Bob Dylan: Verrat in Newport

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Bob Dylan: Verrat in Newport

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bob dylan newportMit Mitgliedern der Paul Butterfield Blues Band hatte Dylan daraufhin einen 3-Song-Set geprobt. Seine Rock-Performance war also keine Überraschung, hinter den Kulissen hatte man Bescheid gewusst. Elektrische Verstärkung war zu diesem Zeitpunkt in Newport ohnehin kein Fremdwort mehr. Schließlich war die Butterfield Blues Band zu Gast, um einen Blues-Workshop mit elektrischen Instrumenten zu bestreiten. Und im Jahr zuvor hatte Muddy Waters seine Gitarre ebenfalls unter Strom gesetzt. Zur Freude des Publikums übrigens.

Was also war es, das Hunderte von Zuschauern bei Dylans Auftritt buhen und Pete Seeger zornig wie ein Rumpelstilzchen durch den Backstagebereich springen ließ? Auf Nachfrage wiegelte Seeger selbst später ab: „Du konntest den Songtext nicht verstehen. Das machte mich rasend. Ich ging zum Mischpult und sagte: Die Verzerrung muss weg! Sie antworteten: Nein, so wollen sie es haben! Ich sagte: Furchtbar! Hätte ich eine Axt, ich würde das Kabel durchhauen!“ Andere berichteten, dass Seeger in Rage geraten sei, weil sein Vater Charlie vor Ort war und sich darüber beschwerte, dass er bei dem Lärm trotz seines Hörgeräts die Texte nicht verstehen könne. Fakt aber ist: Niemand hat Pete Seeger in Newport mit einem Beil gesehen. Wohl aber ging Dylans Stimme laut Ohrenzeugen im Lärm der E-Gitarren unter. Wenig erstaunlich, bedenkt man, dass die P.A.-Technik damals noch in den Kinderschuhen steckte.

Hinter der Bühne jedenfalls zeterte die alte Garde: „Das ist Popmusik und kein Folk!“ Pop galt in Folkkreisen als Kinderkram, als kommerzieller Ausverkauf und in Dylans Fall schlicht als Verrat an den Idealen und der Ernsthaftigkeit der Bewegung. Ein anderer Folkveteran, es war der Sänger und Schauspieler Theodore Bikel, setzte sich dagegen für Dylan ein und argumentierte, dies sei der Sound, den junge Leute hören wollen, man müsse mit der Zeit gehen. Kurzum: Hinter der Bühne entzündete sich eine Kontroverse, die auch ohne Dylans Zutun in der Luft gelegen hatte. Die Folkmusik musste sich dem neuen Pop-Phänomen stellen, schließlich hatten die kalifornischen Byrds gerade erst Dylans Klampfenballade ›Mr. Tambourine Man‹ zum Popsong umgemodelt und auf diese Weise den Sommerhit des Jahres 1965 gelandet.

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