Rock-Mythen: Sam Cooke – Tod im Motel

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Rock-Mythen: Sam Cooke – Tod im Motel

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Sam Cooke Tod im MotelDie Zweifel an der offiziellen Version bestehen bis heute: Am 11. Dezember 1964 wurde der Soulsänger Sam Cooke in einem Motel in Los Angeles erschossen. Obwohl nie infrage stand, wer geschossen hat, führen die unklaren Begleitumstände der Tat bis heute zu Spekulationen…

Zwei Anrufe gehen an diesem 11. Dezember 1964 in der Notrufzentrale der Los Angeles Police ein, und bei­de hängen zusammen: Zuerst meldet sich eine gewisse Elisa Boyer und be­­hauptet, sie sei gerade nur knapp einer Entführung und Vergewaltigung entkommen. Wenige Augenblicke später geht ein weiterer Notruf ein, diesmal von Evelyn Carr. Sie gibt sich aus als die Besitzerin des Hacienda Motels, 9137 South Figueroa St., und berichtet, dass sie soeben mit ihrer Angestellten Bertha Franklin im Motel telefoniert und dabei mitgehört habe, wie es zwischen Franklin und einem Gast zu einem heftigen Streit gekommen und dabei ein Schuss gefallen sei.

Als die Polizei wenig später am Tatort eintrifft, findet sie in Franklins kleinem Portiers-Büro einen leblosen Mann auf dem Boden. Sein Körper wird seitlich vom Türrahmen gehalten, sein Kopf ist nach vorn geneigt und gegen die Wand gelehnt, ein Bein ist angewinkelt. Der Mann trägt nichts als ein dunkles Sakko. Er ist 33 Jahre alt, er ist tot, und er ist Sam Cooke, Amerikas erfolgreichster schwarzer Sänger.

Nachdem die Polizei die Aussagen aller Beteiligten aufgenommen und die Indizien ausgewertet hat, ergibt sich folgender Verlauf des Abends: Zu­­nächst hat Cooke im Restaurant Mar­toni’s zu Abend gegessen und getrunken. Dort hat er die 22-jährige Elisa Boyer kennengelernt. Anschließend haben beide zusammen das Restaurant verlassen. Boyer will Cooke gebeten haben, sie nach Hause zu fahren. Stattdessen aber hielt der Sänger mit seinem Ferrari vor dem Motel, checkte dort ein und nahm Boyer mit auf sein Zimmer. Dort soll er sie auf das Bett geworfen und ihr das Kleid zerrissen haben. Als er sich daraufhin ins Bad begab, ergriff Boyer die Flucht, wobei sie Cookes Kleidung mitnahm – versehentlich, wie sie behauptete. Der aufgebrachte Cooke rannte daraufhin, nur mit Schuhen und seinem Sakko be­­kleidet, zur Rezeption, wo er Bertha Franklin nach dem Verbleib des Mädchens fragte. Franklin behauptete, nicht zu wissen, wo die Frau sei, woraufhin Cooke gegen sie handgreiflich wurde. Daraufhin griff Franklin zur Waffe und schoss, wie sie sagte, in Notwehr auf Cooke. Die Kugel traf ihn in die Brust. Cooke soll daraufhin ge­­stöhnt haben: „Lady, sie haben mich angeschossen!“ Franklin habe ihm, so berichtet sie, noch einmal mit einem Stock auf den Kopf geschlagen. Im nächsten Augenblick sei er zusammengebrochen.

„An jenem 11. Dezember 1964 verlor die junge Popmusik eine ihrer ganz großen Stimmen.“

In den wesentlichen Punkten stützt sich der Polizeibericht auf die Aussagen von Boyer und Franklin. Die Angaben der Hotelbesitzerin Carr bestätigten Franklins Version des Tathergangs. Beide Frauen, Franklin und Boyer, die wenige Jahre später wegen Prostitution verhaftet und 1979 in einem anderen Fall wegen Totschlags verurteilt wurde, stellten sich während der Un­­tersuchung einem Test mit dem Lügendetektor. Unter Berücksichtigung aller Umstände, nicht zuletzt dem, dass Cooke zur Tatzeit unter erheblichem Alkoholeinfluss stand, erkannten die Behörden offiziell auf Notwehr („justifiable homicide“).

