Wilko Johnson

_DSC1056Die Doku „Oil City Confidential“, eine gefeierte Autobiografie und eine Schlüsselrolle
in der Hit-TV-Serie „Game Of Thrones“ haben Wilko Johnson zu einem echten
britischen Nationalheiligtum gemacht. Jetzt hat er nur noch wenige Monate zu leben –
Krebs im Endstadium.

Fuck, Wilko…was haste jetzt schon wieder angestellt? The Dame kommt mit der Single und dem Video ›Where Are We Now?‹ rum und Produzent Tony Visconti, von Bowie zum offiziellen weltweiten Vetreter ernannt, gibt einen Haufen Interviews, um der Menschheit zu versichern, dass sich der Thin White Duke trotz vergangener Schreckmomente tatsächlich bester Gesundheit erfreut. Am nächsten Tag wird uns auf Facebook verkündet, dass nicht Bowie im Sterben liegt, sondern Wilko Johnson.

Kurz vor Weihnachten letztes Jahr kam die Diagnose: Bauchspeicheldrüsenkrebs im Endstadium, es sind nur noch wenige Momente bis zum Großen Schlaf. Freunde und Fans rund um den Globus sind schockiert. Trotzdem sieht der Typ, der uns die Tür zu seiner Doppelhaushälfte in West-cliff-on-Sea öffnet und uns in seinem großzügig bemessenen Wohnzimmer voller Bücher, Gemälde und Verstärker willkommen heißt, genauso so wie derselbe alte Wilko aus. Schwarzes Hemd, schwarze Hose, schwarze Stiefel, blaue Augen, kahler Kopf, das warme, aber hämische Lächeln. Der Gitarrist und Gründer von Dr. Feelgood fühlt sich immer noch gut. Und Ser Ilyn Payne – der stumme Henker, den er so ausdrucksstark in „Game Of Thrones“ spielte – ist völlig anderer Natur. Seine Energie, seine Eloquenz und sein Humor sind nicht nur intakt und ungebrochen, der einst aufgedrehte und zu Ausrastern neigende Telecaster-Tornado ist entspannter, als man ihn je erlebt hat.

Der Autor muss hier ein beträchtliches persönliches Interesse bekunden: Ich kenne Wilko seit seinen Feelgood-Zeiten, ich habe Stunden damit verbracht, mit ihm auf brisanten Rauschmitteln zu alten Blues-Platten zu grooven, war mit zwei verschiedenen Bands seine Vorgruppe auf Tour, war mit ihm im Studio und habe mit ihm auf der Bühne gejammt. Wer sich denkt, es sei verdammt seltsam, einen alten Kumpel zu treffen, der bald stirbt und das auch weiß…hat Recht. Das ist es. Vor allem, wenn der Sterbende die Person ist, die das am wenigsten zu bekümmern scheint.

Der Krebs hat in der Vergangenheit schon in Wilkos Nähe eingeschlagen. Vor 19 Jahren erlag sein alter Sparringspartner Lee Brilleaux einem Lymphom, vor 13 Jahren starb Ian Dury (bei dessen Blockheads Wilko kurz Mitglied war und dessen langjährigen Meisterbassisten Norman Watt-Roy er abwarb) an kolorektalem Krebs und vor acht Jahren kam der vernichtendste Schicksalsschlag, als er sich von seiner geliebten Frau Irene verabschieden musste. Sie waren seit dem Teenager-Alter zusammen gewesen – trotz Wilkos Hang zu „Tour-Ehefrauen“ – und die Trauer war eine tödliche Wunde, die nie verheilte. Und jetzt hat es ihn erwischt, und wir müssen irgendwie herausfinden, wie wir uns verabschieden. Wie erfuhr Wilko von seiner Krankheit? „Da war dieser Knoten auf meinem Bauch, mal groß, mal klein, mal hier, mal dort…“, fängt er an und berührt sanft die besagte Stelle. „Nachdem ich ein totaler Abstinenzler gewesen war und vor Kurzem zu trinken begonnen hatte, dachte ich, dass wohl meine Leber anschwillt. Wenn John Hurt aus meinem Magen platzen und schreiend auf den Boden fallen sollte, was kann ich schon tun? Kurz vor Weihnachten war dann mein Sohn Matthew zu Besuch aus Manila und brachte meinen Enkel Dylan Johnson mit… der tatsächlich hier das Laufen lernte, was sehr schön war. Eines Abends erfuhr Matthew von diesem Ding, steckte mich in sein Auto und zerrte mich in die Notaufnahme. Da fing alles an.

