ZZ Top – Zukunft wird mit Z geschrieben

06_Photo_La_Futura_300Nach beinahe 42 Jahren ziehen ZZ Top ihr neues Studioalbum aus den Rauschebärten hervor. Ausgerechnet
LA FUTURA heißt das aktuelle Werk, das die „Little Ol’ Band From Texas“ mit Rick Rubin als Produzenten aufgenommen haben. Haben sich Billy F. Gibbons, Dusty Hill und Frank Beard doch auf ihrem „Zukunftswerk“ auf ihre Anfangszeiten besinnt. Gitarrist Billy Gibbons hat sich für ein ausgesprochen herzliches Interview mit CLASSIC ROCK in das so gar nicht texanische Oslo begeben und dort bewiesen, dass er einer der „Nicest Gents In Rock“ ist.

Die Tür zum Hotelzimmer im Osloer Grand Hotel öffnet sich und der Auftritt ist perfekt. Billys Outfit lässt keine enttäuschten Erwartungen zu: Schwarze Sonnenbrille, Mariachi-Anzug mit rotem Halstuch, eine Mütze, die irgendwie an einen moosfarbenen Duschvorleger erinnert, und natürlich der Bart, der Bart! Dazu wird jeder einzelne im Raum mit einem Revolverschuss aus dem Zeigefinger begrüßt.

Billy, kann man sagen, dass ihr mit LA FUTURA zu eurem Ausgangspunkt zurückgekehrt seid?
„Ich glaube, das kann man so sagen. Allerdings haben wir nicht großartig viel darüber nachgedacht. Wir haben das nicht erzwungen. Wir drei standen im Studio und so entstand einfach unser natürlicher ZZ Top-Sound.“

Die Reißverschlüsse an seinen Jackenärmeln und die von Gibbons selbst geschmiedeten Totenkopfringe an seinen Fingern klimpern, während er auf dem Tisch herumklopft.

Warum habt ihr das Album LA FUTURA genannt? Das klingt sehr optimistisch für eine Band, die schon so lange im Geschäft ist.
„Diese zehn Songs sind Indikatoren für das, was ZZ Top in der Zukunft ausmachen dürfte. Außerdem haben wir diese Tradition, mexikanische Titel auszuwählen. Ich fand es romantischer als es THE FUTURE zu nennen.“

Du kannst also in die Zukunft sehen?
„Ich sehe es als eine Gabe, die Energie zum erträumen zu haben, was da hinter dem Horizont wartet. Ich weiß auch nichts über die Zukunft, aber habe da so ein Gefühl. Wenn du anfängst ein Album zu machen, musst du dir vorstellen können, was wohl in einem Jahr sein wird. Da braucht man schon eine Vision. Ich glaube, jeder Mensch verfügt über diese Vision, die meisten aber ignorieren sie, weil sie glauben, sich nach irgendwelchen Vorgaben richten zu müssen.“

Das 1983er Album ELIMINATOR, das mit Hits wie ›Gimme All Your Lovin‘‹, ›Got Me Under Pressure‹ oder auch ›Sharp Dressed Man‹ ZZ Tops großer Erfolg war, wurde für die drei Texaner zu einer schweren Last, mussten sich bis LA FUTURA doch alle späteren Langspieler mit dem sehr popigen Achtziger-Werk vergleichen lassen.

Seid ihr nun endlich über ELIMINATOR hinweg?
„Oh ja! Viele Fans der ersten Stunde fanden, dass all die elektronischen Elemente auf ELIMINATOR nicht die wahren ZZ Top zeigten. Sie wollten drei Typen, die im selben Raum miteinander spielen. Allerdings muss man sagen, dass ELIMINATOR sehr gut in die damalige Zeit passte. Sie traf einfach den Zeitgeist der frühen 80s. Aber jetzt – ohne zu abgedroschen zu klingen – haben wir damit abgeschlossen und konnten wieder zu unseren Wurzeln zurückkehren. Und ich glaube auch, dass ein Fokus, der sich ganz schnörkellos auf die drei Instrumente und den Gesang konzentriert, der heutigen Zeit mehr entspricht.“