Cookes Familie und Freunde sehen das anders. Vor allem die Familie argwöhnt von Anfang an, dass die Aussagen der beteiligten Frauen abgesprochen sind, um ein Mordkomplott zu verdecken. Unklar bleibt vor allem die Rolle von Boyer. Plausibler erscheint vielen die Vermutung, sie habe den Moment, als Cooke im Bad verschwand, genutzt, um mit dem Geld, das er in seiner Hose bei sich hatte, das Weite zu suchen. Die R&B-Sängerin Etta James hat Cookes Leichnam gesehen. Sie schrieb später in ihrer Autobiografie, dass die Verletzungen des Stars weit schlimmer waren als der of­­fizielle Bericht verlauten ließ, und dass sie ihm keinesfalls nur von Bertha Franklin allein zugefügt worden sein können. Und manche vermuteten gar, dass Manager Allen Klein hinter Cookes Tod steckte. Klein hatte 1963 Cookes Geschäfte übernommen und wur­de später berüchtigt für seine Managementmethoden, seine Klienten Beatles und Rolling Stones verklagten ihn je­­weils auf Millionenbeträge. Trotz aller Zweifel an der offiziellen Version von Cookes Tod aber gibt es bislang keine Fakten oder gar Beweise, die das Un­­tersuchungsergebnis profund widerlegen könnten.

Unabhängig von den nebulösen Be­­gleitumständen dieses Todesfalls aber steht fest: An jenem 11. Dezember 1964 verlor die junge Popmusik eine ihrer ganz großen Stimmen. Samuel Cooke, geboren am 22. Januar 1931 als Sohn eines Baptistenpfarrers in Clarks­dale, Mississippi, hatte seine professionelle Karriere 1950 als Leadsänger der Gospelgruppe The Soul Stirrers begonnen. Neben seinem samtweichen Tenor war es vor allem auch sein gutes Aussehen, das die Soul Stirrers zum wohl erfolgreichsten Act in der Gospelszene machte und der Gruppe eine große weibliche Gefolgschaft einbrachte. Cooke nutzte seine Popularität, indem er 1957 eine Solokarriere als Popsänger begann und vom Start weg eine beeindruckende Serie von Hitsingles landete.

Erfolge wie ›You Send Me‹, ›Twistin’ The Night Away‹ und ›Bring It On Home To Me‹ schrieb er selbst, kümmerte sich dazu um die Arrangements und gründete ein eigenes Plattenlabel, was ihm eine weitgehend selbstbestimmte Karriere erlaubte – für einen schwarzen Künstler in jener Zeit revolutionär. Überdies war er einer der einflussreichsten Vo­­kalisten in der Geschichte der populären Musik. Nicht nur Soulsänger, auch die nachfolgenden Generationen weißer Rocksänger von Rod Stewart bis Paul Young beriefen sich explizit auf ihn. Kenner sahen Cooke auf Augenhöhe mit Ray Charles, James Brown und Stevie Wonder.

Im Privatleben allerdings war er das, was man früher einmal einen Bruder Leichtfuß nannte. Die Frauen liebten ihn, er ließ sich das gefallen und beileibe nichts anbrennen. Coo­ke war zweimal verheiratet, drei Kinder hat er aus seiner zweiten Ehe mit Barbara, mindestens drei weitere aus außerehelichen Beziehungen. Schlimme Schicksalsschläge musste er allerdings auch wegstecken: Seine erste Frau Dolores starb 1959, kurz nach der Scheidung, bei einem Autounfall, sein zweijähriger Sohn Vincent er­­trank 1963 im heimischen Pool.

Zu Sam Cookes Trauerfeier am 18. Dezember 1964 in Chicago erschienen 60.000 Menschen. Sie wussten, dass da viel zu früh einer der ganz Großen gegangen war. Was ihnen und seinem Millionenpublikum blieb, war die Musik. Vier Tage nach der Beisetzung wurde Sam Cookes neue Single veröffentlicht. Mit ›A Change Is Gonna Come‹ enthielt sie eine Ballade, die er unter dem Eindruck der „I have a dream“-Rede von Martin Luther King geschrieben hatte und die nun zu einer der bekanntesten Hymnen der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung werden sollte.

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