Whitesnake im Interview: Flächenbrand

Whitesnake im Jahr 2014.Zum 30-jährigen Jubiläum des Erfolgsalbums 1987 veröffentlichen Whitesnake vier Sondereditionen des legendären Werks mit unveröffentlichten Live-, Studio- und Demosongs sowie remasterten Originalen. Frontmann David Coverdale schenkt CLASSIC ROCK 20 Minuten seiner Zeit, obwohl seine Umgebung in Flammen steht.

David Coverdale ist blendend aufgelegt und lacht viel, aber sein Mitarbeiter, der neben ihm am Telefon steht, achtet penibel darauf, dass das Interview keine Sekunde länger als die versprochenen 20 Minuten dauert. „Wie ist es in München?“, fragt der 66-Jährige am anderen Ende der Leitung. „Ich habe länger nicht mehr mit meiner Tochter telefoniert, die dort wohnt. Es regnet? Das ist nichts im Vergleich mit dem, was hier gerade in den USA passiert. In diesen Augenblicken, in denen ich mit dir rede, bricht hier wettertechnisch die Hölle los – überall wüten heftige Feuer. Von meinem Haus aus, in dem sich mein Büro und mein Studio befinden, in den Ausläufern der Sierra Nevada (Hochgebirge im Westen der Vereinigten Staaten, Anm. d. R.), kann ich auf das Tal und die Stadt Reno herunterblicken. Momentan ist alles von Rauch bedeckt.“

Direkte Gefahr für den Musiker und seinen Anhang besteht aber nicht. „So viel ich weiß, lodern gerade keine Brände in unmittelbarer Nähe meines Anwesens“, sagt David Coverdale. „Aber der Wind weht heftig und treibt den Rauch hierher. Vielen geht es schlechter als mir, das ist gerade eine sehr schockierende und herausfordernde Zeit hier in den Staaten für viele Menschen. Zumal ja auch noch Hurrikans anrollen und das Ganze verschlimmern. Ich lebe in einem Waldgebiet, aber zum Glück befindet sich eine Feuerwache ganz in meiner Nähe. Das beruhigt mich. Aber letzte Nacht hatte ich trotzdem Bauchschmerzen.“

Der große Durchbruch

Wie ein Flächenbrand breitete sich vor 30 Jahren auch das legendäre Whitesnake-Album 1987 aus, das einige Riesenhits abwarf und die Truppe um den smarten Briten und ehemaligen Deep-Purple-Sänger endgültig zum globalen Phänomen machte. Fast jeder über 40 verbindet etwas mit diesen Songs. Ein Beispiel: Als die Platte im April 1987 erschien, war der Autor dieser Zeilen gerade mal 15 Jahre alt und zum ersten Mal richtig verknallt – selbstverständlich unglücklich. Da kamen Songs wie ›Is This Love‹ und vor allem ›Here I Go Again‹ gerade recht, erfüllten sie doch das Bild des leidenden, verschmähten Lovers, der wie ein einsamer Wolf durch die Wälder streift, für immer und ewig dazu verdammt, allein zu bleiben. „Ich schrieb ›Here I Go Again‹, als die Ehe mit meiner ersten Frau in die Brüche ging – Julia, eine Deutsche, Mutter meiner Tochter Jessica“, blickt der Mittsechziger zurück. „Wir lebten da­­mals in London, aber ich war viel unterwegs, mal in den USA, mal in Frankreich. Einmal verschlug es mich an die Algarve in Portugal in ein kleines Dörfchen, wo ich das Lied schrieb. Ich fühlte mich furchtbar, weil etwas Großartiges zerbrochen war.“

Versagt die Stimme?

Aber auch gesundheitlich lief es im Vorfeld von 1987 alles andere als glatt. „Die ersten Songs für die Platte verfassten wir bereits 1985“, holt der Brite aus. „Dann ging es nach Los Angeles, wo ich verschiedene Drummer ausprobierte. Den Großteil des Jahres 1986 verbrachte ich dann allerdings damit, mich von meiner Operation zu er­­holen. Ich erinnere mich noch, dass ich im Dezember 1985 nach Weihnachten mit meiner Tochter von München nach Los Angeles flog und eine furchtbare Grippe mitschleppte. Nach diesem Flug wartete in meiner Hotel-Suite in Los Angeles eine Audiokassette auf mich. Aber statt mich auszuruhen und zu erholen, sang ich dummerweise dazu – das klang total beschissen. In diesen Augenblicken dachte ich, mein Leben sei vorüber.“ Aus der Grippe entwickelte sich eine üble Sinusitis (Nasennebenhöhlenentzündung), die auch die Stimme von Coverdale angriff und sie schließlich fast für immer verstummen ließ. Der Musiker musste unters Messer, wobei es keine Garantie gab, dass er jemals wieder richtig singen könne. Die Ärzte hatten noch nie eine derartige Entzündung gesehen und waren skeptisch. „Das war eine echt miese Zeit für mich“, blickt er zurück. „Aber im Nachhinein scheint es so, als habe sich Gott zu mir umgedreht und gesagt: Mach dir keine Sorgen, deine Leiden sind nicht umsonst – es kommen auch wieder bessere Zeiten. Der Erfolg des Albums war überwältigend“, lacht er laut.

Nur die Liebe zählt

Dass es mal das Klassikerwerk von White­snake werden könnte, ahnte David Coverdale damals nicht. „Mein Ansatz war und ist immer noch, das Vorgängeralbum zu übertreffen“, sagt er, „bessere Songs, bessere Produktion. Ich stamme aus einer Musikergeneration, für die es künstlerisch essenziell war, sich weiterzuentwickeln. Es gehörte zum guten Ton, progressiv zu sein. Blues, Soul und Rock haben mich immer inspiriert, ebenso wie die Suche nach dem Sinn des Lebens.“ Und natürlich die Liebe, von der ja auch die damaligen Hitsingles handeln. „Auch heute, in fortgeschrittenem Alter, finde ich Liebeslieder noch genauso faszinierend wie damals mit 20 oder 30. Es ist nicht so, dass ich unbewusst vor mich hinlebe, ganz im Gegenteil. Ich achte stark auf meine Umwelt und bin auch po­­litisch sehr interessiert. Aber ich werde ge­­wiss keine Zeit damit ver­­geuden, einen Song über den aktuellen US-Präsidenten zu schreiben. Mir geht es ums Feiern der Liebe, um diese erstaunliche Flut an Gefühlen.“ Womit wir wieder bei ›Here I Go Again‹ wären, das ur­­sprünglich aus dem Jahr 1982 stammt und schon einmal auf SAINTS & SINNERS erschienen war. „Es war nicht meine Idee, die Nummer noch einmal aufzugreifen“, so Mr Coverdale. „Sie stammte von David Geffen von Geffen Records. Er schlug vor, das Stück erneut für den amerikanischen Markt herauszubringen. Wir arbeiteten damals gerade an einer symphonischen Version von ›Crying In The Rain‹ (ebenfalls 1982 auf SAINTS & SINNERS erschienen, Anm. d. R.), da ich mit dem Original nie so recht glücklich war. Der Deal be­­stand darin, beide Nummern abermals aufzunehmen. Zum Glück wurde es der erfolgreichste Whitesnake-Hit von allen!“