Titelstory: Eric Clapton – Gottes Werk & Johnsons Beitrag

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Titelstory: Eric Clapton – Gottes Werk & Johnsons Beitrag

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Wiederauferstehung

Auf ›Layla‹ folgten düstere Jahre. Erst 1974, nach heroinbedingter Abwesenheit, einem mühsamen Entzug, persönlichen Problemen – noch immer schien Pattie Boyd für ihn unerreichbar – und daraus resultierendem Karrieretief, gelang es Clapton mit Hilfe seines Managers Robert Stigwood, die Weichen für ein Comeback zu stellen.

461 OCEAN BOULEVARD, sein zweites Soloalbum, präsentierte ein völlig neues Clapton-Gefühl: Leicht, lässig und uneitel kamen Coverversionen wie ›Steady Rollin’ Man‹, ›Willie And The Hand-Jive‹ und ›I Can’t Hold Out‹ daher. Überraschend zart die Eigenkomposition ›Let It Grow‹, und noch mehr überraschte der Reggae von ›I Shot The Sheriff‹. Der von Bob Marley geschriebene Song wurde in der Clapton-Version zum Pophit und bescherte dem beim Rockpublikum noch weitgehend unbekannten Jamaikaner den Durchbruch. Clapton war wieder da, regelmäßig brachte er nun Soloalben heraus und eroberte sich eine eigene Nische zwischen zeitgeistigem Disco, Punk und dem AOR-Rock, den alte Weggefährten wie John McVie mit Fleetwood Mac lieferten. 1977 dann machte er sich mit Produzent Glyn Johns an jenes Werk, das seinen neuen Status als gereifter Rockbarde, der die legendäre, die „göttliche“ Sologitarre nur noch gelegentlich mal sprechen ließ, festigen sollte. SLOWHAND erwies sich als künstlerischer und kommerzieller Volltreffer mit gleich drei Top-40-Hits: ›Cocaine‹ aus der Feder von J. J. Cale sowie die Eigenkompositionen ›Wonderful Tonight‹ und ›Lay Down Sally‹.

Claptons Musik bewegte sich nun zwischen verlässlichen Fixpunkten: Cale, dessen unaufgeregte Songkunst ihm maßgeschneiderte Vorlagen lieferte; der Roots-Katechismus, den The Band und Bob Dylan dereinst in Big Pink formuliert hatten; und nicht zuletzt war da noch immer die mythische Seele – oder sollte man sagen: der Dämon? – von Robert Johnson, die Clapton nie losgelassen hatte. Nicht umsonst bemerkte er einmal, dass er in dessen Musik den „wirkungsvollsten Schmerzenslaut“ gehört habe, der in der „menschlichen Stimme überhaupt zu finden war“.

Clapton war zu einer Figur geworden, die im Pantheon der Rockfürsten für sich selbst stand. Sein Image verfügte weder über Roger Daltreys satyrhaften Eros noch über die dionysische Sinnlichkeit von Jimi Hendrix, es mangelte ihm an Pete Townshends aggressivem Intellekt und David Bowies verschlagener Dekadenz. Clapton wirkte gequält, seine Haltung zermürbt und sein Lachen, das er sowieso kaum sehen ließ, angestrengt. So elegant seine Finger über das Griffbrett der schwarzen Stratocaster fliegen mochten, so unglücklich erschien der blasse Kerl, dem sie gehörten. Man spürte: Dem Mann geht’s nicht gut.

„Isoliert, kalt, egozentrisch“

Was ja auch den Tatsachen entsprach: Trotz seines immensen Erfolges war in Claptons Leben zum Ende der 70er-Jahre nur wenig in Ordnung. Die Heroinsucht hatte er zwar überwunden, dafür trank er nun mehr als je zuvor. Er ließ sich gehen, urinierte, so wird berichtet, im Suff in einem dänischen Bordell auf einen Perserteppich, crashte Ferraris unter Alkoholeinfluss, begann Schlägereien in Bars und behandelte seine Band wie ein Despot. Hinzu kam die Beziehung zu Pattie Boyd. Wohl hatte es inzwischen ein Happy End gegeben – seit 1974 waren die beiden ein Paar, 1979 wurde geheiratet –, glücklich jedoch wurden sie keineswegs miteinander. In einer endlosen Kette von Affären und Alkoholexzessen rieben sie sich aneinander auf.

Clapton selbst urteilte über jene Jahre später schonungslos: „Ich war isoliert, kalt, benahm mich ziemlich einschüchternd und grundsätzlich egozentrisch.“ Dazu war er künstlerisch in einer Sackgasse gelandet. Einige Probleme waren kaum mehr zu übersehen, etwa der Umstand, dass er nicht genügend Songs selbst schrieb und deren Qualität gehörig schwankte. Clapton war auf hochkarätiges Fremdmaterial angewiesen. Nicht jedes Album aber ließ sich mit hitträchtigen Songs von J. J. Cale oder Bob Dylan bestücken. Die Arbeiten jener Jahre boten denn auch bestenfalls Mittelmaß und signalisierten eine Orientierungslosigkeit, die im Nachinein kaum wundert. Denn neben persönlichen Schwierigkeiten – seinen Alkoholkonsum bekam er erst im späteren Verlauf der 1980er-Jahre in den Griff, die Ehe mit Pattie zerbrach, 1984 erfolgte die Trennung – waren es auch der Zeitgeist, eine veränderte Musiklandschaft und eine neue Publikumsstruktur, die Clapton zu schaffen machten.

