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    Johnny Ace: Legende und Wirklichkeit

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    Johnny Ace: Legende und Wirklichkeit

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    Die Ballade von Johnny Ace

    Seinen Namen hat wohl jeder schon gehört. Größen wie Bob Dylan und Elvis Presley coverten seine Hits, und Paul Simon verewigte ihn in seinem Song ›The Late Great Johnny Ace‹. Wer aber war der Mann, der eine der makabersten Traditionen der Showgeschichte begründete?

    Die Annalen der Rockmusik halten traurige Legenden bereit, mysteriöse und amüsante. Auch solche, die nicht wahr sind, und viele, die man kaum glauben möchte. Eine der tragisch­sten stammt aus einer Zeit, als der Rock‘n‘Roll gerade erfunden wurde. Wir schreiben das Jahr 1954…

    Down in Houston, Texas, on a Christmas night
    With a gun in his hand and his name up in lights
    He was young and handsome, the Prince of the Blues
    In a sharkskin suit and alligator shoes

    Was der US-Singer/Songwriter Dave Alvin hier zu einem messerscharfen Bluesgitarrenriff hö­­ren lässt, ist die wahre Geschichte des John Marshall Alexander Jr., geboren am 9. Juni 1929 in Memphis, Tennessee. Der Song heißt ›Johnny Ace Is Dead‹, stammt von Alvins 2011er-Album ELEVEN ELEVEN und berichtet, was sich am Abend des ersten Weihnachtstages anno 1954 in Hous­­ton, Texas, zutrug. Dort nämlich gab John­­ny Ace, wie sich Alexander als Sänger nann­­­­te, ein Konzert.

    He was flirting with some women
    who had come backstage
    He said: „Ladies, want to see me
    play a wild little game?“
    But Big Mama Thornton said: „Go, sing your song
    And put that damn thing down
    before something goes wrong!“

    In der Pause zwischen zwei Sets kam es in der Garderobe zu einem folgenschweren Zwischenfall. Big Mama Thornton war dabei. Die schwergewichtige Rhythm‘n‘Blues-Sängerin (›Hound Dog‹, ›Ball & Chain‹) erzählte die Ge­­schichte später so: „Er spielte mit der Pistole, es war aber kein Russisches Roulette. Er hat damit erst auf seine Freundin und dann auf eine andere Frau gezielt, die in der Nähe saß, aber nicht gefeuert. Dann hat er die Waffe auf sich selbst gerichtet, und sie ging los, der Schuss traf ihn seitlich in den Kopf.“ Curtis Tillman, Bassist in Big Mamas Tourband, er­­innerte sich in einem entscheidenden Detail anders: „Johnny Ace hatte getrunken und wedelte mit der Pistole am Tisch herum, bis jemand sagte: ‚Sei vorsichtig mit dem Ding!‘ Und er antwortete: ‚Es ist okay, die Waffe ist nicht geladen! Siehst du?‘ Dann grinste er und hielt sie sich an den Kopf. Bang! Sehr traurige Sache. Schreiend rannte Big Mama aus der Garderobe: ‚Johnny Ace hat sich ge­­ra­­de getötet!‘“ Ob Russisches Roulette oder ein Versehen – am ersten Weihnachtstag 1954 starb Johnny Ace. Er war gerade einmal 25 Jahre alt.

