Jefferson Airplane: Die Geschichte von Grace Slick

Sexismus stand nicht auf ihrer Themenliste – sie hatte genau so viel Spaß wie die Jungs. „Ich habe so ziemlich jeden gevögelt, der in Reichweite war“, behauptete sie mal. „Ich bereue nur, dass ich nie mit Jimi Hendrix oder Peter O’Toole im Bett war.“ Jim Morrison hingegen konnte sie sich angeln. Während der legendären Doors/Airplane-Europatournee 1968 landete sie in seinem Zimmer im Belgravia Hotel, wo sie herum tollten und einander mit Erdbeeren und anderem Obst bedeckten. „Jim war ein gut bestückter Junge“, erinnerte sich Grace, „überdurchschnittlich groß.“ Aber es blieb bei dem einen Mal, seufzt sie. „Als ich ging, sagte ich: ‚Ruf mich an, wenn du Lust hast‘. Aber das tat er nie. Also bin ich wohl furchtbar im Bett.“

Aber Grace bekam ihre Rache. Vor dem Konzert in Amsterdam kauften Airplane eine Platte Lebanese-Gold-Haschisch und boten Morrison ein Stück zum Knabbern an. Gierig aß er einen Riesenbrocken. Ray Manzarek erinnerte sich, wie er dann bei Airplane auf die Bühne stolperte: „Jim fing an, mit Grace zu singen und sie zu umarmen. Dann tanzte er wieder von der Bühne, ging zurück in die Garderobe und wurde ohnmächtig.“

Slick kichert: „Ich mochte Jim. Die meisten Frauen mochten ihn. Er sah blendend aus, aber er war so abgedreht – die Hälfte der Zeit konnte man sich nicht mit ihm unterhalten. Er benutzte sich als menschliches Versuchskaninchen, um herauszufinden, wie weit man mit dem menschlichen Gehirn gehen konnte. Ich erinnere mich, wie ich 1967 von einem Airplane-Gig kam und mit Kantner ins Tropicana-Motel ging. Morrison lag im Flur, verspult auf LSD, splitterfasernackt und bellte wie ein Hund. Paul stieg einfach über ihn hinweg und ging in sein Zimmer.“

Wie es sich damals gehörte, nahmen Airplane jede Menge Drogen aller Art. „Absolut“, sagt Slick. „Persönlich bin ich auf LSD nie durchgedreht. Ich dachte nicht, dass es einem schaden könnte, wenn man nicht ohnehin schon psychische Probleme hatte, und die hatte ich ja nicht.“ Sie kann sich an die meisten ihrer Drogenepisoden erinnern. „Wenn ich meine Drogen will, will ich sie JETZT. Alkohol war verhängnisvoll, weil er leichter zu bekommen war. Meine Lieblingsdroge waren Quaaludes [ein Antidepressivum], aber man musste betteln, um die zu kriegen. Machmal haben sie dir Valium gegeben, aber es dauerte Tage, bis man davon wieder runterkam. Sie nahmen Quaaludes vom Markt. Das war dumm. Sie sind toll, wenn du speedsüchtig bist oder Alkohol und Koks nimmst. Jeder liebte sie. Ich liebte sie, weil sie mich nicht wütend machten wie Alkohol. Ich fuhr nicht seltsam Auto und wurde nicht verhaftet. Ich fühlte mich unbesiegbar und gut, aber sie machten keinen völligen Idioten aus mir. Ich vertrage offenbar ziemlich viel. Ich brauche zum Beispiel viel Morphin im Krankenhaus, bevor ich in die Narkose falle. Ich nicht, Doc. Gib mir Quaaludes und ich fühle mich toll.“

Slick, offensichtlich eine Naturgewalt, trat oft unter Drogeneinfluss auf. „Ich würde es wohl nicht jedem empfehlen“, sagt sie, „denn Drogen zu nehmen und zu arbeiten, funktioniert nicht immer. Wir spielten mal in Fargo, North Dakota, und unser Tourmanager hatte diese Plastikbox voller Drogen in verschiedenen Fächern – Pulver und Pillen. Wir nahmen alle etwas von dem wir dachten, es sei Kokain, aber es stellte sich heraus, dass es LSD war. Nach 15 Minuten war ich so krass auf Trip, dass ich aufhörte, zu singen und Klavier zu spielen, und nur noch Jack Casadys Bass zuhörte. Ich sah es so: Ich bin jung, gesund, ich bin nicht deprimiert, ich kann so viele Drogen nehmen, wie ich will, vögeln, mit wem ich will, denn AIDS gibt es ja noch nicht, und ich werde dafür bezahlt, durch die ganze Welt zu reisen und mich anzuziehen, wie ich will. Mann, wir waren Rock’n’Roller, keine Banker.“

