Werkschau: Pink Floyd

Genau genommen dauert die kreative Blüte der britischen Progrock-Supergroup Pink Floyd nur acht Jahre und umfasst die Alben MEDDLE (1971), THE DARK SIDE OF THE MOON (1973), WISH YOU WERE HERE (1975), ANIMALS (1977) und THE WALL (1979), doch diese fünf Scheiben reichen mühelos aus, um der Band eine geradezu mystische Aura zu verleihen.

Pink Floyd entstehen Mitte der Sechziger. Die Gitarristen David Gilmour und Syd Barrett kennen sich aus ihrer Kindheit, haben am „Cambridgeshire College of Arts and Technology“ studiert und gemeinsam erste Akkorde gelernt. 1965 schließt sich Barrett dem Trio Roger Waters (Gesang, Bass), Rick Wright (Keyboards) und Nick Mason (Schlagzeug) an und gründet Pink Floyd. Im Frühjahr entsteht das Debüt PIPER AT THE GATES OF DAWN mit einem Mix aus psychedelischen und avantgardistischen Klängen. Doch bereits Ende 1967 gibt es Probleme mit dem sensiblen Barrett, der den Anforderungen der ehrgeizigen Band nicht gewachsen ist. Im Herbst 1967 wird daher Gilmour als fünftes Gruppenmitglied verpflichtet, aufgrund fortgesetzter Querelen trennt sich die Band im Februar 1968 von Barrett. (Offiziell wurde die Trennung dann am 6. April 1968 bekanntgegeben, Anm. d. Red.)

Nach den Veröffentlichungen A SAUCERFUL OF SECRETS, MORE, UMMAGUMMA und ATOM HEART MOTHER zwischen 1968 und 1970 finden Pink Floyd mit MEDDLE (1971) jenen Stil, der sie zwei Jahre später zu Superstars macht. All das, was bis dahin bereits an Spektakulärem und Erfolgreichem hinter ihnen liegt, wird im Frühjahr 1973 um ein Vielfaches übertroffen: THE DARK SIDE OF THE MOON, eine der wichtigsten Alben aller Zeiten, ein Monumentalwerk, das sich 15 Jahre lang in den Billboard Charts hält.

Und die Band kann auf höchstem Niveau nachlegen: WISH YOU WERE HERE mit seiner Hommage an Syd Barrett ist wahrlich grandios, das anschließende ANIMALS zwar etwas schwächer, das Doppelalbum THE WALL indes der dritte Klassiker innerhalb weniger Jahre. Doch THE WALL, vor allem aber das sperrige THE FINAL CUT (1983) zeigen auch, dass die Band menschlich zerrissen ist. 1985 verlässt Waters die Gruppe und setzte seine Karriere als Solokünstler fort, während Pink Floyd mit Gilmour, Mason und Wright A MOMENTARY LAPSE OF REASON (1987) produzieren, gefolgt von dem erstklassigen THE DIVISION BELL (1994).

Die Hoffnung auf eine Reunion in Originalbesetzung erledigt sich durch den Tod von Keyboarder Richard Wright im September 2008. Bis heute haben Pink Floyd weit mehr als 150 Millionen Tonträger verkauft.

Unverzichtbar

Dark Side of The moonTHE DARK SIDE OF THE MOON
EMI, 1973

Nicht nur das wichtigste Album der Floyd-Karriere, sondern auch eine der bedeutendsten Veröffentlichungen der Popgeschichte.Das Besondere dieses Albums: Obwohl mit den Singlehits ›Money‹ und ›Time‹ sowie dem hypnotischen ›Breathe‹ nur drei Stücke herausragen, funktionieren diese 43 Minuten durch ihre Komplexität, durch das faszinierende Nebeneinander genialer Songs, Geräusche und Klangcollagen. Auch fast 40 Jahre später klingt die Scheibe zeitgemäß oder besser: zeitlos im besten Sinne des Wortes. Es gibt kein anderes Rockalbum, das gleichermaßen innovativ wie auch kommerziell zugänglich ist.

Wish You Were HereWISH YOU WERE HERE
EMI ,1975

Pink Floyd selbst bezeichnen WISH YOU WERE HERE als die gelungenste Veröffentlichung ihrer Karriere. Im Mittelpunkt: Der die Rockgeschichte überragende neunteilige Track ›Shine On You Crazy Diamond‹ – mit seinem poetisch formulierten Text eine überzeugende Hommage an Syd Barrett. Dennoch macht erst das Zusammenwirken dieses Stückes mit dem als Kontrapunkt gedachten Titelsong, dem Business-kritischen ›Have A Cigar‹ und dem kühlen, aber dennoch auf wundersame Weise erhabenen ›Welcome To The Machine‹ diese Scheibe zum Inbegriff des perfekten Rockalbums.

Wunderbar

Atom Heart MotherATOM HEART MOTHER
EMI, 1970

Die erste LP-Seite über reihen Waters, Gilmour, Wright, Mason und Sound-Designer Ron Geesin einen Instrumentalpart an den nächsten, addieren Cello, Blechblas-Instrumente oder Chorgesänge und produzieren alles in einem aufwändigen Vierkanal-Quadrophonie-Verfahren. Manches misslingt. Der finale Track ›Alan‘s Psychedelic Breakfast‹ bleibt ein 13-minütiger fragmentarischer Irrtum, während Stücke wie ›Summer ´68‹, vor allem aber ›Fat Old Sun‹ jenen Gilmour andeuten, der bereits ein Album später auf THE DARK SIDE OF THE MOON zur Genialität aufsteigt.

