mitgenommene Country-Legende wieder ins Licht der Öffentlichkeit zu rücken. Die daraus resultierenden Sessions waren nichts weniger als eine wundersame Neugeburt.

Text: Johnny Black

1992 war Johnny Cash praktisch am Ende. Er war so tief gesunken, dass er ein Engagement in den trashig-glitzernden Theatern von Branson, Missouri hatte, einer Art Las Vegas für Arme. Er fühlte sich vom Country-Radio im Stich gelassen und von seiner Plattenfirma so gut wie ignoriert. Dann begegnete er einem HipHop/Metal-Produzenten, der nicht nur seine Karriere rettete, sondern durch die Aufnahme des bahnbrechenden Klassikers AMERICAN RECORDINGS angeblich sogar sein Leben um zehn Jahre verlängerte.

Lou Robin (Manager): Johnny war seit 1986 bei Polygram. Er musste noch ein Album für sie machen und wollte eine Gospelplatte aufnehmen, doch davon hielten sie nichts, also waren sie im Clinch miteinander.

John Carter Cash (Sohn): Er erholte sich gerade von einem gebrochenen Kiefer, den er sich bei einer Zahnoperation zugezogen hatte, dazu war er auch noch am Knie operiert worden. Er hatte chronische Schmerzen und erreichte einen Punkt, wo er keine Opiate mehr dafür nehmen konnte, doch er war fest entschlossen, durchzuhalten.

Lou Robin: Wir verhandelten mit verschiedenen Labels, aber keines hatte irgendwelche frischen Ideen. Dann rief eines Tages unser Agent an und sagte, dass Rick Rubin von American Recordings, der mir damals kein Begriff war, gerne Johnny treffen würde. Also machten wir einen Termin mit ihm.
27. Februar 1993: Rick Rubin besucht einen Auftritt von Johnny Cash im Rhythm Café, Santa Ana.

Lou Robin: Johns Einstellung war, dass es eben noch so ein Plattenfirmentyp war, aber nach der Show nahm ich Rick mit backstage.

John Carter Cash: Sie setzten sich an einen Tisch und sagten „Hallo“. Doch dann saßen mein Dad und Rick einfach nur da und starrten einander zwei Minuten lang an, ohne etwas zu sagen, als würden sie einander abwägen.

Johnny Cash: Ich sagte, „Was wirst du für mich tun, das noch niemand getan hat, um für mich Platten zu verkaufen?“. Und er antwortete: „Nun, ich weiß nicht, ob wir Platten verkaufen werden. Ich will, dass du dich mit einer Gitarre und zwei Mikrofonen in mein Wohnzimmer setzt und einfach nach Lust und Laune singst. Alles, was du je aufnehmen wolltest“. Ich sagte: „Das klingt gut“.

Rosanne Cash (Tochter): Ich dachte, „das ist seltsam. Ich frage mich, wie das funk­tionieren wird“. Ich wusste, mit welchen Acts Rick gearbeitet hatte, und mir kam der Gedanke in den Sinn: „Wird er versuchen, aus Dad eine Art Parodie zu machen?“.

Juni 1993: Johnny Cash unterschreibt bei American Recordings.

Rick Rubin: Ich hatte bis dato praktisch nur mit jungen Künstlern gearbeitet und ihr erstes oder zweites Album gemacht. Es gab ein paar kleinere Ausnahmen, aber ich dachte, es wäre eine aufregende Herausforderung, mit einem etablierten Act oder einer Legende zu arbeiten, die vielleicht gerade nicht am besten Punkt ihrer Karriere war.

Lou Robin: Eins der ersten Dinge, die sie taten, war Kassetten zwischen L.A., wo Rick war, und Nashville, wo Johnny lebte, hin und her zu schicken.

Rick Rubin: Ich schickte Johnny CDs mit manchmal 30 Songs, manchmal einem. Es war einfach alles, von dem ich dachte, dass es ihm gefallen könnte. Gelegentlich rief er mich dann zurück und sagte: „Ich mag vier davon“ oder „Das hier gefällt mir sehr“.
Juni–Juli 1993: Cash und Rubin beginnen mit der Arbeit in Rubins Wohnzimmer am Sunset Strip. Über 70 Akustik-Demos werden aufgenommen, viele mehr als einmal.

Rosanne Cash: Rick wurde nicht nur zu seinem Produzenten, sondern zu seiner Muse. Er war wie ein Engel, der in sein Leben geflogen kam, und gab Dad diesen wunderbaren Fokus, Inspiration und Leidenschaft.

Lou Robin: Das Wohnzimmer in Ricks Haus in Hollywood war nicht sehr groß. Da standen ein paar Sofas und Sessel, an einer Wand stand das Aufnahme-Equipment, und es gab schwere Vorhänge, die für die Studioqualität sorgten. Johnny konnte einfach reinkommen, sich hinsetzen und spielen.

