Titelstory: Eric Clapton – Gottes Werk & Johnsons Beitrag

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Titelstory: Eric Clapton – Gottes Werk & Johnsons Beitrag

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Das Echo

Nicht zu vergessen die wunderbare Robert-Johnson-Hommage ME AND MR. JOHNSON (2004), die uns zurückbringt zu den beiden Männern vom Anfang unserer Geschichte: Ein Vierteljahrhundert lang war Robert Johnson vergessen gewesen. Erst 1962 brachte der legendäre Produzent John Hammond, der Johnson noch persönlich gekannt hatte, bei Columbia Records mit KING OF THE DELTA BLUES SINGERS eine Sammlung von dessen Songs heraus. Das Album fand seinen Weg auch auf den Plattenspieler des 17-jährigen Eric Clapton. In seiner Biografie lässt er uns wissen, was Johnsons Musik bei ihm bewirkte: „Den Liner Notes entnahm ich, dass Johnson beim Vorspielen für die Sessions in einem Hotelzimmer in San Antonio mit dem Rücken zu seinen Zuhörern in der Ecke gestanden hatte, weil er so schüchtern war. Da ich als Kind selbst von Schüchternheit wie paralysiert war, identifizierte ich mich sofort mit ihm.“ Die Musik allerdings jagte ihm einen gehörigen Schrecken ein: „Zu-nächst stieß mich die Aufnahme wegen ihrer Intensität beinahe ab. Dieser Mann versuchte nicht, seine Musik und seine Message mit Zuckerguss zu glätten. Dieses Zeug war Hardcore, härter als alles, was mir je zu Ohren gekommen war. Nachdem ich die Platte ein paarmal gehört hatte, wurde mir klar, dass ich auf einer gewissen Ebene meinen Meister gefunden hatte und dass es mein Lebenswerk sein würde, dem Vorbild dieses Mannes zu folgen.

Die Schönheit und Eloquenz von Songs wie ›Kindhearted Woman‹ schlug mich völlig in ihren Bann, während der rohe Schmerz von ›Hellhound On My Trail‹ klang wie ein Echo von etwas, das ich selbst empfunden hatte.“
Das Echo dieser Aufnahmen von 1937 hatte über die Jahrzehnte hinweg seinen Empfänger gefunden. Noch bevor Eric Clapton als Gitarrist in London von sich reden machte, hatte er einen inneren Kompass erhalten, der ihn durch sein musikalisches Leben geleiten würde. Ein Wegweiser allerdings mit Tücken. Denn mehr als ein halbes Leben lang musste Clapton lernen, Johnsons Dämonen zu bändigen – so sehr sie seine Musik bereicherten, so oft haben sie den Engländer auch an den Rand gähnender Abgründe geführt.

Spätestens nachdem er sich bei Cream mit seiner atemberaubenden Interpretation von Johnsons ›Crossroads‹ als dessen Jünger zu erkennen gegeben hatte, wurde seine Musik daran gemessen – bis heute. Als besonders streng erwiesen sich dabei die Hüter der reinen Blueslehre, deren Gleichung so simpel wie kurzgegriffen war: Clapton = Blues + Johnson. Was in diese Formel nicht passte, war Verrat. Verrat wahlweise an Johnsons Hinterlassenschaft, die längst zur Gesetzestafel der Rockmusik verklärt worden war; Verrat an Claptons Talent, das ihn zu einigen der intensivsten Gitarrenmomente der gesamten Rockgeschichte befähigt hatte; und nicht zuletzt Verrat an der Glaubwürdigkeit einer Kunst, die sich dem Kommerz gefälligst zu verweigern hatte. Clapton konnte mit seiner Gitarre Seelen retten, das hatte er oft genug bewiesen und das war es, was sie von ihm erwarteten. Alles andere, auch seine späteren Experimente im emotionalen Niemandsland digitaler Produktionstechniken, erschien folglich so absurd wie Günter Netzer auf Kunstrasen.

Johnsons Botschaft an den Jungen in Ripley aber hatte gelautet: „Trage meine Seele in deine Zeit!“ Clapton hat das getan. Und tut es noch immer. Auch als 70-Jähriger fühlt er wie eh mit geschlossenen Augen auf der Bühne dem Schmerz hinterher, den dieses Leben bereit hält und den mit der Gitarre zu artikulieren nur Wenige je so vermochten. Dass er darüber nicht wie sein Meister mit 27 Jahren gestorben ist, sondern auf seiner langen Reise schließlich doch noch seine Mitte gefunden und am Ende auch die eigene Seele geheilt hat, davon zeugen einige der erhebendsten und einige der erschütterndsten Musikstücke der letzten 50 Jahre – I’m standing at the crossroads, I believe I’m sinking down.

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