Guns N‘ Roses: Appetite for Reconstruction

Genauso wichtig waren die drei Stücke, die nicht in Sound City aufgenommen worden waren. ›Mr. Brownstone‹ war eine funky Nummer, benannt nach einem berüchtigten Drogendealer in L.A., und erinnerte an Aerosmith auf dem Gipfel ihres Hedonismus. ›It’s So Easy‹, brutal und grenzwertig frauenfeindlich, hatte ein Riff, das an die Sex Pistols erinnerte. Auf beiden sang Axl in einer tieferen Stimme und erweiterte so das Klangspektrum der Band. Doch der dritte dieser Songs war die Geheimwaffe auf APPETITE FOR DESTRUCTION: ›Sweet Child O’ Mine‹. Diese Ballade, vage inspiriert von Lynyrd Skynyrd, mit einem Text, den Axl über seine damalige Freundin Erin Everly geschrieben hatte, klang für Tom Zu­­taut wie ein potenzieller Hit. Niven formuliert es etwas drastischer: „Tom war so richtig high auf ›Sweet Child‹, ich hatte eher einen Ständer für ›Paradise City‹. Und weil wir ›Sweet Child‹ hatten, brauchten wir ›November Rain‹ nicht. Axl war überzeugt, dass ›November Rain‹ sein Geniestreich war und mehr Zeit und Aufmerksamkeit benötigte. Es war brillant, sich das noch ein wenig aufzuheben.“

In Nivens Augen „reiften sie mit den Clink-Sessions und erschlossen eine tiefgehendere, breitere Kraft. Bessere Darbietungen, bessere Töne, bessere Texturen, mehr Selbstvertrauen, mehr Fantasie, mehr Gravitas“. Und während das Album Gestalt annahm, wurde die EP Live ?!*@ LIKE A SUICIDE aus den Aufnahmen mit Spencer Proffer zusammengesetzt. Über die vier Studiotracks – ›Reckless Life‹, ›Move To The City‹, ›Nice Boys‹ und ›Mama Kin‹ – wurden Publikumsgeräusche vom Texxas Jam gelegt, einem Festival von 1978, bei dem Aerosmith als Headliner aufgetreten waren. In einem weiteren Kunststück wurde die EP als Independent-Release auf dem bandeigenen Label Uzi Suicide ohne Geffen-Emblem veröffentlicht. Sie er­­schien am 16. Dezember 1986 und machte die Band auch außerhalb von L.A. bekannt. „Kerrang!“-Autor Xavier Russell erklärte Guns N’ Roses zur „sleaziest band in Smog Angeles“.

Die Albumaufnahmen wurden schließlich im März 1987 abgeschlossen. Niven war nach eigener Aussage ziemlich besorgt: „Es waren viel Zeit und Geld investiert worden. Die Aufnahmen für APPETITE hatten 365.000 Dollar gekostet, eine verrückte Summe für ein Debüt. Ich fragte mich, ob wir das jemals wieder einspielen und ein nennenswertes Einkommen daraus generieren würden.“

Nicht nur Niven fühlte diesen Druck, wie er lapidar erzählt: „Als es ans Abmischen ging, war Clink völlig ausgelaugt. Er brachte einfach keinen Mix mehr auf die Reihe und Zu­­taut hatte eine Riesenangst, dass all die Zeit und das Geld verschwendet wären.“ Nivens Lösung war es, einen Track mit Michael Lardie abzumischen, dem Keyboarder und Rhythmusgitarristen von Great White. „Es war mein Weg, zu beweisen, dass Clink die Performance auf Tonband eingefangen hatte“, erklärt er.

Im Total Access Studio in L.A., wo Great White schon ihr Album ONCE BITTEN aufgenommen hatten, gingen Niven und Lardie schnell an die Arbeit. „Wir räumten das Mischpult auf, machten uns für den Mix bereit und sagten Zutaut, er solle sich ein Tonband aussuchen.“ Innerhalb von vier Stunden hatten sie ›Mr. Brownstone‹ abgemischt. „Die Band wartete in Toms Büro, um zu hören, was wir dachten“, so Niven. „Hatte Clink es aufs Tape bekommen oder nicht? ‚Ihr solltet hier runterkommen‘, sagte ich. Nur Izzy hatte den Mut, aufzukreuzen. Wir drückten auf Play und schon beim Refrain sprang er vom Sofa auf und hatte die Fäuste in der Luft – sehr untypisch für Izzy.“

Der finale Mix des Albums kam dann schließlich von Steve Thompson und Michael Barbiero. Das Ziel, erinnert sich Thompson, war es, die Platte „so laut wie möglich“ klingen zu lassen. Niven findet, dass sie diese Aufgabe bestens erfüllt und sogar übertroffen haben: „Sie fanden die Verbindung zur Energie dieser Songs. Ich war überwältigt.“

Es war ein langer Weg mit vielen Wendungen gewesen, doch was Guns N’ Roses mit APPETITE FOR DESTRUCTION erschaffen hatten, war nichts weniger als eine Platte, die die ganze Welt erschütterte. Bis heute wurde sie mehr als 30 Millionen mal verkauft.

Alan Nivens Ängste erwiesen sich also als völlig unbegründet. Er – und viele andere – verdienten sehr viel Geld an diesem Album. Manny Charlton allerdings nicht. „Geffen zahlte mir die Flü­ge, aber sie schulden mir immer noch die Kosten für das Hotel“, sagt er heute. Charlton profitierte dennoch etwas später von dieser Verbindung, als Guns N’ Roses 1993 immerhin eine Co­­ver-Version des Titelstücks von HAIR OF THE DOG für ihr Album THE SPAGHETTI INCIDENT? aufnahmen. Und er hatte natürlich absolut Recht, was ›November Rain‹ an­­ging. Als er es Axl an je­­nem Tag 1986 spielen gehört hatte, wusste er, dass es ein wichtiger Song war. 32 Jahre später wur­de das Video zum ersten Clip aus dem 20. Jahrhundert er­­klärt, der mehr als eine Milliarde mal im Internet gesehen wurde.

1 KOMMENTAR

  1. Sehr schöne interessante Abhandlung über die Entstehung des besagten Albums, toll geschrieben mit spannenden Hintergrund-Informationen wirklich hervorragend gemacht! Gerne weiter so großartige Beiträge

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