Rock-Mythen: Hank Williams – Der Tod des Hillbilly-Shakespeare

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Rock-Mythen: Hank Williams – Der Tod des Hillbilly-Shakespeare

Carr besorgt im Hotel etwas zu essen und verfrachtet den wieder einmal betrunkenen Williams ins Bett. Im Laufe des Abends bekommt Hank schwere Schluckbeschwerden, woraufhin Carr Williams‘ Leibarzt, einen Quacksalber namens Toby Marshall, in Montgomery anruft. Der empfiehlt Morphiumspritzen mit Vitamin-B-12-Beigabe. Anschließend bugsieren zwei Hotel­angestellte Williams hinunter zum Auto, wo sie ihn auf den Rücksitz setzen und mit einer Decke und seinem Mantel zudecken. Als Carr losfährt, ist es viertel vor elf Uhr abends. Nach Canton sind es gute 800 Kilometer, und Stagetime für Hank ist schon um 14 Uhr am nächsten Tag.

Irgendwann vor Mitternacht wird der Cadillac in Grainger County, Tennessee, von dem Streifenpolizisten Swan Kitts angehalten, dessen Fahrzeug Carr bei einem Überholmanöver beinahe frontal gerammt hätte. Der Polizist sieht den leblosen Hank auf dem Rücksitz und wird misstrauisch. Er fragt Carr, ob alles in Ordnung sei. Der nickt und erklärt, dass sein Passagier vom Arzt eine Beruhigungsspritze bekommen habe und nun schlafe. Kitts begleitet den Wagen in das nahegelegene Städtchen Rutledge, wo Carr wegen seines Verkehrsvergehens vom Friedensrichter zu einer Geldbuße in Höhe von 25 Dollar verurteilt und dann entlassen wird.

Um ein Uhr setzen die beiden ihre bizarre Fahrt fort. Als Carr in den frühen Morgenstunden an Burdette‘s Pure Oil Station nahe Oak Hill, Ohio, einen Zwischenstopp einlegt, wird ihm klar, dass sein Passagier, der schon eine Weile keinen Mucks mehr von sich gegeben hat, nicht mehr lebt. Der hilflose Junge fährt zum nächsten Hospital, wo am Neujahrstag um sieben Uhr morgens Hanks Tod festgestellt wird.

Was tatsächlich in jener Nacht geschah, ist bis heute nicht restlos geklärt. Einer anderen Version der Geschichte zufolge soll Carr bereits an Burdettes Tankstelle die Polizei benachrichtigt haben, die so­­fort einen Streifenwagen schickte, der den Cadillac dann zum Hospital nach Black Oak geleitete. Der genaue Todeszeitpunkt jedenfalls konnte nicht ermittelt werden. Der diensttuende Arzt hielt es gar für möglich, dass der Tod bereits im Hotel in Knoxville eingetreten war. Dem steht allerdings entgegen, dass die beiden Hotelbediensteten, die Hank dort ins Auto gebracht hatten, später behaupteten, ihn husten gehört zu haben.

Ganz geheuer schien den Behörden der sonderbare Todesfall jedenfalls nicht, sie veranlassten eine Obduktion. Das Ergebnis: Einstichspuren an Hanks Unterarmen, Blutungen am Herzen und im Nacken, dazu Spuren übler Schläge. So musste Williams vor nicht allzu langer Zeit einen heftigen Tritt in die Leiste bekommen haben. Als Todesursache wurde ein Versagen der rechten Herzkammer protokolliert. Im Blut des Toten fanden sich Spuren von Alkohol, nicht aber von Drogen – vor allem wohl, weil danach nicht gesucht wurde. Im Fond des Unglücksautos wurde neben ein paar Bierdosen ein unvollendetes Textmanuskript mit dem ahnungsvollen Ti­­tel ›Then Came That Fateful Day‹ sichergestellt.

Die Beerdigung fand bereits drei Tage später, am 4. Januar, in Montgomery statt. An diesem Sonntagmorgen hielten sich vor dem Municipal Auditorium, wo die Zeremonie abgehalten wurde, rund 20.000 Menschen auf. Williams war in seinem weißen Bühnenanzug aufgebahrt worden, in den Händen hielt er eine Bibel. Sein Sarg war geschmückt mit Blumengebinden in Gitarrenform.

In diesem kalten Januar eroberte ein neuer, bei Williams‘ letzter Session im November 1952 aufgenommener Song die Charts. Dass MGM ausgerechnet ›I‘ll Never Get Out Of This World Alive‹ ins Rennen geschickt hatte, war keine Ab­­sicht – die Platte war bereits im Dezember veröffentlicht worden. Charles Carr sollte die Nacht, als der Hillbilly-Shakespeare Hank Williams starb, bis ans Ende seiner Tage nicht vergessen.

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