AC/DC: Bad Boy Boogies

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AC/DC: Bad Boy Boogies

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„Sie waren nie zurückhaltend, aber auf POWERAGE wollten sie und vor allem Malcolm zeigen, dass sie auch gute Musiker waren“, so ihr damaliger Manager Michael Browning. Die Aufnahmen dauerten folglich länger als bei den früheren Platten und dehnten sich auf
mehrwöchige Sessions aus. Cliff Williams erlebte zum ersten Mal die volle Intensität und den vollen Einsatz von AC/DC im Studio und war überzeugt, dass POWERAGE etwas Besonderes werden würde. Wenn sie dort ankamen, „krempelten wir die Ärmel hoch, legten los und arbeiteten bis in die Nacht. Das war eine unglaubliche Erfahrung.“

Das Album sollte ihre beste Seite zum Vorschein bringen und sie neben den amerikani-schen Superstars etablieren, mit denen sie sich mittlerweile die Bühnen teilten. Zur Hälfte gab es hier wieder die knackigen AC/DC-Klassiker wie ›Down Payment Blues‹, aber daneben auch ausgefeiltere Tracks wie ›What’s Next To The Moon‹. Auf Ersterem wird die veränderte Stimmung durch die neue Perspektive in Bons Text zum Ausdruck gebracht. Er schrieb immer noch über den langen Weg zum Gipfel, doch entwarf keine Mythologie mehr um sich selbst und sprach stattdessen davon, sich „wie ein Papierbecher, der in den Gully gespült wird“ zu fühlen. Das Letztere mit seiner kreisförmigen Gitarrenfigur, die an die
Stelle der wummernden Akkordblöcke von einst trat, war der bisher transzendentalste Moment eines AC/DC-Albums überhaupt, dessen Text über Liebe und Schmerz hinausblickte und sich statt- dessen auf das konzentrierte, was gerade außer Reichweite lag.

Ob beabsichtigt oder nicht: Alle neun Tracks zeigten dieses Auf und Ab wie bei einem Jo-Jo.
Nach einem perfekten Rockmonster wie ›Riff Raff‹ mit einem wahnwitzig wirbelnden Riff und einer einzigen Strophe darüber, „down in Mexico“ zu sein, ging es im nächsten Moment weiter mit einem weiteren verführerischen Midtempo-Stampfer, der auf einem fast schon poppigen Gitarrenlauf basierte: ›Gone Shootin‹. In diesem Fall ist das Thema jedoch ziemlich undurchsichtig. Es geht um ein Mädchen, das „ziemlich high“ sei und nie „bye-bye“sage. Ein direkter Bezug auf Bons Mal-ja-mal-nein- Beziehung zu Silver, der zugekifften Reisenden, die permanent „gone, gone, gone“ sei. Auf den verbleibenden Stücken sind die Grenzen zwischen den Oldschool-Draufgängern und den neuen, maßvolleren „Hey, seht mal, was wir draufhaben“-AC/DC angenehm verwischt.

›Sin City‹ beginnt wie gewohnt mit einem massiven Intro und einem Riff, das keine Gefangenen macht, doch die Geschichte dahinter ist tiefgründiger. Oberflächlich geht es um einen Spieler, der in Las Vegas abräumen will, doch es ist auch eine Metapher dafür, dass AC/DC nun die US-Charts konsequent angreifen wollten. ›Gimme A Bullet‹ dagegen klingt mit den tief hängenden Gitarren und dem schleppenden Schlagzeug mehr nach der
Lynyrd-Skynyrd-Nummer, von der es sich fast den Titel klaut, als irgendetwas, das die Band je in eine Rille gepresst hatte. Es scheint dabei wiederum um Silver zu gehen – ein Mädchen sagt zu ihrem Freund: „Now go your way and I’ll go mine“, und Bon schreit nach einer Kugel, auf die er beißen kann, um den Schmerz zu lindern. Die letzten beiden Stücke ›Up To My Neck In You‹ und ›Kicked In The Teeth‹ unterstreichen ebenfalls diese neue Dynamik. Zwar stammen beide aus den Sessions von einem halben Jahr zuvor, doch nur das letztere Lied klingt, als komme es aus einer anderen Ära. Bon schreit hier über da Intro von einer doppelzüngigen Frau, die doppelzüngige Lügen erzähle.

›Up To My Neck In You‹ klingt dagegen moderner. Bon steckt zwar wieder bis zum Hals in Whisky, Weibern und guten Zeiten, die eigentlich schlechte sind, doch die Gitarren und das Schlagzeug bewegen sich mit einer Grazie, die mehr mit den Rolling Stones zu tun hat als den Riffwänden, auf die sich AC/DC bis dato verlassen hatten. Es gab noch einen weiteren Track, ›Cold Hearted Man‹, doch der fand sich nur auf den aller- ersten Vinyl-Editionen – heute ist er auf keiner CD- oder Download-Version des Albums zu finden, und ehrlich gesagt ist das auch kein allzu großer Verlust. Das Stück, durch das es ersetzt wurde (das bewusst poppige ›Rock’n’Roll Damnation‹, auf Wunsch von Atlantic aufgenommen, um mal wieder die US-Radios anzulocken), sorgte aber für die wahre Kontroverse, zumindest innerhalb der Band, die es aufrichtig hasste.

Für das Publikum war es einfach nur ein weiteres eingängiges Rock’n’Roll-Lied. Als POWERAGE in Amerika floppte, waren Atlantic schon drauf und dran, das Handtuch zu werfen. Dann hatte jemand einen Geistesblitz: Wie wäre es, wenn man es Kiss gleichtäte? Also ein als Live-Album getarntes Best Of veröffentlichen, so wie es die New Yorker, die ebenfalls keine Aufmerksamkeit im Radio erhielten, mit ALIVE und ALIVE II gemacht hatten? Und so kam es, dass die Aussie im April 1978 ihre Headliner-Show in Glasgow auf- zeichneten – die Geburtsstunde ihres ersten Konzertmitschnitts: IF YOU WANT BLOOD YOU’VE GOT IT. Zusammen mit weiteren Auftritten aus jenem Sommer in den USA und ein paar von 1976 in Australien entstand daraus nicht nur der Beleg, dass AC/DC zu einem der besten Live-Acts auf dem Planeten aufgestiegen waren, sondern auch ihre de facto erste Greatest-Hits-Sammlung.

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