Sie untersuchten mich und drückten an mir rum. Sie sagten: ‚Da ist diese Masse in ihrem Magen.‘ Ich fragte: ‚Ist es Krebs?‘ Sie sagten: ‚Das wissen wir noch nicht.‘ Und sie machten all diese Tests. Für einen musste ich in dieses ‚Star Wars‘-Zimmer, und dann rannten sie alle raus und ließen mich in diesem ächzenden Gerät zurück. Es sagt: [Roboterstimme] ‚ATMEN. EINATMEN.‘ Und dann fährt es dich wieder hinaus und sagt: ‚ATMEN‘. Sie taten all das und dann überredete ich sie, mich für ein paar Tage nach Hause fahren zu lassen. Ich sagte: ‚Hey, ich wohne um die Ecke vom Krankenhaus und mein Enkel ist da.‘

Als ich nach Hause kam, hatte ich diesen Riesenstreit mit dieser Person, lief schließlich mitten in der Nacht bei Mondschein durch die Straßen und dachte: ‚Ich hätte um acht für eine Biopsie ins Krankenhaus zurück gehen sollen…. Aber ich war so wütend und so anfällig für Ausraster, dass ich dachte: ‚Scheiß drauf! Ich gehe nicht zurück ins Krankenhaus! Ich fahre nach Kathmandu und lasse mich dort davon umbringen!‘ Ich kann Leuten schon ganz schön Ärger machen…

Alle hatten ihre Theorie zu diesem Knoten und stimmten darin überein, dass es wohl eine Zyste sei – ‚Oh, die können sie einfach rausschneiden.‘ Denn seit dieses Ding auftauchte, habe ich mich toll gefühlt: keinerlei körperliche Probleme, außer dass dieser Knoten da ist. Dann machten sie die Biopsie, was schon ziemlich freaky ist, denn sie stecken einfach diese Nadel in dich rein. Sie sagen, „seien sie nicht beunruhigt, das wird jetzt einen Laut machen‘, und dann macht es ‚plopp‘. Dann wartete ich ein paar Tage. Ich fuhr mit meinem Manager und meinem Sohn wieder ins Krankenhaus und sie sagten mir: ‚Sie haben da diese Masse… Wir können nicht operieren…Sie haben Krebs.‘

Und ich war absolut ruhig… gelassen. Ich nickte nur. Ich ging raus und… fühlte mich beschwingt. Wir stellen uns oft vor, was passieren würde, wenn wir so etwas erfahren… Ich fühlte mich einfach nur high. Ich dachte, nun, damit schließt sich der Kreis.

Dann, kurz nach Neujahr, ging ich zur Spezialistin und sie sagte mir im Prinzip, dass ich noch etwa neun bis zehn Monate zu leben habe…und mit Chemotherapie vielleicht noch drei Monate mehr, aber man kann sich ja vorstellen, was für drei Monate das wären, also wollte ich das nicht. Ich fühlte mich gut und mich interessierte, wie lange das anhalten würde, denn ich wollte noch ein paar Abschiedskonzerte geben. Würde ich fit genug dafür sein? Denn ich werde nicht krank auf die Bühne gehen. Ich will nicht, dass Leute mich so sehen.
Ich mag es nicht, mich krank zu fühlen. Eine Erkältung kann ich gerade noch tolerieren. Aber so lange ich meinen Job machen kann, sowohl körperlich als auch musikalisch… Ich meine, ich kann mir nicht vorstellen, in einem Rollstuhl auf die Bühne zu fahren, wo mich dann bei den Gitarrensolos jemand so richtig schnell anschiebt… Damit komme ich nicht klar. Diese Gigs, die wir gebucht haben, finden nur unter der Bedingung statt, dass ich fit genug dafür bin und nicht nach der Hälfte müde werde.“

Als sich die Nachricht verbreitete, war Wilko nicht mal im Land. Er war Tausende von Meilen entfernt und tat das, was er am liebsten tut: auftreten in einem Land, wo er höchst beliebt ist und das über die Jahre fast zu einer zweiten Heimat in der Ferne für ihn wurde.

