Rock-Mythen: Tina Turner – Das zweite Leben der Anna Mae

Ike Turner war nicht am Flughafen, und zu diesem Zeitpunkt hatte er auch keine Ahnung, wohin seine Frau geflohen war. Am 26. Juli 1976 reichte Tina Turner die Scheidung ein. Ihre Karriere lag in Trümmern, ihr blieb nichts anderes übrig, als wieder ganz von vorn anzufangen. Der Weltstar ging nun putzen, lebte von Lebensmittelmarken, kam bei Freunden unter und hangelte sich mühsam von einem schlecht bezahlten Gig zum nächsten, nicht selten in zweifelhaften Etablissements.

Obendrein lebte Tina immer in der Angst, dass Ike sie finden und mit Gewalt zurückholen könnte. Tatsächlich vertraute sie sich nicht einmal ihrer Mutter an, da sie fürchten musste, dass sie den Aufenthalt ihrer Tochter verraten würde.

Allmählich aber ging es wieder aufwärts: 1977 erhielt die Sängerin von United Artists einen Vorschuss für die Produktion eines Soloalbums. ROUGH erschien 1978. Es floppte. Produzent Bob Monaco, der wenige Jahre zuvor Chaka Kahn entdeckt hatte, war es nicht gelungen, aus Turners Rock-, Soul- und Pop-Talent eine homogene Mischung zu formen. Überdies hatte er die Sängerin bedenklich nahe an die modische Discowelle gerückt. Immerhin aber konnte sie wieder arbeiten. 1978 wurde ihre Scheidung rechtskräftig – zu harten Bedingungen: Turner musste auf ihre Anteile am gemeinsamen mit Ike betriebenen Tonstudio in Anaheim, Kalifornien, sowie an verschiedenen Musikverlagen und Immobilien verzichten, auch die vier Autos würde Ike behalten.

Zudem musste sie eine erhebliche Steuerschuld und die Entschädigungszahlungen für abgesagte Konzerte übernehmen. Im Gegenzug durfte Tina Turner die Rechte an ihrem Künstlernamen behalten. Wie sie später anmerkte, war der Deal für sie in Ordnung: „Mein Seelenfrieden war mir wichtiger!“

Ab 1979, als sie den australischen Promoter Roger Davis kennenlernte, kam ihre zweite Karriere endlich ins Rollen. Davis übernahm ihr Management, brachte sie mit den richtigen Leuten zusammen und nahm eine entscheidende künstlerische Kurskorrektur vor: weg von Disco, hin zum Rock und damit zu einer weißen Pophörerschaft – eine, wie sich zeigen sollte, entscheidende Weichenstellung.

1981 tourte Turner mit Rod Stewart und eröffnete Shows für ihre alten Freunde, die Rolling Stones. Und im November 1983 erschien ihre Bearbeitung des Al-Green-Klassikers ›Let’s Stay Together‹. Die Single entwickelte sich zum Welthit und wurde zum Startschuss für das vielleicht triumphalste Comeback in der Geschichte der Popmusik. Im Juni 1984 erschien das Album PRIVATE DANCER und warf weitere Singlehits ab, darunter mit ›What’s Love Got To Do With It‹ Tina Turners erste Nr. 1. Der Rest ist Geschichte: Album- und Single-Millionenseller, Grammys, ausverkaufte Tourneen, die Autobiografie „I, Tina“ und die Verfilmung ihrer Lebensgeschichte unter dem Titel „What’s Love Got To Do With It“.

Heute gehört Tina Turner zu den echten Poplegenden, und ist in zweiter Ehe verheiratet mit dem ehemaligen deutschen Plattenmanager Erwin Bach – Happy End für Anna Mae.

2 KOMMENTARE

  1. Normalerweise bin ich nicht so der Soulfan. Aber Tina Turner hat auch kräftig gerockt. Allein schon die Led Zeppelin Coverversion von „Whole Lotta Love“ ist ein Wahnsinn. Da gäbe es sicher noch einige Titel aufzuführen.

    Alles in allem: Tina Turner ist bzw. war eine der geilsten weiblichen Rockröhren ind der Szene.

  2. Ich sehe Tina Turner in einer Reihe mit Janis Joplin, Beth Hard, Alannah Myles und nicht zu vergessen der meiner Meinung nach besten Blues-Rock-Stimme Deutschlands : Inga Rumpf.
    Alle sind sie Stimmgewaltig jede auf ihre Art einzigartig, waren einzigartig wie die leider viel zu früh verstorbene Janis. Rock-Blues und Soul dargeboten von Könnerinnen, Ausnahme-Musikerinnen. Tina ist eine davon. Ihr Album PRIVATE DANCER steht in meiner LP-Sammlung und wird immer wieder gehört wie die Alben der anderen Künstlerinnen.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here