1966: Das Jahr, in dem der Rock explodierte

Eric Clapton mit Uhr

New York mag sich damals als Hauptstadt der Künste positioniert haben, doch 1966 stand ihm London in nichts nach. Neben den Beatles und Stones war es auch die Heimat des bis heute großartigsten Gitarrentrios aller Zeiten: Beck, Page und Clapton. Doch auch wenn Letzterer mit Mayall und Cream in gottgleiche Sphären aufstieg, sollten er und jeder andere Saitenheld bald von einem verrückt aussehenden schwarzen Amerikaner umgeblasen werden: ein gewisser Jimi Hendrix, der im Scotch of St. James sein Debüt gab. Apropos verrückt aussehend: Rockstars definierten ihren Look mit der neuesten Mode, und dafür gab es keine bessere Anlaufstelle als die berühmte Carnaby Street. Es war eine lebhafte Szene, in der man Steve Marriott und Ronnie Lane von den Small Faces dabei beobachten konnte, wie sie ihre schmalen Silhouetten in neuen Anzügen bei John Stephens „His Clothes“ im Spiegel begutachteten, oder eine rehäugige, androgyne Twiggy im neuesten Minikleid von Mary Quant modelte.

Aber auch andere Städte waren Teil dieser Revolution. Motown in Detroit wurde ruhelos und abenteuerlustig mit Ghetto-Poesie und Oden an die Harmonie zwischen den Rassen. Auf der anderen Seite der Stadt brachte Mitch Ryder mit ›Devil In The Blue Dress‹ die Saat des Punk aus. Zwei Städte weiter in Saginaw taten es ihm Question Mark & The Mysterians gleich, als sie eigenhändig Kopien des wohl laszivsten One Hit Wonders aller Zeiten auslieferten: ›96 Tears‹. Im Süden wiederum legten Memphis und Muscle Shoals mit Otis Redding und Booker T & The M.G.’s den kernigen Grundstein für Jahrzehnte der Brillanz. Im Westen war Los Angeles, schon immer eine Stadt von Licht und Dunkel, tagsüber frisch und lieblich mit ›California Dreaming‹ und nachts dreckig und verrucht mit ›Hungry Freaks, Daddy‹. Ein Stück die Westküste hoch in San Francisco (das wegen seiner wachsenden Szene kurzzeitig als „Liverpool des Westens“ be­­zeichnet wurde) gab der Experimentalautor Ken Kesey im Fillmore die erste seiner be­­rüchtigten LSD-Partys, auch be­­kannt als „acid tests“ – mit einem abgespaceten Soundtrack der psychedelischen Rockband Jefferson Airplane. In jener Hippie-Kirche na­­mens The Avalon wiederum wurden in der ersten trippigen Lightshow flüssig mäandernde Blobs über die entspannten Country-Rock-Epen von The Grateful Dead projiziert.

Ach ja, diese Frisco-Droge. Sie öffnete viele Nervenbahnen und inspirierte ’66 jede Menge tolle Songs – von The 13th Floor Elevators, Love, Blues Magoos, Donovan oder The Byrds. Welch bessere Werbung für sie hätte es geben können als ›Rain‹ und ›Tomorrow Never Knows‹? Die Hälfte des Beatles-Outputs jenes Jahres kann man auf LSD zurückführen. „Another road where maybe I could see another kind of mind there“? Klar doch. Das „Life Magazine“ schätzte, dass allein 1966/67 über eine Million Dosen LSD konsumiert wurden. Und die meiste Zeit davon war es noch legal gewesen, weswegen das Credo des Harvard-Doktors Timothy Leary „Turn on, tune in, drop out“ wie ein attraktives und vernünftiges Lebensmotto erschien, vor allem für diejenigen auf der grüneren Seite des Grabens zwischen den Generationen. Die Grundidee dahinter gab es schon seit den Zeiten Shakespeares, die Phrase selbst seit den 1920ern, doch als die jungen Leute die Doppelzüngigkeit, Falschheit, Heuchelei und den Mundgeruch der Älteren entdeckten, verzogen sie sich auf ihre eigene Insel und hinterließen eine immer tiefer werdende Kluft. „Wir wollen alles kaputthauen: Das ist ein Teil von dem, was uns und unserem Publikum passiert“, sagte Keith Moon. „Traue keinem über 30“, ergänzte Jack Weinberg, Held der Redefreiheit.