Als einer der wenigen Überlebenden der Swinging Sixties genoss er zwar Legendenstatus, seine Verkaufszahlen aber sanken unaufhaltsam. Zu diesem Zeitpunkt war kaum zu ahnen, dass sich für die Altvorderen des Rock bald ein lukrativer Retromarkt entwickeln wür-de, der ihnen beständiges Touren vor vollen Häusern, einkömmliche Wiederauflagen ihrer Klassiker auf CD und da-mit eine dollarträchtige Konservierung des eigenen Legendenstatus ermöglichen würde. Im Gegenteil, in der MTV-Ära waren schicke Videoclips, AOR-taugliche Popsingles und ein zeitgemäßes Image gefragt. Keine leichte Situation für einen sensiblen Musiker wie Clapton, dem jegliches Marktdenken ein Gräuel war.

Als er den Verantwortlichen bei Warner 1985 sein mit Phil Collins produziertes Album BEHIND THE SUN zur Veröffentlichung übergab, kam es prompt zum bösen Erwachen. Die Manager lehnten das Werk ab und be-standen darauf, dass Clapton nachsitzen sollte. Man suchte zusätzliche Songs des Komponisten Jerry Williams aus und verdonnerte den Gitarristen dazu, diese unter der Regie der Warner-Hausproduzenten Lenny Waronker und Ted Templeman zusätzlich für BEHIND THE SUN einzuspielen. Eine Demütigung, die Clapton später mit der Feststellung kommentierte: „Ich glaube, das war in meinem Berufsleben das erste Mal, dass ich nachgeben musste.“

Gospel, Blues und Drum’n’Bass

Dass Clapton zum Ende des Jahrzehnts wieder in die Erfolgsspur zurückfand, verdankte er einem Glücksfall: Mit CROSSROADS (1988) hatte Polydor eine sorgfältig kompilierte Retrospektive veröffentlicht, die den langen Weg des Gitarristen von frühen Yardbirds-Tagen bis zum modernen Mainstream-Rock der 1980er-Jahre einfühlsam nachzeichnete. In einer Zeit, in der groß angelegte Werkschauen noch die Ausnahme waren, wurde das 4-CD-Box-Set in den Plattenläden zum Überraschungserfolg, der eine Revitalisierung von Claptons Karriere einleitete. Das angesichts einer zunehmenden Synthetisierung des Pop aufkommende Publikumsbedürfnis nach handgemachter Musik spielte dem Altmeister dabei zusätzlich in die Karten und machte ihn im Spätsommer seiner Laufbahn noch einmal zum Trendsetter. Im März 1992 hockte sich der inzwischen 46-Jährige in ein MTV-Studio und zupfte die Akustikgitarre.

Das Ergebnis, UNPLUGGED, mauserte sich in kürzester Zeit zum bis dahin erfolgreichsten Clapton-Album, verkaufte allein in den USA sieben Millionen Exem-plare und brachte seinem Schöpfer sechs Grammys ein.

Eine Portion Mitgefühl von Seiten des Publikums spielte bei diesem überwältigenden Erfolg wohl auch mit, denn Clapton hatte gerade zwei private Tragödien hinter sich: Zunächst kam sein Kollege Stevie Ray Vaughan am 27. August 1990 nach einem gemeinsamen Konzert in Alpine Valley, Wisconsin, bei einem Hubschrauberabsturz um. Dann, am 20. März 1991, stürzte Claptons vierjähriger Sohn Conor aus dem 49. Stock eines Hochhauses in Manhattan in den Tod. Trost gab es nicht, nur die Gitarre. Das daraufhin entstandene ›Tears In Heaven‹ zeugte vom Schmerz des Vaters und wurde zum Welterfolg.

Im weiteren Verlauf der 90er-Jahre scherte sich Clapton, der längst als Elder Statesman des Rock galt, nicht mehr um die Erwartungshaltungen des Publikums und schon gar nicht um die der Industrie – er folgte seinem Instinkt als Musiker, erforschte mit Simon Climie unter dem Projektnamen TDM die Möglichkeiten synthetischer Instrumente, experimentierte gar mit Drum’n’Bass und grub nebenbei nach seinen Wurzeln. Ein künstlerischer Zickzack-Kurs, der nicht immer befriedigende Ergebnisse zeitigte, sich dafür aber zum respektablen Spätwerk summierte.

Vor allem die inzwischen auf ein halbes Dutzend angewachsene Sammlung meisterlicher Spätinterpretationen dieses Lebenswerkes und seiner beherrschenden Themen entschädigte Fans, die zwischenzeitlich auch Enttäuschungen hatten hinnehmen müssen. Versöhnlich geriet zum Beispiel die kaum noch für möglich gehaltene Cream-Reunion. Im Mai 2005 taten sich Clapton, Ginger Baker und Jack Bruce noch einmal zusammen und zelebrierten ihr Vermächtnis, zunächst in der Londoner Royal Albert Hall, wenig später für einige Konzerte auch in New York. Ebenfalls erfreulich fielen die Kollaborationen mit Idolen, Weggefährten und Vorbildern aus, als da wären THE ROAD TO ESCONDIDO (mit J. J. Cale, 2006), RIDING WITH THE KING (mit B. B. King, 2000) und das Tourdokument LIVE FROM MADISON SQUARE GARDEN (2009), auf dem Clapton zusammen mit seinem alten Freund Steve Winwood einen Streifzug durch die Zeiten von Traffic und Blind Faith unternahm.

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