Wino – Am Abgrund

Wino (1)_bearbEr hat alles versucht, um dem selbstzerstörerischen Rocker-Leben zu entkommen: heiratete, zeugte drei Kinder, war neun Jahre clean. Jetzt liegt das neue Leben von Scott „Wino“ Weinrich in Trümmern – und er macht auf seinem aktuellen Akustik-Album ADRIFT die beste Musik seines Lebens.

Der Mann ist eine Legende. Mit Saint Vitus wurde er zur Ikone des Post-Black-Sabbath-Doom-Metal, mit The Obsessed dann zum kurzzeitigen harten Hoffnungsträger der nach Grunge Metal-verliebten Major-Plattenindustrie. Nach dem Ende dieser Träume suchte Wino eine neue Perspektive, und wie so oft war es eine Frau, die den Mann vom Abgrund abholte. 1996 war das, Diana heißt sie, die Mutter seiner drei Kinder, der Engel, der ihn zum selbsterklärten „Fulltime-Dad“ machte und dafür sorgte, dass er seine diversen Drogenabhängigkeiten zumindest zeitweise in den Griff bekam. Aktuell läuft die Scheidung, eine über alle Maßen hässliche, und wieder ist es die Musik, die Scott (halbwegs) am Leben hält. „Und das viel direkter, als du denkst: Ich hoffe, mit meiner Solotour und den Gigs mit Shrinebuilder beziehungsweise Saint Vitus genug Geld zu verdienen, um mir einen guten Anwalt leisten zu können. Ich will meine Kinder auch weiter sehen können, aber wenn es schief läuft, muss ich erst mal in den Knast.“ Ja, so hässlich ist diese Trennung, und ja, den Teil mit den Drogen hatte er nicht bis zum bitteren Ende im Griff.

ADRIFT aber ist nicht nur ein Plan, sich die nötige Kohle zu besorgen, sondern – ein Blick auf die entwaffnend direkten Texte macht das deutlich –vor allem Katharsis, Selbsttherapie für den bald 50-Jährigen, der eigentlich gehofft hatte, nie wieder in den Abgrund blicken zu müssen. „Es ist mir nicht leicht gefallen, so persönliche Themen in den Texten zu verarbeiten“, gesteht Scott. „Für mich war das ein Stück weit Therapie, aber auch Ausdruck einer Scheißegal-Einstellung: Mein Leben ist eh schon total im Arsch, da kann es mich auch nicht mehr verletzen, wenn mir nach diesem Album irgendwelche Typen, die ich weder kenne noch für wichtig erachte, den Finger zeigen. Und diejenigen, die wissen, worum es genau geht, sollen ruhig auch wissen, was genau ich über sie denke.“ Damit macht er sich angreifbar, und das weiß Scott auch. „Aber verwundbar sind wir alle. Schau nur, was Dimebag von Pantera passiert ist! Klappe halten und in der Masse verschwinden – dass das nicht meine Art ist, dürfte klar sein, seit ich das erste Mal mit Vitus auf der Bühne stand. Und ich will dir noch etwas sagen: Alles, was ich zurzeit mache, tue ich für meine Kids. Ich lassen mich von ihnen nicht trennen, weil irgendwelche Leute sagen, die Drogen oder mein Verhalten würden mich als Vater untauglich machen. Ich stehe ehrlich zu meinen Gefühlen, ich zeige sie – auch mit diesem Album –, und das sagt hoffentlich alles.“

ADRIFT, „treibend“ also, ist Wino zurzeit generell, auch was seine musikalischen Projekte angeht: Er lässt sich auf (fast) alles ein, was im angetragen wird, und macht in der Regel mehr als das Beste daraus. Shrinebuilder, die 2009er-Allstar-Kollaboration mit Scott Kelly (Neurosis), Al Cisnero (Sleep) und Dale Crover (Melvins), darf heute schon als „legendär“ tituliert werden, mit Premonition hat er ein uraltes, ursprünglich ausschließlich auf Live-Jams beruhendes Blues-Metal-Projekt jetzt amtlich an den Start gebracht, und als Solokünstler war er auch eigentlich nur Spielball des Schicksals: Anfang 2009 brachte er ein erstes Album als Solokünstler heraus, PUNCTUATED EQUILIBRIUM, damals aber noch mit einer richtigen Band. Der Mann alleine mit seiner Klampfe – das war eine mal wieder aus Tragik geborene Notlösung. „Wir spielten eine coole Europa-Tour, doch dann hatten wir ein paar Off-Days, und mein Bassist Jon Blank setzte sich den goldenen Schuss. Damals stand direkt eine Tour als Support für Clutch in den USA an. Zuvor hatte ich eine einzige Show solo und rein akustisch gemacht, und ganz ehrlich: Das war kein großer Erfolg. Aber zumindest hatte ich eine ungefähre Vorstellung, was ich machen sollte, als es hieß: ,Warum springst du nicht einfach zu uns in den Bus und spielst deine Songs? Immerhin ist es deine Solo-Tour, dann kannst du auch alleine auf der Bühne stehen!‘“

Er konnte – und erntete reichlich Applaus dafür. Das war so ungefähr alles, was Scott an Ermutigung brauchte. „Es gab da eine Menge sehr intimer Dinge, die nur darauf warteten, über den Kanal der Musik verarbeitet zu werden. Das rief nach einem echten Soloalbum. Gleichzeitig muss ich gestehen, dass ich auf diese Situation nicht wirklich vorbereitet war. Ich habe eigentlich noch nie in meinem Wohnzimmer gesessen und neue Songs mit meiner Akustik-Klampfe ausgearbeitet – vor allem, weil ich wollte, dass sie auch ohne massiven Verstärkereinsatz heavy klingen!“ Namen wie Townes Van Zandt oder Billy Bragg, die jedem Journalisten geradezu in die Feder diktiert werden, wenn es um die Würdigung von ADRIFT geht, sind Scott dabei erst vor Kurzem vertraut geworden. „Ich kannte eigentlich nur Neil Young – aber ich habe genug Kollegen, die mich freundlicherweise in die richtige Richtung gestoßen haben, als klar war, dass ich dieses Album machen würde.“

Wie er es machen würde, war ihm dabei lange Zeit selbst nicht klar: „Im Studio war ich erstaunlich hilflos! Mit einer Band im Rücken hast du immer ein Fundament, auf dessen Basis du loslegen kannst. Diesmal musste ich die Stille ganz alleine füllen. Das hat mich im Vorfeld einige schlaflose Nächte gekostet, und ich war dennoch nicht wirklich auf die Situation vorbereitet. Das Ergebnis ist sehr cool geworden, aber es war eine echte Herausforderung. Doch wenn die Reaktionen so gut bleiben, will ich definitiv weiter auch rein akustisch arbeiten.“

Die Zeichen dafür sind jedenfalls gut, und es mangelt nicht an Ermutigung und konkreten Folgeplänen: Demnächst wird Wino mit seinem Shrinebuilder-Kumpan Scott Kelly, der immerhin schon zwei Akustikalben (AT THE FOOT OF THE GARDEN und LATITUDES) draußen hat, gemeinsam in die unverstärkten Saiten greifen.