Alle Rockhelden waren natürlich weit unterhalb dieser Altersgrenze: Jagger, Davies, Townshend, Lennon, Lane, Clapton, Joplin, Slick, Morrison, die Sprachrohre ihrer Generation. Sie waren intelligent, aufrichtig, gewitzt, zynisch, hoffnungsvoll und ehrlich in genau dem richtigen Maße. „Unsere Generation hat viel Idealismus, aber sie ist mehr pragmatisch als romantisch“, sagte Paul Simon. „Dies ist das Zeitalter des Antihelden.“ Und diese Antihelden inspirierten ihre Fans dazu, über Autos, Mädchen und Tanzen hinauszublicken und anzufangen, über tiefschürfendere Themen nachzudenken – Philosophie, Politik, Religion, sozialen Wandel. Solche Intelligenz und Ehrlichkeit konnten natürlich auch auf Gegenwehr stoßen, wie in der Überreaktion der Südstaaten auf Lennons Kommentar, die Beatles seien „momentan beliebter als Jesus Christus“ – ein Ereignis, das im Handumdrehen den ernsthaften Rockjournalismus erfand und dem alten Popstar-Gehabe seinen Glanz nahm.

Paul Kantner von Jefferson Airplane brachte die Dynamik von Fans und Künstlern 1966 perfekt auf den Punkt, als er sagte: „Es gibt heute wesentlich mehr Kommunikation zwischen der Musik selbst, den Menschen, die sie machen, und den Menschen, die sie anhören, als in Elvis Presleys Zeiten“.

1956 bis 1966. Was für einen Unterschied dieses Jahrzehnt doch ausmachte (in dem der arme Elvis in Hollywood-Schmonzetten wie „Sag niemals ja“ gefangen war). Und nicht nur in der Musik. Dieser progressive Geist durchwehte nun alles. Truman Capotes fesselndes Werk „Kaltblütig“ erfand das neue Genre des Sachbuch-Romans. „Raumschiff En­­terprise“ setzte sich im Fernsehen mit einer vielfarbigen Crew und Episoden über Vorurteile und Toleranz mutig für eine Aussöhnung der Rassen ein. Der Twist und die Hula-Hoops wurden zu internationalen Phänomenen, die sexuelle Freiheit in die Häuser und Gärten schmuggelten. Sowohl am Broadway als auch in den Theatern des Londoner West End wurden Themen wie Prostitution und Kommunismus behandelt. Masters und Johnson erforschten „Die sexuelle Reaktion“. Das erste künstliche Herz wurde einem Menschen implantiert. Die ersten internationalen Direktanrufe ohne Vermittlung wurden getätigt. Und die USA und die Sowjetunion schossen Satelliten, Hunde und Affen in den Weltraum.

Technologische und wirtschaftliche Veränderungen trugen direkt zum musikalischen Fortschritt von 1966 bei. Mehrspurige Aufnahmegeräte gab es schon seit über einem Jahrzehnt, doch nun wurden sie zuverlässig und einfacher zu bedienen und gaben Bands vier, dann acht, dann 16 Spuren, um ihre Meisterwerke zu erschaffen. Größere, lautere Verstärker und Anlagen erhöhten die Lautstärke und den Spaß bei Konzerten. Halbleitertechnik brachte tragbare Transistor-Radios in den Mainstream (die Smartphones ihrer Ära) und der solide Wohlstand des Mittelstands gab Teenagern die finanziellen Mittel, um Alben und Stereoanlagen zu kaufen. Und für die Klassiker, die damals die Regale überfluteten – FRESH CREAM, SOUNDS OF SILENCE, THE SEEDS oder I FOUGHT THE LAW –, waren 4 Dollar nun mal fast geschenkt. Der Aufstieg regionaler Independent-Labels sorgte nicht nur dafür, das die letzteren beiden überhaupt neben den Major-Veröffentlichungen Platz fanden, sondern wies den Weg in die Zukunft.

Natürlich gäbe es keinen 1966er – geschweige denn 2016er – Rock ohne den Blues. Wir erwähnten schon die Stones, doch dies war das Jahr, in dem viele Bands aufhörten, einfach nur Howlin’ Wolf und Skip James zu imitieren (die beide ein neues Publikum in Großbritannien fanden), und stattdessen neue Wege fanden, sich über den Blues hinaus zu entwickeln. Auf ›Don’t Blow Your Mind‹ von den Spiders schmiss ein Teenager namens Alice Cooper die 12-Takt-Form in ein tiefes Loch und plärrte dann von dessen Grund mitten in einem Fuzz-Bass-Sturm. Auf ›Wild Thing‹ prügelten die Troggs ihren Höhlenmenschen-Style in den wohl eingängigsten I-IV-V-Feger aller Zeiten.