Wie war es, Rick Rubin als euren Produzenten zu haben? Es heißt, er sei ein sehr strenger und anstrengender Aufnahmeleiter.
„Rick Rubin hat eine interessante Ansage gemacht. Er meinte: ‚Meine Aufgabe ist es nicht, euch zu verändern. Ich muss euch nur zum Arbeiten bringen. Ich weiß, dass ihr ein Lied in zwei Tagen schreibt. Ich werde euch dazu bringen, fünf Tage lang daran zu feilen, denn da ist immer noch Luft nach oben und ich will alles, was ihr habt.‘ Und darin ist er wirklich gut. Rick hat dieses interessante Maß an Geduld. Viele Künstler sind in Eile und haben diesen Druck, endlich ihr Statement unter die Leute zu bringen. Rick sagt dann: ‚Okay, mir gefällt diese Aussage. Mach es nochmal!‘ Und dann musst du ein und die selbe Stelle bis zu zehn Mal spielen.“

Hast du schon vor LA FUTURA mit Rick gearbeitet?
„Ich kenne ihn schon sehr lange, aber zusammengearbeitet haben wir nur einmal. Das wurde allerdings nie veröffentlicht. In Kalifornien wohne ich nicht weit die Straße runter zu seinem Haus. Vor einigen Jahren rief mich Rick an und er fragte ob ich vorbei kommen wolle, weil er mir eine 55er Fender zeigen wollte. Das ließ ich mir nicht entgehen. Ich bin also an seiner Haustür und da steht Rick und diese perfekte Fender Squier. Hinter ihm sehe ich eine Person und ich meine leise: ‚Rick, der sieht aus wie Johnny Cash!‘ Darauf antwortet er: ‚Billy, das ist Johnny Cash und jetzt geh da rein und spiele mit ihm!‘ Seine Frau June Carter war auch dabei und wir spielten zwei Stunden lang. Was ich nicht wusste, war, dass Rick unter dem Tisch, an dem wir saßen, zwei Mikrofone versteckt hatte. Er hat alles aufgenommen!“

Billy stampft mit seinem Stiefel auf den Boden und beginnt ›Get The Rhythm‹ zu singen; nur ganz kurz, aber es groovt unglaublich. Wann kommt man schon in den Genuss einer kleinen privaten Gesangsdarbietung von Billy Gibbons?
„Durch diese Verbindung zu Rick konnten wir so entspannt mit ihm arbeiten. Viele meinten nur, dass sie nicht wüssten, ob wir wirklich mit ihm arbeiten sollten. Aber für uns war es eine einfache Entscheidung.“

Wie kamt ihr auf die Idee, ein Hip Hop-Lied auf LA FUTURA zu covern?
„Eine Tages spielte unser Tontechniker Gary Moon irgendwelche Youtube-Videos von Lightnin‘ Hopkins im Nebenraum. Also redeten wir über diesen alten Blues-Sänger. Wir philosophierten weiter über Musik, bis wir bei Hip Hop angelangt waren. Mr. Moon hatte auch schon in einem Houstoner Hip Hop-Studio gearbeitet und ich erinnerte mich an diesen Song von Lil‘ Keke und Fat Pat namens ›25 Lighters‹. Ich weiß nicht warum, aber dieses Lied hatte mich schon ewig verfolgt. Ich fragte mich, wie es wäre Lightnin‘ Hopkins und ›25 Lighters‹ zu vermischen. Wir versuchten es und daraus entstand dann ›I Gotsta Get Paid‹.“

In der Musikwelt geht eine Geschichte um, die behauptet, du hättest eine der witzigsten Visitenkarten im Business. Stimmt es, dass darauf neben deinen Kontaktdaten nur „Friend Of Eric Clapton“ steht?

Billy freut sich wie ein Drittklässler, auf dessen Furzkissen sich gerade der Mathematiklehrer gesetzt hat.

„Ich wollte mir eigentlich ganz normale Karten machen lassen, also ging ich in diesen Copy-Shop. Dieser junge Bursche, der dort arbeitete, erlaubte sich diesen Scherz. Er hatte neben den bestellten Karten eine mit der Friend Of Eric Clapton-Aufschrift gemacht. Er zeigte mir nur diese eine und tat so, als hätte er alle so bedruckt. Er befürchtete plötzlich, dass ich diesen Witz nicht lustig finden würde, aber ich war sofort begeistert. Ich wollte nur noch diese eine haben.“

Billy, der einer der größten Visitenkarten-, e-Mail-Adressen und Facebook-Freunde-Sammler zu sein scheint, zieht ein Etui heraus, in dem er seine Schätze hütet. Und da ist sie, der heilige Gral aller Netzwerker!