„Als erstes fuhr ich also nach Japan, wo wir zwei Wochen lang eine tolle Zeit hatten. Wir spielten in Tokio und Kyoto und nahmen dabei Tausende und Tausende an Spenden für den Katastrophenschutz ein. Heiße, verschwitzte Gigs, eine hervorragende Zeit – so viele nette Leute, und ich bekam all diese Briefe. Was mich wirklich beeindruckte, war diese persönliche Zuneigung, die sie ausdrückten – das war mir nie bewusst. Ich meine, ich wusste, dass Leute meine Musik mögen und so, aber einige davon waren herzzerreißend, und sehr erfreulich. Was soll ich sagen? Es ist…“, er schaltet um zu der bissigen, hämischen Stimme, die er aus Witz benutzte, lange bevor John Lydon sich Johnny Rotten nannte: „ziemlich bewegend.

Dieses High, das ich empfand, nachdem ich die Diagnose bekommen hatte, hat angehalten. Ach komm, du weißt doch, was für ein griesgrämiger Arsch ich bin! Ich denke ständig, dass das alles bald zusammenbricht, aber das ist es nicht. Ich fühle mich gut, ich bin nicht krank. Plötzlich bist du einfach nur in der Minute, die du gerade lebst. Ich bin normalerweise nachts in meinem Zimmer mit all meinen Büchern und dem Zeug und denke, ‚es ist echt schön hier, aber irgendetwas macht mir wirklich zu schaffen.‘ Jetzt macht mir nichts mehr zu schaffen. Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft – jetzt ist es egal. Es ist alles weg. Jetzt gibt es nur noch den Moment. Es schärft dir wunderbar das Bewusstsein. Du fühlst dich einfach nur sehr, sehr lebendig.

Manchmal denke ich, dass ich noch nie so absolut glücklich war, denn es gab im Leben immer irgendeinen lächerlichen Mist oder jemanden, den ich umbringen wollte. All das ist bedeutungslos. Ich will jetzt niemand umbringen.“

Es ist wohl billige Ironie, denn Ironie ist fast immer billig, dass dies genau jetzt passiert, wo Julien Temples Dr. Feelgood-Dokumentation „Oil City Confidential“ (die Wilko komplett regiert), seine Autobiografie „Looking Back At Me“ (verfasst mit Zoë Howe) und seine beeindruckende Darbietung in „Game Of Thrones“ ihn vom „Ex-halbwegs-bekannten-Namen“ zum Status eines Nationalheiligtums befördert haben…

„Vielleicht ist das ja gut so! Das ist alles passiert, jetzt, wo ich eine fantastische Band habe, mit der ich es liebe, zu spielen, wir so viele tolle Gigs hatten, und mein Enkel über den Teppich läuft – und wenigstens vermeide ich so das Alter. Wenn ich immer weiter machen würde, würde ich doch irgendwann mal peinlich werden, oder? Vielleicht ist das zur falschen Zeit passiert, aber diese Dinge passieren nun mal nicht zu irgendeiner ‚Zeit‘ – sie passieren einfach. Und bis jetzt… Es ist bestimmt nicht so, wie man sich das vorstellen würde. Ich hatte kaum einen Moment der Verzweiflung oder war deswegen traurig.

