Rock-Mythen: Otis Redding – Der Soulman, der vom Himmel fiel

Musikalisch wird Redding zur besten Visitenkarte des Labels. Er schreibt seine Songs selbst und gelegentlich auch mit Steve Cropper, dem Gitarristen der Stax-Hausband Booker T & The MGs. Sie alle zusammen fabrizieren den Sound, der den Southern Soul definiert: eine kraftvolle Rhythmusgruppe, präzise Gitarrenriffs und machtvolle Bläsersätze. Zwar singt Redding noch vornehmlich für ein schwarzes Publikum, dennoch reicht sein Einfluss schon weit über den Tellerrand der R’n’B-Szene hinaus.

Otis Redding King Of Soul Cover

So covern die englischen Rolling Stones auf ihren ersten Platten seine Hits ›That’s How Strong My Love Is‹ und ›Pain In My Heart‹, im Gegenzug nimmt der musikalische Kosmopolit Redding deren ›(I Can’t Get No) Satisfaction‹ auf – Keith Richards zieht Reddings Version der seiner eigenen Band bis heute vor. Überhaupt, Reddings Sensibilität für den weißen Pop ist es, die ihn bald vom Gros der schwarzen Soulmen unterscheidet.

Im Frühjahr 1967 unternimmt er mit der Stax/Volt Revue eine umjubelte Europatournee, dazu beglückt er mit seiner explosiven Bühnenshow als erster afroamerikanischer Soulkünstler ein weißes Hippiepublikum beim Monterey Pop Festival. Redding entdeckt den weißen Markt für sich. Er überdenkt nun seine Karrierestrategie und strebt einen musikalischen Kurswechsel an. Damit allerdings stößt er bei Stax auf pures Unverständnis: Als er im Dezember 1967 seinen neuen Song ›(Sittin’ On) The Dock Of The Bay‹, eine ungewöhnlich entspannte Ballade, aufnehmen will, lehnen Bassist Duck Dunn, Labelchef Jim Stewart und Reddings Management die Nummer rundweg ab. Wie Ehefrau Zelma bestätigt, be­­schäftigt sich Redding zu dieser Zeit intensiv mit dem SGT. PEPPER’S-Album der Beatles und sucht bewusst einen Zugang zum weißen Poppublikum: „Er erkannte, dass er in eine völlig neue Phase trat. Plötzlich kam er bei den Weißen an, die sich vor 1967 nie für Otis Redding interessiert hatten.“

Gegen alle Widerstände nimmt der 26-jährige Soulstar den Song am 7. Dezember 1967 in den Stax Studios auf. Den Triumph, den das Lied ihm bescheren wird, erlebt er freilich nicht mehr. Im Anschluss an die Session bricht Redding mit seiner Band, den Bar-Kays, auf, um diverse Konzerttermine zu absolvieren. Am 9. Dezember stehen Auftritte in Cleveland, Ohio, auf dem Programm. Am Morgen danach steigen die Musiker in ihre Beechcraft H18, um für eine weitere Show nach Madison, Wisconsin, zu fliegen. Trotz des stürmischen Regenwetters und schlechter Sicht geht zunächst alles gut. Knapp sieben Kilometer vor dem Zielflughafen Truax Field in Madison bittet der Pilot um Landeerlaubnis. Es ist das letzte Lebenszeichen aus dem Flugzeug.

Wenig später findet man die Maschine unweit der Landebahn im Lake Monona. Fast alle Insassen sind tot, lediglich Trompeter Ben Cauley hat überlebt. Bis kurz vor dem Crash hat er geschlafen, das Letzte, woran er sich erinnert, ist der Mo­­ment, als er seinen Gurt löst. Dass der Nichtschwimmer im eisigen Wasser des Sees nicht ertrunken ist, verdankt er einem Sitzpolster, an das er sich verzweifelt klammerte.

Das Wrack und die Opfer werden einen Tag später geborgen. Die Um­­stände des Absturzes sind jedoch bis heute ungeklärt. Bei der Trauerfeier am 18. De­­zember im City Auditorium in Ma­­con geben Otis Redding 4.500 Menschen das letzte Geleit. Den Sarg tragen u.a. Solomon Burke, Arthur Conley, Joe Simon, Johnnie Taylor und Joe Tex. ›(Sittin’ On) The Dock Of The Bay‹ erscheint im Januar 1968 als Single und steht am 16. März auf Platz 1 der Billboard-Popcharts – Otis Redding hat den Schritt zum weißen Publikum geschafft.

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