Wilko Johnson (Dr. Feelgood)

_DSC1056Der frühere Dr. Feelgood-Gitarrist erinnert sich im CLASSIC ROCK-Gespräch an seinen ehemaligen Kollegen, den 1994 verstorbenen Sänger Lee Brilleaux, und erklärt außerdem, wie sich ausgerechnet auf der Insel Canvey Island, das zur britischen Grafschaft Essex gehört, derart viel musikalisches Talent zusammenballen konnte.

Die Landschaft von Canvey Island in der Grafschaft Essex ist vor allem von einem geprägt: der Industrie. Und die ist in OIL CITY CONFIDENTAL, der jüngst erschienenen Dokumentation über die britischen Rhythm’n’Blues-Ikonen Dr. Feelgood, wohl ebenso präsent wie die Band selbst. Regisseur Julien Temple, der bereits Dokumentationen über die Sex Pistols und The Clash gedreht hat, schafft es in seinem Film, die Wurzeln von Dr. Feelgood freizulegen und diese feinfühlig mit der wei-teren Historie der Band zu verflechten. So demonstriert er, dass sowohl Aufstieg als auch der spätere Fall in eben diesen Wurzeln begründet sind. Einer der Protagonisten von OIL CITY CONFIDENTAL ist Gitarrist Wilko Johnson, der nach wie vor in Canvey Island wohnt.

Wilko, OIL CITY CONFIDENTAL zeichnet ein romantisches Bild von Canvey Island, deiner Heimat. Warum ist dieser Ort so besonders?
Als Kind fing ich an, Gitarre zu lernen. Und ich fand schnell heraus, dass mir der amerikanische Rhythm’n’Blues am besten gefiel. Irgendwie hatte ich das Gefühl, mit der Musik verbunden zu sein. Denn zwischen Canvey Island und den Sümpfen des Deltas gibt es in der Tat Parallelen. Den anderen Dr. Feelgood-Mitgliedern ging es ähnlich – ich glaube daher, dass Canvey Island uns alle von frühester Jugend an nachhaltig geprägt hat. Für manche Menschen mag der Anblick von Stahl und Beton ein Schandfleck sein, für mich hatte er immer etwas Schönes, Ergreifendes. Diese Skyline ist für mich beeindruckender als die von Manhattan.

Gab es vor Dr. Feelgoods Erfolg schon eine Blues-Szene in Canvey?
Nun, John Lee Hooker ist mal in Westcliff aufgetreten, aber das war’s dann auch schon. London ist allerdings nicht allzu weit entfernt, und es gab in Canvey auch etliche Pub-Konzerte.

Würdest du sagen, dass es Dr. Feelgood gelungen ist, die Brücke ­zwischen Pub Rock und Punk Rock zu schlagen?
Nein. Zudem habe ich den Begriff „Pub Rock“ nie gemocht, denn er b­e-schreibt nicht die Musik, sondern nur um den Ort des Geschehens.

Die Zeit in den kleinen Clubs war ohnehin rasch vorbei, denn Dr. Feelgood schafften rasch den Aufstieg in größere Hallen…
Oh ja, die Pubs platzten bei unseren Auftritten aus allen Nähten. Wir waren darüber natürlich sehr glücklich, wollten aber endlich mehr Leute er­reichen. Daher haben wir 1975 innerhalb nur eines Jahres gleich zwei Platten veröffentlicht, nämlich DOWN BY THE JETTY und MALPRACTICE. Das brachte einen ziemlichen Popularitätsschub mit sich. Trotzdem war ich tierisch un-geduldig. Wenn ich heute zurückblicke, kann ich kaum glauben, dass es mir damals so vorkam, als würde nichts vorangehen. Im Grunde war genau das Gegenteil der Fall: Unsere Fan-Gemeinde wuchs rasend schnell. Und weil wir keine Zeit hatten, um erneut ins Studio zu gehen, brachten wir schnell noch das STUPIDITY-Livealbum auf den Markt.