Es gab diesen Moment in Kyoto, als ich um fünf Uhr morgens aufwachte und… vielleicht hatte ich schlecht geträumt oder so, aber ich war betrübt, vielleicht, weil wir wieder abreisten. Ich dachte, ‚Oh nein, sag mir jetzt nicht, dass ich wieder zu meinem normalen Elend zurückkehre.‘ Dann fuhren wir zu diesem Tempel in den Bergen, der fast schon so lächerlich schön war, dass ich dachte, die machen das mit Absicht. Berge, dieser feine Schneefall, die Sonne, die durch den Schnee auf diesen Shinto-Tempel schien, und es war fast niemand dort. Stille. Es war so vollkommen, einfach nur da zu stehen und diesen Anblick zu genießen. Normalerweise hätte ich versucht, mir das in meiner Erinnerung einzuprägen, um später was damit anzufangen, aber dann dachte ich, ‚es ist nutzlos, das zu tun, denn bald wirst du dir gar nichts mehr einprägen…‘ Also sei einfach nur in dem Moment, in dem du bist. Es ist toll. Du stehst außerhalb der Zeit. Die Zukunft ist egal, und die Vergangenheit ist vorbei. Es ist nur dieser Moment. Und du denkst, ‚wieso habe ich das nicht vor Jahren gesehen?‘ Aber vor Jahren hast du dich noch nicht vom Tod bedroht gefühlt – obwohl wir das alle sind. Weil er nicht kurz bevor steht, spielt er keine Rolle. Was aber eine Rolle spielt…sind all diese Ärsche, die mich aufziehen!
Wir fragten die Spezialistin, ‚wie lange kann ich damit rechnen, mich so zu fühlen?‘ Sie sagte: ‚Vielleicht vier oder fünf Monate.‘ Ich dachte: ‚Wir machen das Schritt für Schritt: Zuerst möchte ich mich gut genug fühlen, um für zwei Wochen nach Japan zu fahren.‘ Dann haben wir nächste Woche ein paar Tage im Studio und ich hoffe, ich bin dafür immer noch fit. Dann möchte ich in der Lage sein, die Gigs im März zu spielen. Darüber hinaus… Meine Abschiedstournee wird definitiv eine Abschiedstournee!“

Hat dich diese Erfahrung zu neuen Songs inspiriert?
„Ja, schon. Das ist dumm! Ich komme gerade mit diesem Gefühl aus dem Krankenhaus und da beginnen die Songs schon, Form anzunehmen. Um Stücke zu schreiben, brauchst du eine Art von High, weswegen ich wahrscheinlich so viele Amphetamine nahm. Es gibt viele Sachen, die ich aufnehmen will, die es schon gab, aber ich habe auch diese neuen Sachen, die ich gut finde. Ich schrieb ein paar in Japan und ein paar mehr im Flugzeug auf dem Weg zurück. Wir werden sehen. Ich will die Gigs unbedingt durchziehen, aber ich muss fit dafür sein. Sie sagen, ich werde noch vier oder fünf Monate in diesem Zustand haben, und ich sagte: ‚Was passiert danach, wenn es losgeht? Werde ich anfangen, umzukippen?‘ Sie sagten: ‚Nein, aber sie werden anfangen, sich müde zu fühlen.‘ Sie denken, es wird nach und nach passieren. Wenn du also mit etwas Magenweh aufwachst…

Du denkst nicht einfach nur, ‚oh, ich muss wohl gestern Abend ein paar schlechte Garnelen erwischt haben…‘ Mit jedem kleinen Wehwehchen, das man normalerweise ignorieren würde, denkt man jetzt, ‚ist das das erste Zeichen?‘ Nun, bis jetzt war es das nicht. Und das macht alles so seltsam, denn ich fühle mich absolut normal. Wenn du mich aus irgendeinem Punkt in der Vergangenheit hierher verpflanzen und mich fragen würdest, wie es mir geht, würde ich sagen: ‚absolut wunderbar.‘ Ich fühle jetzt nicht mal mehr den Knoten. Danke, Jesus!“
Der Raum bricht in Gelächter aus.

