WILLIE NILE – Die Macht der Musik

Ein Ritt durch die Vereinigten Staaten, ausgehend von New York: Willie Nile beschwört den Geist des Rock‘n‘Roll.

willie-nile-american-ride-4581Es herrschte eine Zeit, da New York den Takt vorgab. Im legendären Musikclub CBGB erschufen Bands und Künstler wie die Ramones, Talking Heads, Patti Smith, Graham Parker, Richard Hell und viele andere eine neue, aufregende Art von Musik. Im Publikum: Ein junger Singer/Songwriter, der sich schon bald anschicken wird, die Welt der Rockmusik mit eigenen Perlen zu bereichern: Willie Nile.

33 Jahre nach seinem Albumdebüt führt uns Nile auf seinem im Sommer erschienenen Album AMERICAN RIDE in diese Ära zurück, ohne antiquiert zu klingen. Die zwölf wild-romantischen Songs des New Yorkers nehmen den Hörer nicht nur auf einen Trip durch die US of A mit, sie wecken auch ganz klassisch und zudem ungemein fröhlich Sehnsüchte. ›Life On Bleecker Street‹ etwa, angereichert mit einem keck-famosen Frauenchor, beschwört den alten Geist von Greenwich Village.

„Wenn ich aus dem Fenster meines Apartments schaue“, sagt der inzwischen 65-Jährige gutgelaunt durchs Telefon, „blicke ich direkt auf diese Straße hinunter. Früher traf man dort Allen Ginsberg oder Bob Dylan, weil sie dort zu Hause waren. Eines Morgens wachte ich auf und hatte den kompletten Song im Kopf.“ Auch ›This Is Our Time‹ oder das stürmische, dezent an Jimi Hendrix’ Version von ›All Along The Watchtower‹ erinnernde ›Holy War‹ sprühen uns noch einmal die Gischt der späten 70er und frühen 80er Jahre ins Gesicht, als New York die Keimzelle innovativer Musik war, berstend vor Einfällen, die frisch und fremdartig klangen und dennoch schnell in den Mainstream vordringen sollten. Leben – das war Gegenwart. Und endete für viele Weggefährten des Gitarristen jäh und unerwartet, wie uns ›People Who Died‹ ebenso sarkastisch wie charmant erzählt. Niles Bruder John etwa, von dem es im Text heißt „Johnny, I miss you more than all the others“, starb vor sechs Jahren. „Wäre er krankenversichert gewesen, hätte er sich durchchecken lassen können. So jedoch starb er viel zu jung an einem Herzinfarkt“, schildert der Sänger mit eindringlichen Worten.

Und dann spricht der tatendurstige Großstädter über das moderne, heutige Amerika, das ihm nicht mehr gefällt. „Die Menschen sind uninformiert. Sie lassen sich daher leicht manipulieren. Vieles läuft falsch.“ Und mit Überzeugung in der Stimme fügt er hinzu: „Aber ich glaube noch immer an die Macht der Musik. Ich glaube, dass sie die Welt zu einem besseren Ort machen kann.“ Wer AMERICAN RIDE hört, ist geneigt, diesem Statement zu glauben.

Feuer und eine aufrichtige Leidenschaft stecken in diesen Songs, ein loderndes Funkeln, das verzaubert und ansteckt. Mal kommen diese Songdiamanten unvermutet swingend daher wie ›Say Hey‹, in anderen Stücken hört man Niles Vorliebe für Buddy Holly (›God Laughs‹) und Bob Dylan (›The Crossing‹) heraus. Immer jedoch klingt er eigenständig und nach sich selbst, wovon man sich im November live überzeugen lassen kann. Erstmals ist der mit Bruce Springsteen befreundete Künstler nicht nur auf Promotion-Tour in Deutschland unterwegs, sondern spielt auch reguläre Konzerte. Selbst schuld, wer sich die entgehen lässt. AMERICAN RIDE hat alles, was es braucht, um in Zeiten wie diesen den Kopf über Wasser zu halten: altmodischen Rock’n’Roll-Spirit, eine Prise Punk und etwas Swing, klassischen Rock, bezwingende Melodien und etwas, was inzwischen seltener ist als ein Teenager, der weder Handy noch iPhone besitzt: Seele. Und zwar jede Menge davon.