Eine Notlösung, die sich aber als Riesenerfolg entpuppte – denn die Platte kletterte auf Platz eins der UK-Charts. Ein Schock für dich?
Nein, ich war nicht schockiert, sondern habe mich wahnsinnig gefreut. Es fühlte sich ein bisschen so an, als hätten wir im Lotto gewonnen. Zudem war die Chart-Platzierung für uns der ultimative Beweis dafür, dass wir auf dem richtigen Weg waren. All die harte Arbeit hatte sich endlich gelohnt, das Ziel schien zum Greifen nah. Wir verkauften mehr Platten als Abba – zumindest in dieser einen Woche.

Du warst damals der einzige Songwriter in der Band. Bist du wegen des großen Drucks nach SNEAKIN’ SUSPICION ausgestiegen?
Da liegt ein Missverständnis vor: Ich bin rausgeworfen worden. In der Presse hieß es allerdings immer: „Wilko ist ausgestiegen!“ Doch das stimmt definitiv nicht. Das Verhältnis zwischen mir und unserem Sänger Lee Brilleaux war schon längere Zeit ziemlich angespannt. Im Grunde kann ich nicht Schlechtes über ihn sagen, er war ein ausgesprochen netter Kerl. Aber wir sind einfach nicht miteinander klar gekommen. Das lag insbesondere daran, dass wir unterschiedliche Vorstellungen von guten Songs hatten. Auf der Bühne gab keine Probleme, da haben wir wunderbar harmoniert. Es sah vielleicht nicht immer so aus, doch das gehörte zur Show. Doch je größeren Erfolg wir hatten und je mehr Shows wir spielten, desto nervöser wurde ich. Mir blieb kaum Zeit, um mich aufs Songwriting zu konzentrieren. Daher habe ich versucht, die anderen mehr und mehr einzubinden, insbesondere Lee. Er hatte viel Fantasie und konnte unglaublich satirisch sein. Vieles von dem, was ihm spontan einfiel, hätte sich wunderbar als Basis für neue Songs geeignet. Doch er weigerte sich stets, das Ganze aufzuschreiben.

Wann ist die Sache dann endgültig aus dem Ruder gelaufen?
Nach unseren beiden US-Touren war es so schlimm, dass wir nicht mehr gemeinsam im selben Raum sein wollten. Zudem begannen die anderen damit, exzessiv zu trinken. Es fing bereits früh am Morgen an und ging bis spät in die Nacht. Alle hingen in der Bar ab, während ich auf meinem Zimmer blieb. Und ja, ich war zu diesem Zeitpunkt auch ein richtiges Arschloch, nein, eher eine Diva. So kam schließlich eines zum anderen…

Hattest du nach deinem Ausstieg noch Kontakt zu Lee?
Nicht wirklich. Nach meinem Rauswurf sind wir uns noch zwei, drei Mal bei Konzerten zufällig über den Weg gelaufen. Die Feindschaft zwischen uns löste sich zwar im Laufe der Zeit in Rauch auf, aber wir haben es dennoch nicht geschafft, unsere Freundschaft zu erneuern. Es gab nie einen Anlass, sich zusammenzusetzen und die Dinge auf den Tisch zu bringen. Das bereue ich bis heute. Ich war bei Lees Beerdigung und habe danach mit einigen Kumpels in Canvey auf sein Wohl getrunken. Ich saß neben John Martin und John Sparks, sah die beiden an und sagte: Jungs, was haben wir nur angerichtet? Ein paar Drinks später haben wir uns dazu entschlossen, Lee zu Ehren ein paar alte Songs zu spielen. Aber es kam mir so leer vor auf der Bühne, als wäre da ein riesiges Loch in der Mitte. Dennoch war es eine wundervolle Erfahrung. Plötzlich fing meine Frau an zu weinen. Da war alles vorbei: Keiner konnte die Tränen zurückhalten. Im Grunde sind wir in diesem Moment angekommen. Wir blickten gemeinsam zurück auf das, was wir erreicht hatten – und da wurde uns bewusst, was für eine großartige Band Dr. Feelgood doch gewesen ist.

Terry Staunton