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    Rock-Mythen: Fleetwood Mac – Drama, Baby, Drama!

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    Rock-Mythen: Fleetwood Mac – Drama, Baby, Drama!

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    Randnotiz: Abgesehen von der Sache mit dem Piano, die immerhin auch für einen ungewöhnlichen Perfektionismus sprach, der sich schließlich in der für damalige Verhältnisse atemberaubenden Klangqualität des Albums niederschlug, kam es zu einem weiteren technischen Problem, das RUMOURS an den Rand des Scheiterns brachte: Während der neun Wochen, die Fleetwood Mac in Sausalito verbrachten, wurden die Mehrspurbänder bei der Arbeit an den Songs so oft abgespielt, dass das analoge Bandmaterial arg in Mitleidenschaft gezogen wurde.

    Die Be­­schichtung wurde immer dünner, weshalb die Basic-Tracks von Drums und Bass von Mal zu Mal dumpfer und kraftloser klangen. Als man sich im Herbst 1976 in Los Angeles an den letzten Feinschliff machen wollte, waren sie kaum mehr zu gebrauchen. Erst ein eilig herbeigerufener Spezialist konnte die Tapes mithilfe eines komplizierten Verfahrens retten.

    Die technischen Schwierigkeiten der Produktion jedoch verblassten gegenüber den menschlichen: Zickereien und gegenseitiges Piesacken bestimmten die Tagesordnung, dazu das andauernde Gefühl, gleichsam in einem dunklen Verließ zu sitzen, wo man sich nicht aus dem Weg gehen konnte – Drama galore. Die McVies schwiegen sich verbissen an (Christine: „Mehr als ‚welche Tonart hat das Stück?‘ ging nicht!“), während sich die beiden anderen bei jeder Gelegenheit an­­keiften.

    Stevie Nicks: „Fünf Leu­­te am Rande des Zusammenbruchs, die alle in diesem kleinen, düsteren Raum hockten. Niemand muss den Menschen, von dem er sich gerade ge­­trennt hat, am nächsten Morgen wiedersehen. Wir aber waren 15 Stunden im Studio, und nach zehn Stunden Pause mussten wir wieder dorthin zu­­rück.“ Kein Wunder, dass alle Anwesenden regelmäßig Zuflucht bei Toningenieur Ken Caillat suchten, der unter dem Mischpult einen Riesenbeutel mit Kokain bereithielt.

    rumours

    Wie sehr die Songtexte – von Buckinghams desillusionierten ›Go Your Own Way‹ über Nicks‘ ›Dreams‹ und ›The Chain‹, an dem alle fünf Mitglieder mitgeschrieben haben, bis hin zu ›You Make Loving Fun‹, in dem Christine McVie die Liebeskünste ihres neuen Freundes preist – ihre zerbrochenen Beziehungen, emotionalen Abgründe und verletzten Gefühle reflektierten, wurde den Beteiligten erst hinterher klar. Mick Fleetwood beschrieb das einmal so: „In den Songs verarbeitete jeder die Situation und sagte, was er oder sie zu sagen hatte. Blöd war das nur für John [McVie], weil der nicht sang.“ Dessen Ex Christine McVie im Rückblick: „Wir schrieben all diese Songs übereinander, nur war uns das zu diesem Zeitpunkt noch nicht bewusst.“

    Es grenzt an ein Wunder, dass RU­­MOURS überhaupt zustande kam. Laut übereinstimmenden Aussagen aller Beteiligten stand eine Auflösung der Band trotz der Situation nie zur Debatte. Zumal jeder spür­­te, dass Fleetwood Mac auf dem Sprung zum ganz großen Erfolg waren.

    Die atemberaubende Bilanz von RUMOURS entschädigte dann auch für erlittene Seelenqual: Nr. 1 in den USA, Großbritanien, Australien, Neuseeland und Kanada, vier Top-Ten-Singles in den USA, bis heute mehr als 45 Millionen verkaufte Alben weltweit, und nicht zuletzt ein Grammy für das „Album des Jahres“.

    Zur Veröffentlichung im Februar 1977 fotografierte Annie Leibovitz die Band für das Cover des „Rolling Stone“ gemeinsam in einem Kingsi­ze-Bett liegend – ein Bild, dass die Fleetwood-Soap perfekt illustrierte, aber auch zeigte, dass die Gruppe ih­­re schlimmste Zerreißprobe überstanden hatte. Freilich mit Blessuren: RUMOURS markierte den Aufbruch eines jeden Bandmitglieds, mit Ausnahme von Buckingham, in eine jahrelange persönliche Alkohol- und Drogenhölle.

    Was das Album zu einem der größten seiner Epoche macht, ist jedoch we­­der die Musik allein, noch sind es die schwierigen Umstände, unter denen es entstand. Es ist das Paradoxon, dass sich menschliches Leid in ein Füllhorn perfekter, funkelnder, leichtfüßiger Popsongs verwandeln lässt. Oder wie Christine McVie einst anmerkte: „Die Musik hielt uns zu­­sammen.“

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