Was sagt eigentlich Eric Clapton dazu?
„Oh, das ist eine richtig interessante Geschichte! Eines Nachts, ganz am Anfang einer Europa-Tour, war ich in London. Ich sitze also in meinem Hotel, da ruft mich tatsächlich Eric Clapton an. Er lud mich zu seiner Show in der Royal Albert Hall ein und schickte mir ein Auto, das mich abholen sollte. Nach diesem fantastischen Konzert wollte ich gerade den Saal verlassen, als dieser Typ kommt und meint: ‚Nein, nein, Sie können noch nicht gehen! Eric möchte Sie sprechen!‘ Er führte mich Backstage, wo jede Menge Menschen waren und es feines Essen und Champagner gab; das ganze Programm eben. Aber da war kein Eric. Ich wurde zu einer schmalen Tür geleitet. Dahinter saß Eric Clapton in einem kleinen Raum, in dem nichts war außer einem Stuhl. Darauf sitzt Eric Clapton. Dann fängt er an: ‚Billy, ich brauche zwei Dinge von dir: Ich hätte gerne eine der Kopien deiner Gibson Les Paul. Könntest du mich auf die Liste setzen? Ach ja, und könnte ich bitte deine Visitenkarte haben?‘ In diesem Moment dachte ich nur: ‚Oh nein!‘ Er musste also von dieser Karte erfahren haben. Zum Glück fand er es witzig und wollte mir nur einen Schrecken einjagen.“

Beschämt hält er sich die Hände vors Gesicht, während er schallend und peinlich berührt über die unangenehme Situation lacht.

Seitdem euer Management seine Marschroute geändert hat, bist du überall zu hören, zu sehen und spielst mit beinahe allen namhaften Musikerkollegen. Arbeitest du zur Zeit wirklich mit Keith Richards?
„Mir persönlich und auch meiner Band haben diese Kollaborationen viel gebracht. Ich habe mit so vielen Künstlern gearbeitet. Da war Jack White, Nickelback, ich schrieb ein Lied mit Ronnie Wood, Queens Of The Stone Age, Kid Rock und so vielen anderen. Meine Partner Frank und Dusty unterstützten diese Ausflüge, denn ich kam immer mit neuen Einflüssen zurück. Das machte ZZ Top stärker und half mir, am Puls der Zeit zu bleiben. Und das mit Keith, naja, das ist wohl eher noch ein Gerücht, aber ich würde das sehr gerne machen. Sein Gitarrentech erzählte mir, dass Keith ein Solo-Album planen würde. Ich schwärmte ihm vor, dass Keith für mich der größte aller Blues-Kerle ist und bat ihn, Keith auszurichten, dass er mich anrufen solle, wenn er mit dem Album anfängt. Später bekam ich eine sehr nette Nachricht von Keith, in der er mich folgendes wissen ließ: ‚Mir gefällt der Gedanke, lass uns das im Auge behalten!‘“

Aber nicht nur für Kumpels seines Alters ist der wohl jüngste 62-Jährige des Rock offen. So kursierten Gerüchte im Netz, Gibbons arbeite an einem Projekt zusammen mit House-DJ und Produzent David Guetta.

Stimmt das wirklich? So eine Zusammenarbeit kann man sich ja gar nicht richtig vorstellen!
Solche Falschmeldungen weiß Billy Gibbons zu dementieren. Allerdings ist es nur zu einem kleinen Teil die Unwahrheit. Billy F. Gibbons von ZZ Top hat nämlich tatsächlich eine komplette Dance-Platte aufgenommen, jedoch ohne die Hilfe von David Guetta. Den hat der Herr dazu nämlich gar nicht gebraucht, genauso wenig wie übermäßig viel Zeit.

„Wir haben das in unserem Studio in Houston aufgenommen, während die Sessions für LA FUTURA liefen. Immer wenn Dusty und Frank nicht da waren, ging es rund. Das hat vielleicht drei Wochen gedauert. Es ist wirklich verrückt. Was wir da gemacht haben, klingt wie BB Kings Gitarrenstyle auf Prince-Dance-Tracks mit autogetuneten Howlin‘ Wolf-Vocals. Das ist absolut abgefahren! Das musst du dir anhören!“

Und ja, was da aus den kleinen Notebook-Boxen kracht ist mehr als interessant. Billy spielt stolz eine Auswahl seiner Disco-Nummern vor. Sein Tourmanager, von den Klängen angelockt, kommt ins Zimmer herein und nickt zum Takt. Ob dieses Material je veröffentlicht wird? Billy weiß selbst nicht, was damit geschehen soll, aber irgendwie klingt es nach Erfolg.