Wer Grace Slick in voller Montur sah, verehrte sie. Die Autorin und Szenegröße Eve Babitz – die Dorothy Parker der Westküste – erinnert sich: „Grace hatte einen Napoleon-Komplex, weil sie ziemlich klein ist, was sie nervte. Aber sie war definitiv wunderschön und sie wuchs, um eine Bühne auszufüllen. Es gab kein Entrinnen vor ihr. Sie schaffte es auf den Titel des ‚Time Magazine‘ in ihrer Pfadfinderinnen-Uniform, was damals unglaublich schien. Sie passte immer noch, denn wie alle anderen in der Rockszene der Westküste 1966 schnupfte sie LSD, nahm Speed und Aufputschmittel, also aß sie nichts. So blieb auch Jim Morrison so dünn. Die Leute wurden erst fett, wenn sie Kokain entdeckten. Grace hielt sich immer für hässlich. Ich weiß noch, wie sie bei Woodstock ein weißes Indianerkostüm trug, und sie hasste die Fotos so sehr, dass sie versuchte, die Verwendung der Airplane-Aufnahmen im Film zu verbieten.“

Dabei war der Airplane-Auftritt bei Woodstock fasst so legendär wie Hendrix‘ Version des ›Star Spangled Banner‹. Sie kamen am Sonntag, den 17. August, zum Morgengrauen auf die Bühne, gleich nach The Who. Slick sah ehrfürchtig in die riesige Menge, bevor sie sagte: „Ihr habt die Heavy-Gruppen gehört, jetzt werdet ihr verrückte Morgenmusik hören. Glaubt mir. Ja, es ist eine neue Dämmerung.“

So episch solche Momente auch waren, bevorzugt sie dennoch ihre nüchternere Version: „Ich trug Federn und Muscheln und dieses weiße Kleid. Es hatte ewig gedauert, bis das gut aussah. Während der Rest der Band im Hotel Billard spielte und abstürzte, probierte ich meine Accessoires an. Ich wollte gut aussehen. Ich dachte, ich sei scharf. Aber später sagte dann jemand: ‚Verdammt. Warum hat sie nicht in den Spiegel gesehen, bevor sie auf die Bühne ging?’“ Aber warum sich stressen? Airplane hatten fünf Goldalben in drei Jahren veröffentlicht. Grace Slick war ein Superstar. Der Westküsten-Chronist Alec Palao schrieb: „Mehr als irgendjemand sonst war sie das originellste und einzigartigste Talent, das aus der ganzen San-Francisco-Szene der 60er hervor ging.“

Für Grace „war das alles ein Riesenspaß. Die erste Platte, die ich mit Airplane machte, SURREALISTIC PILLOW, war leicht. Wir gingen in die RCA-Studios in Hollywood, wo sie Frank Sinatra, Elvis Presley und die Rolling Stones aufgenommen hatten. Der Boden war aus Holz. Wir stellten vier riesige Altec-Lautsprecher auf und rockten. Wir hatten komplette künstlerische Kontrolle. RCA sagten uns nie, was wir zu tun hatten, weil wir Tickets verkauften, und der Produzent Rick Jarrard war immer betrunken, also mischte er sich nicht ein. Wir produzierten letztlich mit dem Toningenieur Dave Hassinger und waren die ganze Zeit mit Jerry Garcia als ’spirituellem Berater‘ auf Trip. Ha!“

Im Spätsommer 1968 tourten Airplane durch Europa und beeindruckten ihre Zuschauer mit ihrer brutalen Anlage und psychedelischen Lightshow. Am britischen Augustfeiertag zahlte man ihnen 1000 Pfund, um beim ersten Isle-Of-Wight-Festival als Headliner aufzutreten. „Ich friere bis auf die Knochen!“, schrie Grace. Wenige Tage nach dem Festival spielten sie umsonst vor ein paar hundert Neugierigen auf dem baufälligen Pavillon der Parliament Hill Fields in Nordlondon. Gesponsert von der Gemeinde von Camden (und erst einen Tag vorher von John Peel in seiner Radiosendung angekündigt), war es nicht gerade ein triumphaler Auftritt. Das Wetter war so schlecht, dass Slicks erste Worte waren: „Was ist los mit euch? Es regnet. Geht nach Hause!“