Johnny Cash: Ich hatte ein deutliches „Déjà-vu“-Gefühl. Das erinnerte mich stark an die Anfangstage bei Sun Records. Sam Phillips stellte mich 1955 zum ersten Mal vor dieses Mikro bei Sun Records und sagte: „Lass uns hören, was du drauf hast. Sing dir das Herz aus dem Leib.“ Dann sang ich ein oder zwei Stücke und er sagte: „Sing noch eins. Lass uns noch eins hören“.

Lou Robin: Sie luden diverse prominente Songwriter ein und jeder bekam eine Stunde mit John. Einer von ihnen war Glenn Danzig. Bei diesem Termin spielten sie ihre Songs, Rick nahm sie auf, und wenn John sie dann beim Anhören mochte, spielte er sie ein.

Glenn Danzig (Komponist von ›Thirteen‹): Rick rief an und fragte mich, ob ich wisse, wer Johnny Cash sei. Ich sagte: „Fuck yeah! Ich weiß, wer Johnny Cash ist“. Dann erwiderte er: „Würdest du einen Song für ihn schreiben?“ Ich schrieb ›Thirteen‹ in ungefähr einer halben Stunde, sobald ich aufgelegt hatte. Der Song war einfach mein Eindruck davon, wer Johnny Cash war und was er bedeutete.

John Carter Cash: Sie machten auch ein paar Tracks mit meinem Vater und anderen Musikern, wie Flea von den Red Hot Chili Peppers, Billy Gibbons von ZZ Top, Tom Petty und weiteren.

Mike Campbell (Gitarrist, Tom Petty And The Heartbreakers): Die Arbeit im Studio mit ihm ist etwas, an das ich mich immer erinnern werde. Das war so ein intimer Moment und er war so freundlich zu uns, vor allem zu mir. Er behandelte mich wie einen Ebenbürtigen, was total lächerlich ist. Johnny Cash ist ein großer Held für mich und meinen Dad.

Rick Rubin: Letztlich sahen wir einander nach vielen Experimenten an und beschlossen, dass wir die akustischen Sachen – diese ersten Demos – mehr als alles andere mochten. Also entschieden wir, dass daraus das erste Album entstehen würde.

Oktober–Dezember 1993: Die finalen Aufnahmesessions finden in Rubins Wohnzimmer und Johnnys Studio „The Cash Cabin“ auf seinem Anwesen in Hendersonville, Tennessee statt.

Rick Rubin: Selbst wenn man einen bestimmten Song schon sein Leben lang gehört hatte – wenn er ihn sang, verstand man ihn plötzlich, oder verstand den Text anders als zuvor, oder nahm den Song ernster.

Johnny Cash: Der Song ist das, was zählt. Bevor ich ihn aufnehmen kann, muss ich ihn hören, singen und wissen, dass er sich wie mein eigener anfühlen kann, oder es wird nicht klappen. Ich arbeitete an diesen Stücken, bis sie sich anfühlten, als seien sie meine eigenen.

Nick Lowe (Komponist von ›The Beast In Me‹): Er spielte dieses Konzert in ­Wembley [wahrscheinlich im März 1986]. Ich hatte diese Idee zu einem Song, Carlene [Carter, Nick Lowes Frau und Johnny Cashs Tochter] erzählte ihm davon und er sagte: „Ich komme vorbei und höre es mir auf dem Weg nach Wembley an“. Er tauchte mit ­seiner kompletten Gefolgschaft in unserem Haus auf. Ich spielte ihm dann das Lied vor, was unglaublich peinlich war, denn es war noch nicht wirklich fertig. Und er sagte: „Es funktioniert noch nicht, aber es ist eine wirklich gute Idee…“

Jedes Mal, wenn ich ihn danach traf, fragte er mich immer: „Wie weit ist ›The Beast In Me‹?“ Als er mich schließlich nach einer Show in der Royal Albert Hall [im Mai 1989] wieder danach fragte, fuhr ich nach Hause und stellte den Song endlich fertig! Dann schickte ich ihn ihm und hörte erst mal nichts. Meine ­Stieftochter wohnte dann mal in seinem Haus in Jamaika und erzählte mir: „Opa singt allen deinen Song vor“. Und dann erschien er plötzlich auf AMERICAN RECORDINGS.

Tom Waits (Komponist von ›Down There By The Train‹): Ich hatte einen Freund, der damals mit ihm Gitarre spielte, Smokey Hormel. Smokey sagte: „Yeah, Johnny wird die Stücke anderer Leute spielen. Schick uns was“. Ich hatte einen Song, den ich noch nicht aufgenommen hatte, also sagte ich: „Hey, der hat all die Sachen, die Johnny mag – Züge und Tod, John Wilkes Booth, das Kreuz…“

Lou Robin: Rick kam auch nach Nashville, sie saßen dann zusammen und tauschten in „The Cash Cabin“ Ideen und Philosophien aus.