Billy, mal eine ganz andere Frage: Was ist eigentlich so Rock‘n‘Roll an Barbecue? Natürlich bist du der König des Barbecue, aber unter vielen Rockstars scheint es zur Mode geworden zu sein, eine eigene Soße auf den Markt zu bringen. Warum?
Als das Thema angesprochen wird, wandelt sich Billys Gesichtsausdruck wie auf Knopfdruck in Richtung Honigkuchenpferd. Der Nebenjob-Soßen-Erfinder rutscht nervös und voller Inbrunst auf seinem Ohrensessel hin und her.

„Ich glaube, es ist eine große Südstaaten-Tradition und es ist auf eine gewisse Weise rebellisch – Kochen unter freiem Himmel. Weißt du, wenn du in Texas, Mississippi, Louisiana, Alabama, Georgia oder South Carolina bist, gehst du nicht auf eine Party sondern zu einem Barbecue und Parties sind eben Rock‘n‘Roll. Das Barbecue-Thema ist eine Wissenschaft für sich. Auf dem History Channel habe ich neulich eine zweistündige Doku über die Geschichte des Barbecue gesehen. Das war echt interessant. Ich liebe es einfach und deshalb habe ich eine spezielle Tasche in meiner Jacke, in der ich immer etwas hiervon dabei habe.“

Jetzt zieht er eine winzige Tabasco-Flasche heraus.

„Ich brauche immer meine scharfe Soße! Weißt du, hier in Norwegen ist mir das Essen einfach nicht scharf genug.“

Neben deiner Barbecue-Soße hast du auch noch einen Tequila und ein Taschenmesser, die deinen Namen tragen. Außerdem machst du mit ZZ Top Werbung für einen amerikanischen Alkopop-Hersteller. Wie wählst du die Produkte aus, auf die du deinen Stempel setzt?
„Ich muss hinter den Sachen stehen. Das beste Beispiel dafür ist der Tequila. Ein Freund kam zu mir und meinte: ‚Billy, wir müssen zusammen einen Tequila herausbringen!‘ Ich dachte, er will sich über mich lustig machen, denn ich habe vor langer Zeit dem Tequila den Rücken gekehrt. Ich traf mit ihm eine Vereinbarung: ‚Wenn du es schaffst, etwas in eine Flasche zu füllen, das mir schmeckt, dann wird es funktionieren, denn ich habe keinen Tequila angefasst, seitdem ich 20 war.‘ Nach drei Jahren meldete sich mein Freund: ‚Ich habe deine Herausforderung bewältigt!‘ Ich wusste erst gar nicht, was er meinte. Ich traf ihn also und er schenkte mir etwas ein. Ich trank es und es war fantastisch. Dann fragte ich ihn, wo denn der Tequila sei. Er meinte nur: ‚Das ist er!‘“

Aber wie kannst du denn dann hinter einem Alkopop stehen?
„Nun, das ist eine große Firma mit einer Menge Geld (lacht) und sie haben diese Vorgabe, dass ich für kein anderes Getränk Werbung machen darf. Ich ging zu meinem Tequila-Freund und erzählte es ihm. Er meinte, dass diese Sache sicher nicht so langlebig wie unser Tequila sein würde, also riet er mir nur: ‚Nimm das Geld!‘“

Gleichgültig abwinkend mimt er seinen Freund und freut sich diebisch über sein kleines Nebeneinkommen.

Eine letzte Frage hat sich während dieses Gesprächs aufgedrängt. Herr Gibbons, wie können Sie nur so verdammt cool sein?
„Wir genießen den Luxus, das tun zu dürfen, was wir lieben. Ich glaube, das ist das Geheimnis inneren Friedens. Ein junger Gitarrist bat mich einmal um meinen Rat, also legte ich ihm drei Dinge ans Herz: ‚Lerne, im richtigen Timing zu spielen, lerne, im richtigen Tuning zu spielen und lerne, das zu spielen, was du hören willst!‘ Wenn du das spielst und tust, was du magst, bist du gut darin. Hinter wahrem Erfolg steckt immer aufrichtiges Vergnügen und Leidenschaft. Ich stehe gerne auf der Bühne, spiele meine Songs und ich treffe gerne Fans. Deshalb bin ich wohl das, was du cool nennen würdest.“

Nach dem Interview, das ohnehin doppelt so lange dauerte, wie geplant, lud Gibbons CLASSIC ROCK und einen Kollegen ohne große Rücksicht auf weitere Termine noch in die Hotelbar ein, wo er sich noch einige Stunden als unvergleichlich netter und offener Mensch präsentierte.
Billy, vielen Dank für das Bier, das interessante Gespräch und ein beeindruckendes Erlebnis!