Nach der Europatour zahlten Airplane 73.000 Dollar für eine palastartige Villa in der Fulton Street 24000, San Francisco. Sie strichen ihr neues Hauptquartier schwarz, ließen ihren persönliche Koks-Dealer einziehen und installierten im Keller eine mittelalterliche Folterbank, die zuerst an David Crosby ausprobiert wurde. Slick kaufte sich eine Pistole und amüsierte sich damit, sie von ihrem Fenster über den Golden Gate Park abzufeuern. 1969 waren Jefferson Airplane die wohlhabendste Band der Westküste. Was sie jedoch nicht davon abhielt, VOLUNTEERS zu machen, ein radikales, revolutionäres Album und ein Ruf zu den Waffen. „Wir hatten so viel Spaß, als wir VOLUNTEERS machten“, erinnert sich Slick. „Jorma fuhr immer auf seinem Motorrad ins Studio. Und wir verbrachten viel Zeit damit, an einem riesigen Kanister voller Lachgas in der Ecke zu nuckeln und zu gackern wie Idioten.“ Und die Revolution? „Die blieb aus. Ich dachte, man könnte Menschen mit Medienattacken, Büchern und Wissen verändern, aber das kann man nicht. Die einzige Person, die ich verändern kann, bin ich.“

Während die Musik bombastischer wurde, sanken die Plattenverkäufe. ›Volunteers‹ floppte als Single, ebenso wie der Nachfolger ›Mexico‹, eine beißende Kritik an Richard Nixons „Operation Intercept“, die die US-mexikanische Grenze praktisch dicht machte, um den Schmuggel von Marihuana zu unterbinden. Innerhalb eines Jahres fielen Hendrix, Joplin und Morrison, alle mit 27, der Beziehung des Rock zu krassem Drogenmissbrauch zum Opfer. Selbst Grace war schockiert. „Mit Janis war ich kurz befreundet gewesen, als wir jünger waren. Bevor es bergab ging. Es ist eben Glück. Ich sah, wie Heroin auf Leute wirkte. Mein eigener Alkoholismus war ein langsamer Niedergang. Es ist unglaublich, dass ich noch am Leben bin. Ich bin froh, dass ich nie Heroin nahm. Es brachte sie alle um. Hendrix starb, weil Heroin dich zum Kotzen bringt. Es ist auch höchst illegal.“

Für Slick und Airplane wurden die 70er immer umnebelter. Schlagzeuger Spencer Dryden stieg 1970 aus, immer noch erschüttert von Altamont. Marty Balins Weggang zog sich länger hin, bevor er beschloss, dass er genug davon hatte, „diese durchgeknallte Kokainmusik zu spielen“. Kaukonen und Casady blieben, aber steckten ihre Energie in ihre aufkommende andere Band, Hot Tuna, womit sich Kantner und Slick praktisch alleine um Airplane kümmern mussten.

Slick hielt Kantner bei seinem neuen Unterfangen Jefferson Starship die Stange, aber bei der Erinnerung daran verzieht sie das Gesicht. „Das war eine Sellout-Band. Airplane waren ein buntes Sammelsurium, aber ich hasste Starship. Unser großer Hit ›We Built This City‹ war grauenhaft. Wovon sprichst du da? Welche Stadt? L.A. wurde auf Orangen, Filmen und Öl aufgebaut. San Francisco entstand aus dem Goldrausch. Die Römer bauten London. Es klang, als würden wir angeben, obwohl Bernie Taupin, ein Brite, den Text schrieb. Ich konnte ihn singen – und die anderen –, weil ich Begeisterung vortäuschen kann. Man muss schauspielern, um auf eine Bühne zu gehen. Ich fühlte mich, als würde ich mich über die erste Reihe übergeben, aber ich lächelte und tat es trotzdem. The show must go on.“

Während Kantner davon besessen war, das zu erschaffen, was Grace als „Lasst-uns-alle-in-den-Weltraum-fliegen-Science-Fiction-Scheiß“ bezeichnet, verfiel sie in Sarkasmus, befeuert von trunkener Großmäuligkeit. „Ich hatte keinen Filter. Wenn ich betrunken war und jemand ein Arschloch war, sagte ich das auch. Es gibt keine große Lücke zwischen dem, was ich denke, und dem, was ich sage. Das ist kein Syndrom, ich bin nur nicht sehr diskret. Und deshalb wurde ich zu einem inhaftierten, fluchenden, bösen Rock’n’Roller-Mädchen.“