Dann war da noch ›Shapes Of Things‹, neben ›Tomorrow Never Knows‹ vielleicht der progressivste Song des Jahres. Ein Text für die Um­­welt und gegen den Krieg, ein Bassriff, das von einem Dave-Brubeck-Jazzstück entlehnt war, ein martialischer Beat und abrupte Tempowechsel, gekrönt von Jeff Becks improvisiertem Feedback-Solo.
Müsste man 1966 in einem Wort zusammenfassen, wäre es „frei“. Oder wie Jimi Hendrix sagte: „Wir wollen nicht in eine einzige Schublade gesteckt werden. Wenn man es irgendwie kategorisieren müsste, würde ich es gerne ‚Free Feeling‘ nennen. Es ist ein Mix aus Rock, Freakout, Blues und Rave“. Frank Zappa erklärte es so: „Wir spielen die neue freie Musik – absolut frei von der Unterdrückung amerikanischer Kultur. Wir versuchen, systematisch die kreativen Hindernisse aus dem Weg zu räumen, die unser hilfreiches Schulsystem installiert hat, damit auch ja nichts Interessantes ein Massenpublikum erreicht“. Und John Sebastian fügte hinzu: „Während die verschiedenen Genres der Populärmusik zerbrechen und verschmelzen, entsteht das, was unbeteiligte Beobachter als ‚neue Klänge‘ bezeichnen. Genauer gesagt sind es alte neue Klänge, neue alte Klänge, ein freier Austausch“.

Dieser unaufhaltsame Strom freier, neuer alter Genialität setzte sich bis in den Dezember fort, als Buffalo Springfield oder auch The Hollies mit FOR CERTAIN BECAUSE auf den Plan traten. 1967 übernahm das Staffelholz, doch verlief sich bald in einer Sackgasse von zu viel Exzess – verdrogte Selbstverliebtheit, 20-minütige Jams, Perlen und Patschuli. Igitt. Doch als der Rock die 60er verließ, heranreifte und in den Rückspiegel blickte, wurde klar, dass von all den Jahren 1966 das wichtigste war. Ein Beispiel für das, was möglich war, etwas, nach dem man streben konnte.

Natürlich gab es seitdem noch viele große Jahre: 1973, 1977, 1979, 1991, um nur einige zu nennen. Doch machen wir uns nichts vor: Wir versuchen bis heute, an 1966 heranzukommen, dessen Genialität und dessen Versprechungen. Würde eine Band heute eine so einfallsreiche Platte wie SUNSHINE SUPERMAN machen, würde man sie als Zehn-Sterne-Meisterwerk lobpreisen. 1966 war es einfach nur ein weiteres tolles Album, wie beispielsweise auch das Debüt der Small Faces.

Cream: FRESH CREAM

Reaction, Dezember 1966
›All Or Nothing‹ (Single)

Auf ihrem Debütalbum und ihrer zweiten Single bediente sich der bahnbrechende Sound von Cream gleichermaßen bei Jazz und Blues. Eric Claptons heroische Gitarrenarbeit war natürlich eine wichtige Zutat, doch Schlagzeuger Ginger Baker und Bassist/Frontmann Jack Bruce, beide zuvor bei der Jazz/R&B­­- Gruppe The Graham Bond Organization, waren für diese wunderbar schrägen Töne auf FRESH CREAM verantwortlich. Zu dritt verbogen sie ›Spoonful‹ von Willie Dixon und ›I‘m So Glad‹ von Skip James in seltsame neue Formen. Auf ihren Eigenkompositionen wie dem Hit ›I Feel Free‹ jedoch konnten Cream ihre schwindelerregende Kreativität erst richtig unter Beweis stellen. Der klassisch ausgebildete Bruce sang wie ein Chorknabe, Bakers Drumming schien mehr von Nigeria als seiner Heimat Nord-London geprägt zu sein, und Clapton brachte umwerfende Gitarren-Licks aus dem Delta von Surrey ins Spiel. Auf dem Papier hätte das nicht funktionieren dürfen, doch in der Praxis war diese gewagte Kollision von Blues, Jazz und früher Psychedelic ein Geniestreich.

(Text: Mark Blake)

2 KOMMENTARE

  1. Yeah, ich war dabei und hab sie fast alle gesehen, gehört und erlebt. Obwohl wir in der süddeutschen Provinz aufwuchsen und alle arm wie die Kirchenmäuse waren, haben wir die besten Zeiten aller Zeiten erfahren dürfen. Danke an das Leben.

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