    The band leader set his saxophone down
    And said, „I think I better split before the cops come ‘round“
    While the crowd in the theater slowly drifted away
    With their heads hung low, not sure of what to say

    Das Publikum verließ den Ort des Geschehens mit gesenkten Köpfen. Und so mancher wird dabei über die kurze, höchst erfolgreiche Karriere des Toten nachgedacht haben. Zum ersten Mal gehört hatten die meisten von dem schwarzen Jungen mit dem samtweichen Tenor wohl zwei, drei Jahre zuvor, als ihn die Deejays der R‘n‘B-Sender im US-Süden entdeckt hatten. Das Lied hieß ›My Song‹, und es war eine langsame, zu Tränen rührende Ballade, die Johnny mit reichlich Herz ins Mikrophon geschmettert hatte.
    Kurz vorher noch hatte der Sänger im Koreakrieg gedient. Zurück in Memphis, heuerte er dann als Pianist in der Band von B. B. King und Bobby Bland an. King jedoch hatte sich wenig später verabschiedet, um nach Los Angeles zu gehen, und Ace hatte die verbliebene Band übernommen, bei Duke Records unterschrieben und mit ›My Song‹ seine erste Platte gemacht. Im September 1952 hatte das Lied Platz 1 der Rhythm‘n‘Blues-Charts er­­obert und Johnny damit einen Blitzstart ins Plattenbusiness beschert. Don Robey, der Boss des kleinen Duke-Labels, war zufrieden mit seinem Schützling, und zusammen hatten die Zwei in den folgenden beiden Jahren noch genügend Grund, die eine oder andere Flasche Champagner zu öffnen.
    Kurzum: Johnny schien der nächste Big Shot zu werden. Er sah klasse aus, wusste sich zu kleiden und hatte nicht nur auf der Bühne einen ziemlichen Schlag bei den Ladies. Und seine weiteren Platten, allesamt nach dem bewährten ›My Song‹-Strickmuster produziert, schafften es zuverlässig in die R‘n‘B-Charts. Respektable acht Hits in Folge, darunter Titel wie ›Cross My Heart‹, ›Never Let Me Go‹ (später von Bob Dylan gecovert) und ›Saving My Love For You‹, hatte Johnny Ace mittlerweile gelandet, woraufhin ihn die US-Discjockeys Ende 1954 zum vielversprechendsten Künstler des Jahres gewählt hatten. Und nun das.

    But Big Don Robey, the record company man
    With big diamond rings on both of his hands
    Said, „I‘m gonna send him back to
    Memphis in a refrigerated truck
    Cause Johnny Ace is gonna
    make me a million bucks.“

    Dass Robey am toten Johnny Ace tatsächlich eine Million Dollar verdient hat, darf bezweifelt werden. Sicher aber ist, dass sich der posthum veröffentlichte Titel ›Pledging My Love‹ Anfang 1955 zu dessen größtem Hit entwickelte. Zehn Wochen lang belegte er Platz 1 der R‘n‘B-Charts und knackte, selten genug damals, sogar die Top Twenty der Popliste. Später wurde der Song unter anderem von Elvis Presley, Percy Sledge, Roy Orbison und Emmylou Harris gecovert. Als man Johnny am 9. Januar 1955 in Memphis zu Grabe trug, erwiesen ihm 5.000 Menschen die letzte Ehre.

    When Johnny came home to Memphis, Tennessee
    Everyone on Beale Street came out to see
    There were pimps and gamblers, husbands and wives,
    Women young and old all came to say goodbye
    And as the choirs sang and the preachers prayed
    Five thousand mourners marched him to his grave
    Well, there may be a Heaven and there may be a Hell,
    No one knows for sure but now Johnny Ace knows damn well

    Wohl wahr. Johnny Ace weiß nun, ob es einen Himmel gibt. Und wir wissen, dass er der erste Showstar war, der sich mit einem Revolver versehentlich dorthin geschossen hat, womit der Verblichene eine makabre Tradition begründete – ihm folgten im Laufe der Zeit prominente Kollegen, darunter am 23. Januar 1978 der Gitarrist/Sänger Terry Kath von Chicago und am 18. Oktober 1984 der US-Schauspieler Jon-Eric Hexum, der sich am Filmset im kalifornischen Century City selbst erschoss.

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    „Johnny Ace Is Dead“: written by Dave Alvin,
    © 2011 YepRoc Records,
    published by BlueHornToad Music, BMI

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