1978 eskalierten ihr Benehmen, ihre Ausfälle und ihre völlige Unfähigkeit zur Selbstkontrolle bei einem Konzert in Deutschland. Sie kaufte ein Heidi-Kostüm für Kinder und berauschte sich dann so sehr, dass sie es für eine gute Idee hielt, sich wie ein Nazi anzuziehen, im Stechschritt zu gehen und den Hitlergruß zu machen, während sie fragte: „Wer hat den fucking Krieg gewonnen? Es war alles eure fucking Schuld“. Was in Kalifornien vielleicht ein toller Witz gewesen wäre, fand man in Deutschland nicht besonders lustig. Das Publikum randalierte, stürmte die Bühne, steckte das Equipment der Band in Brand und warf es dann in den Fluss. Was für ein Abend. Paul Kantner feuerte sie auf der Stelle, wodurch sie das Knebworth-Festival ein paar Tage später verpasste.

Schließlich stellte sich Slick ihren bekannten Dämonen und wurde der erste berühmte Rockstar, der zugab, zu den Anonymen Alkoholikern zu gehen. „Es war nicht leicht. Es ist seltsam, nüchtern zu sein. Das ‚People Magazine‘ entlarvte meine Anonymität, aber das war keine Überraschung. Mein Benehmen war ja offensichtlich genug. Alle wussten, dass ich eine schlimme Säuferin war. Außerdem sind Alkohol und Kokain eine hässliche Kombination. Ich liebte es. Ich lebte davon, denn die zwei Sachen gleichen einander aus. Dann nimmt man mehr. Ich konnte es mir leisten. Koks war so billig und wir waren Rock’n’Roller. Wen kümmert’s? Ich hörte erst auf, als man nicht mehr das ungestreckte Zeug von deutschen Pharma-Chemikern bekam. Ich war ein Snob.“

Ihr letzter Ehemann, der einstige Airplane-Lichtmann Skip Johnson, sagte ihr, dass sie zu sehr wie Jekyll und Hyde wurde. „Wenn ich nüchtern war, war ich vollkommen ruhig. Wenn nicht, war ich eine Nervensäge. Ich amüsierte mich prächtig und alle anderen sagten nur, ‚Oh Gott, sie soll die Klappe halten‘. Wenn ich irgendjemand in einer Uniform sah, war es für mich vorbei. Ich ging oft ins Gefängnis, weil ich meine Zunge im Suff nicht in Zaum halten konnte – verbaler Angriff.“

Auf dem Weg zur Abstinenz beschloss Slick, der Bühne den Rücken zu kehren. „Ich sehe nicht gerne, wie Leute in meinem Alter herumhüpfen und über ihre Gefühle singen, als sie 23 waren“, sagt sie. „Wenn du dich wohl dabei fühlst, bittesehr. Ich schäme mich leicht für andere. ‚Oh mein Gott, Schätzchen, komm von der Bühne und werde Produzent oder so‘.“

Kantner tut es immer noch. „Nun, wenn du dein ganzes Geld verbraten hast und spielen musst, habe ich kein Problem damit. Aber das habe ich nicht, also tue ich es nicht. Mein Vater, der Handelsbankier war, sagte mir immer: ‚Lege ein Drittel zurück, zahle mit einem Drittel deine Rechnungen und verjubele den Rest‘.“

Heutzutage steht Grace jeden Tag um vier Uhr morgens auf und fängt an zu malen. Sie malt das, was sie kennt: weiße Kaninchen, Porträts toter Rockstars, die Etiketten von Weinflaschen, Hanfpflanzen, Eis verschlingende Kinder als Metapher für die Fettsucht-Epidemie. „Sie verkauften sich mal ganz gut. Ich und Ronnie Wood haben denselben Agenten und verkaufen an die Klasse von Leuten, die weder Kunst noch Drogen wirklich brauchen, all die Dinge, die ich mag. Business-Typen. Aber ich lebe nicht von meiner Kunst. Wenn ich das müsste, würde ich wohl verhungern. Tantiemenschecks sind toll. Ich wusste immer, dass wenn Airplane mal berühmt sein sollten, es weitergehen würde, bis ich tot umfalle. Aber egal“, lacht sie, „ich habe es verdient. Ich habe ein paar gute Stücke geschrieben. Und in meinem ganzen Leben war noch nie ein Scheck von mir nicht gedeckt.“

 

Text: Max Bell

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