Hat Wilko irgendwelche spirituellen oder philosophischen – wir werden hier nicht das Wort „religiös“ verwenden – Ansichten zur Möglichkeit eines Lebens nach dem Tod?
Wilko klopft sich auf die linke Brust. „Mein Atheismus, den ich mein Leben lang vertreten habe, bleibt unerschütterlich. Ich war ziemlich stolz, als Irene im Hospiz im Sterben lag und auf die Frage, ob der Priester kommen soll, lapidar ablehnte. Nein, Mann, ich gehe dahin zurück, wo ich herkam, nämlich in die Vergessenheit. Ich kehre zurück an den Ort, an dem ich 1925 war. Ich war dreizehneinviertel Milliarden Jahre dort gewesen, seit dem Großen Knall, bis ich 1947 rausflutschte, meinen kleinen Moment bekam und dachte, ‚Wow, das ist groß!‘, und dann gehst du wieder dorthin zurück.“

Ein winziger Tropfen des Bewusstseins, der in den unendlichen Ozean zurückkehrt…
„Genau. ‚Sie gebären rittlings über dem Grabe, der Tag erglänzt einen Augenblick und dann von Neuem die Nacht.‘ Samuel Beckett, ‚Warten auf Godot‘. Mein Atheismus ist absolut solide. Ich fürchte mich nicht davor, für meine Güte gerichtet zu werden. Ich habe keine Angst vor der Vergessenheit.“

Einige Menschen investieren viel Zeit, Geld und Aufwand genau darin…
„…und da habe ich mich auch ziemlich angestrengt! Das einzige, wovor ich mich fürchte, ist der Beginn der Krankheit, denn das wird das Ende jeglicher Aktivität bedeuten und zu einer kurzen Zeit des Leidens führen, bevor ich sterbe.“

Schmerzen sind wohl viel unheimlicher als die Vergessenheit.
„Eben!“, kichert er. „Ich bin ein totaler Feigling, wenn es um Schmerzen und Krankheit und sowas geht. Ich hasse es einfach. Das ist gerade sehr seltsam: Man fühlt diesen Knoten und denkt sich, ‚er wird mich umbringen.‘ Ich erinnere mich, als Irene starb, ging ich vom Grab weg und dachte, ‚Ich bin auf einem anderen Planeten, auf dem sie nicht existiert.‘ Wenn ich wirklich glauben würde, dass ich sie wiedersehe, wenn ich sterbe, hätte ich schon vor Ewigkeiten Selbstmord begangen. Ehrlich. Ganz sicher hätte ich das. Aber ich werde sie nie wieder sehen.“ Ein Beat. Leise Wiederholung: „Ich werde sie nie wieder sehen.“

Viele Leute, die ich kenne, hielten Wilko – der legendär viel von diesem und jenem vertrug – für einen der Großen Unzerstörbaren wie Lemmy und Lord Keef. Ich erinnere mich an einen epischen Anfall in irgendeinem Hotelzimmer nach einem Gig, der in der Erklärung kulminierte, „Heroin und Kokain sind doch Drogen für Weicheier! Gib mir Amphetaminsulfat und rohes Morphium!“ Er scherzte zu mindestens 80 Prozent…
„Nun, solange ich noch in dieser Verfassung bin, möchte ich das tun, was ich tue, und wenn ich dann anfange, abzubauen, will ich, dass sie mir unbegrenzt Morphium geben, damit ich einfach nur mit einem dummen Grinsen im Gesicht entschlafen kann.

In Japan, wo sie spezialisiert sind auf ihre Erfindung namens Crystal Meth, habe ich natürlich was davon besorgt – an jenem furchtbaren Abend, als Barclays Bank mein Leben ruinieren wollte. Am Anfang der Reise haben sie aus unbekannten Gründen die Geheimzahl meiner Karte gesperrt. Ich bin also in diesem Hotelzimmer in Kyoto mit meiner Freundin Yuriko und ihrem Laptop und versuche, diese Karte wieder zu entsperren. Ich rufe Freunde in England an, bitte sie, zu meiner Bank zu gehen und ihnen zu sagen, ‚er hat Krebs im Endstadium, er ist da in seinem letzten Urlaub und sie halten ihn davon ab, sein eigenes Geld auszugeben‘. Ohne Erfolg.

Also nahm ich mitten in all diesem Mist LSD. Ich ließ Yuriko die ganze Arbeit machen, sie ging auf Facebook und bat alle Freunde von Wilko Johnson, Barclays Bank anzurufen und ihnen zu sagen, dass sie seinen letzten Urlaub ruinieren und ob sie das bitte klären können. Ihre Telefonleitungen waren ewig blockiert.