AnimalsANIMALS
EMI, 1977

Als das Konzeptalbum ANIMALS erscheint, sind die meisten Pink Floyd-Fans zunächst enttäuscht. Das überwiegend von Waters komponierte Album klingt sperriger, schroffer und weniger homogen als die beiden Vorgänger, obwohl die Band nahezu alle Songs bereits seit Jahren auf der Bühne spielte. Dies liegt vor allem am Gesamtsound, der deutlich weniger auf Keyboards basiert, sondern stärker von Gitarren und Bass bestimmt wird. Heute weiß man, dass ANIMALS sehr wohl einen Glanzpunkt darstellt und bereits ein Fingerzeig auf das ist, was zwei Jahre später mit THE WALL gen Perfektion getrieben wird.

The WallTHE WALL
EMI, 1979

Das wohl berühmteste Konzeptalbum der Rockgeschichte. Roger Waters arbeitet sich mehr oder minder im Alleingang am eigenen Leben und an historisch aufbereiteten Parabeln zu Unterdrückung und Macht ab. Ironie der Geschichte: Eben jene Tyrannei von Machtbesessenen, die Waters anprangert, werfen ihm seine Mitstreiter bei der Entstehung des Albums vor. Richard Wright wird kurzerhand zum Mietmusiker degradiert, die genialen Momente Gilmours werden auf wenige Passagen begrenzt. Dennoch ein Monument an Aussagekraft, künstlerischem Tiefgang und enormer Kreativität.

The Division BellTHE DIVISION BELL
EMI, 1994

Natürlich fehlt der als Solokünstler aktive Roger Waters als kreativer Kontrapunkt zum kommerzieller ausgerichteten David Gilmour. Dennoch ist die Scheibe ein homogenes, vielschichtiges und sehr musikalisches Werk, mit wunderbaren Melodien, inspirierten Soli und magischen Stimmungen. Was Wrights Keyboards betrifft, erreicht es mitunter sogar das Flair von WISH YOU WERE HERE. Nur setzen Pink Floyd diesmal den süßlichen Arrangements keine Widerhaken à la ›Welcome To The Machine‹ entgegen, sondern belassen es bei kuscheligen Songs zwischen Rock und Pop.

Anhörbar

The Piper at the Gates of DawnTHE PIPER AT THE GATES OF DAWN
EMI, 1967

Pink Floyds Debütalbum und das einzige Werk mit dem vollen Fingerabdruck von Ikone Syd Barrett. Vieles klingt wie ein Spiegelbild damaliger Jugendkultur mit ihren drogenvernebelten Universen. Barrett mischt Rock und Psychedelic mit Blues und Folk, zerrt sonderbare Instrumente und Arrangements dicht unter die Oberfläche, um seine mitunter schrulligen Texte an den Mann zu bringen. Der Opener ›Astronomy Domine‹ hat (fast) als einziger PIPER-Track das Zeug zum Klassiker, der Rest hingegen ist naiv bis unbeholfen, aber dennoch ein (erster) wichtiger Schritt der Gruppe.

UmmagummaUMMAGUMMA
EMI, 1969

Das 1969er Werk UMMAGUMMA hat Höhen und Tiefen, verstört durch allzu jazzige Arrangements (›Sisyphus Pt. 1-4‹) und rhythmische Längen (›The Grand Vizier´s Garden‹). Wirklich überzeugend ist nur die erste Scheibe der Doppel-LP mit Live-Aufnahmen, von denen ›Astronomy Domine‹ wunderbar kosmisch daherkommt und das bis dato unveröffentlichte ›Careful With That Axe, Eugene‹ Pink Floyd als Meister sphärischer Klangwelten präsentiert. Letztendlich ist es ein Übergangswerk, das – seinem Entstehungszeitpunkt entsprechend –die avantgardistischen Sechziger ablöst und die progressiv-kosmischen Siebziger einläutet.

Sonderbar

A Momentary Laps Of ReasonA MOMENTARY LAPSE OF REASON
EMI, 1987

Als Solowerk von Gilmour und/ oder Mason hätte das Dargebotene die Erwartungen vielleicht nicht so schrecklich enttäuscht. Ohne Roger Waters verkommt die Scheibe zum bloßen Schatten früherer Floyd-Magie. Kompositorisch findet man zwar einige passable Stücke und mit ›Learning To Fly‹ sogar einen Glanzpunkt, doch die synthetisch klingende Produktion macht all das zunichte, wofür die Band in ihren goldenen Zeiten stand. Zum Glück erkennen Gilmour & Co. diesen Fehler und revidieren ihn auf THE DIVISION BELL nach besten Kräften.

The Final CutTHE FINAL CUT
EMI, 1983

Das letzte Floyd-Werk in Originalbesetzung erweist sich als lähmende Bestandsaufnahme eines depressiv-melancholischen Roger Waters. Er manövriert den Sound im kompositorischen Alleingang in eine widerborstige Mischung aus Zynismus, schrägen Akkordfolgen und wehmütigen Gesängen. Nichts ist mehr von der vibrierenden Magie eines ›Shine On You Crazy Diamond‹ (WISH YOU WERE HERE) übrig, wenig von der innovativen Kraft eines ›Echoes‹ (MEDDLE). Pink Floyd klingen desillusioniert, zerstritten, menschlich am Ende. Eine Tragik, die den tatsächlichen internen Zustand der Band widerspiegelt.