John Carter Cash: Damals war das eigentlich nur ein Zimmer, neun auf zehn Meter, mit einer großen Treppe zum Dachboden in der Mitte. Es gab keinen Regieraum. Das einzige Aufnahme-Equipment war ein 16-Bit-ADAT-Rekorder und ein 16-Kanal-Mischpult. Es gab nur zwei Mikrofone. So nahm er ›Why Me Lord?‹ auf. Soweit ich weiß, war das der einzige Song auf der ersten AMERICAN RECORDINGS, der tatsächlich dort entstand.

Rick Rubin: Als wir entschieden hatten, wie das Album werden sollte, schlug ich vor: „Was hältst du davon, in einem kleinen Club ein paar dieser Songs akustisch zu spielen? Einfach nur, um zu sehen, wie es sich anfühlt, sie allein vor Publikum zu spielen?“ Und er sagte, er sei offen dafür, doch er war ganz klar nervös.

Johnny Cash, Nashville 19783. Dezember 1993: Im kleinen Club The Viper Room in West Hollywood stellt Johnny Depp vor nur 150 Leuten Johnny Cash dem Publikum vor. Die Songs ›Tennessee Stud‹ und ›The Man Who Couldn‘t Cry‹ werden hier live aufgezeichnet und werden auf dem Album erscheinen.

Lou Robin: Zwei Tage vorher schickten sie Einladungen für den Viper Room raus. Die Leuten standen dicht gedrängt, Bauch an Bauch, Rücken an Rücken. John blickte über den Raum und sah ein unglaubliches „Who‘s Who“ der Musik- und Filmbranche.

Tom Petty: Er war nervös, denn er hatte sich noch nie allein auf seine eigene Gitarre verlassen, und ich war nervös dabei, ihm zuzusehen.

Lou Robin: John war extrem nervös, aber nach der Reaktion auf den ersten Song fühlte er sich sehr wohl.

Flea (Bassist, Red Hot Chili Peppers): Johnny Cash kam auf die Bühne, setzte sich und rockte. Kein Bullshit, kein Rumalbern, er spielte einfach nur diese grandiosen Songs und legte alles in Schutt und Asche.

Rick Rubin: Es war ein unglaublicher Abend. Totenstille. Man hätte eine Nadel auf den Boden fallen hören können. Die Leute konnten nicht fassen, dass Johnny Cash im Viper Room war.

Lou Robin: Er sang 45 Minuten, alle Songs. Alle drehten durch. Als er fertig war, wollte er ihnen noch ein bisschen mehr als nur eine Dreiviertelstunde Musik geben. Er beugte sich zu June herunter, die in der ersten Reihe stand, und sagte: „Was soll ich jetzt tun?“ Und sie antwortete: „Na ja, sing deine Hits“. Also tat er das auch.

Rick Rubin: Wer an jenem Abend dabei war, spricht bis heute davon als eins der besten Dinge, die sie je erlebt haben.

26. April 1994: AMERICAN RECORDINGS erscheint.

Leonard Cohen (Komponist von ›Bird On A Wire‹): Ich traute meinen Ohren nicht. Nur die Stimme dieses Mannes und Gitarre. Ich war überwältigt!

Rick Rubin: Ich denke, er wusste, dass es gut war, aber erst als es veröffentlicht wurde und er all das Kritikerlob bekam, wurde es ihm wirklich bewusst. Als junge Leute zu ihm kamen und ihm sagten, wie sehr ihnen das Album gefiel, wusste er es endgültig.

Johnny Cash: Ich bin kein Narr. Ich weiß Bescheid über Demografie und die Altersgruppe, die die meisten Platten kauft. Also hatte ich wirklich nicht mehr erwartet.

Lou Robin: Im Musikgeschäft kann man darauf hoffen, ein paar große Jahre zu haben und dann wieder zu verblassen, aber AMERICAN RECORDINGS war der Beginn einer zweiten Karriere. In einer abschließenden Analyse würde ich sagen, dass diese Alben sein Leben um zehn Jahre verlängerten, denn er hatte wieder etwas Aufregendes zu tun. Und damit meine ich nicht nur seine Karriere, sondern sein Leben. Er war erfrischt.

Bei den Grammy Awards 1995 wurde AMERICAN RECORDINGS als „Best Contemporary Folk Album“ ausgezeichnet. Der „Rolling Stone“ führte es später auf Platz 366 der „500 besten Alben aller Zeiten“.

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