Als ich bei meiner Spezialistin war und sie um Morphium bat, sagte sie: ‚Wieso, haben sie Schmerzen?‘. Und ich sagte: ‚Nein, ich will es für den Rausch!‘ Also sagte ich: ‚Kann ich ein paar Schlaftabletten haben?‘ und sie gaben mir dieses Zeug, das muss ein Placebo gewesen sein, völlig unbrauchbar. Nach dem Scan sagte ich also, ‚hey, das Zeug war für‘n Arsch. Können sie mir was geben, das wirkt?‘ Sie gaben mir verdammtes Diazepam! Ich sagte: ‚Ist ihnen klar, mit wem sie hier reden? Das ist Kindermedizin!‘

Schließlich bekam ich dieses Zeug, das tatsächlich wirkte. Ich habe immer noch diese kleinen blauen Dinger aus Tokio, die kommen aus Amerika, Halcyon. Das ist ziemlich gut. Es lässt dich einschlafen – oder nicht, wenn du aufbleiben willst. Nicht so genial wie Mandrax, aber das gibt’s nicht mehr.

Es war toll in Japan. Ich habe Crystal Meth, LSD, diese Beruhigungspillen und ein bisschen Hasch genommen, das wir dabei hatten. Nun, es lässt alles den Sake gut runtergehen.“

Gibt es etwas, was du noch tun willst?
„Es wäre dumm, jetzt noch Panik zu machen und Dinge zu erfüllen. Ich werde keinen Roman mehr schreiben…“
Oder Bungee-Jumping machen…

„Ja, genau. Mein ganzes Leben lang habe ich alles Mögliche gemacht. Ich habe mein Leben nie geplant, bin immer nur in alle möglichen Situationen geschlittert, und im Großen und Ganzen war das auf die eine oder andere Weise auch gut so. Es gab ein paar herzzerreißende Abschiede, vor allem in Japan, Damen, die ich kenne… jemand steigt in ein Taxi und du sagst, ‚nun, Lebewohl für immer.‘ Du kannst für solche Gelegenheiten nie die richtige Rede finden. Du siehst deine Freunde und sie leiden so sehr. Ich habe Tränen in den Augen von Menschen gesehen, von denen ich nie dachte, dass sie dazu fähig sind. Sie fühlen sich einfach so hilflos. Wenn du ins Wasser fielest, würden sie sofort reinspringen, um dich zu retten, aber sie können nicht in dieses Wasser springen.
Als ich 17 war, hätte ich mir niemals das Leben vorstellen können, das ich führen sollte. Es war einfach alles so gut. Ich hatte ein langes und glückliches Leben. Nein – nicht wirklich, kein glückliches. Ich war nie glücklich. Jedenfalls hatte ich ein langes Leben! Ich hoffe, ich kann so tapfer sein, wie Irene es war. Ich möchte nicht als ein Spektakel der Sterblichkeit in Aktion enden. Ich will wie die harte Nuss aussehen, die ich bin.“
Und was ist mit der nächsten Staffel „Game Of Thrones“? Es wird nicht leicht sein, deine Rolle neu zu besetzen…
„Nun, so ist es nun mal. Wenn sie die dritte Staffel machen, sollten sie sich besser verdammt beeilen!“

Wilkos Manager Robert Hoy ist nun hier und überbringt die Nachricht, dass alle Konzerte auf der Abschiedstournee innerhalb von Minuten ausverkauft waren.
Wilko kichert. „Die Idee hätten wir vor Jahren schon haben sollen!“
Es ist fast Zeit, zu gehen. Unser Gastgeber verteilt Gläser, randvoll mit Jameson‘s-Whisky, und überlegt, ob er mal schnell zur Barclays Bank gehen und einen klassischen Wilko-Ausraster hinlegen soll. Eine Umarmung in der Tür, ich flüstere ihm „Oh, you stupid muthafukka!“ ins Ohr, bevor ich mit plötzlich verschwommenen Augen nach dem Auto suche. Harte Kerle aus Essex weinen nicht.
Aber ich bin kein harter Kerl aus Essex, also weine ich. In ein paar kurzen Monaten fährt Wilko Johnson zurück nach Hause.

Text: Charles Shaar Murray
Porträt: Will Ireland