Vibravoid – Purer Idealismus

Vibravoid_promo_2014_1Ihr fantastisches 2011er Album MINDDRUGS wird  jetzt auch auf CD inklusive Bonusmaterial veröffentlicht.  VIBRAVOID–Boss CHRISTIAN KOCH kann seine Bedenken gegen digitale Tonträger dennoch nicht vollends ausräumen.

Unter normalen Umständen kann man mit Christian Koch kaum in Streit geraten. Der Düsseldorfer Sänger und Gitarrist ist ein positiver und überaus ausgeglichener Mensch, der andere Meinungen akzeptiert und sogar dem, was er den „Wahnsinn der Welt“ nennt, zumindest einigermaßen tolerant gegenübersteht. Wenn man sich allerdings unbedingt mit Christian Koch streiten möchte, gibt es da einen kleinen Trick: Man verlegt einfach den Psychedelic Rock als substantiellen Kulturbestandteil in die 70er und erklärt Black Sabbath zu den wichtigsten Protagonisten dieser Musik- und Lebenseinstellung. Wenn man all dies tut, dann geht Christian Koch entgegen seines eigentlichen Naturells sofort an die Decke. Denn für ihn haben Psychedelic mit den 70ern und mit Black Sabbath rein gar nichts zu tun. Mehr noch: „Black Sabbath haben sich explizit als Anti-Hippies bezeichnet. Das muss man doch einfach mal zur Kenntnis nehmen.“ Und dann kramt Koch weitere schlagende Argumente für seine Theorie hervor, dass diese Musikrichtung ausschließlich in den 60ern stattgefunden hat und mit frühen Pink Floyd, The Byrds oder Jimi Hendrix seine herausragenden Vertreter besaß. „MEDDLE war lange nicht mehr so stark wie THE PIPER AT THE GATES OF DAWN“, vergleicht er zwei der unbestrittenen Floyd‘schen Meisterwerke und zieht ein nicht nur musikalisches, sondern auch gesamtgesellschaftliches Resümee: „Psychedelia ist eine Bewegung, die besagt: Macht endlich Schluss mit dem Wahnsinn.“ Der bis in die Gegenwart hineinreichende Wahnsinn begann für Koch schon vor rund 45 Jahren: „Die goldenen Jahre waren zwischen 1965 und 1970, danach war der Ofen aus. Woodstock fand ja auch nicht in den 70ern statt, das verwechseln die Leute immer nur. In den 70ern haben die Leute Bomben geworfen, so lautet leider die bittere Wahrheit.“
Eigentlich könnte es Koch egal sein, ob man nun die 60er und 70er miteinander verwechselt, ob man Retro-, Space- und Psychedelic-Rock in einen Topf wirft. Doch der 43-Jährige ist der kreative Kopf hinter dem Düsseldorfer Trio Vibravoid, das erst vor wenigen Tagen sein aktuelles Album MINDDRUGS in remasterter Version auf CD wiederveröffentlicht hat. MINDDRUGS bietet mit voller Absicht ausschließlich lupenreinen Psychedelic Rock der 60er, daran lässt Koch keine Zweifel. Da blubbert‘s und zischt‘s, da wird man an ›2000 Light Years From Home‹ und ›She‘s The Rainbow‹ vom Rolling-Stones-Album THEIR SATANIC MAJESTIES REQUEST ebenso erinnert wie an ›Silver Maschine‹ von Hawkwind und ›Interstellar Overdrive‹ von Pink Floyd. Diese wunderbar sphärische Stimmung, der mit langen Hallfahnen versetzte Gesang, die abgefahrenen Gitarrensounds, das laszive Flair der Melodien. „Dabei sind die eigentlichen Songstrukturen im Grunde genommen total simpel: Hookline, Strophe, Refrain, mehr nicht“, verrät Koch. „Wer sich nur ein bisschen mit Rock-. und Popmusik auskennt, hat diese Songs sofort verstanden. Irgendwelche Geheimnisse dahinter existieren nicht.“
Höchstens noch dieses eine: Woher bekommt ein 43-Jähriger, der – man kann dies leicht ausrechnen – 1971 geboren wurde, eigentlich ein Faible für die Rockmusik einer lang zurückliegenden Epoche? „Ich habe meine komplette Kindheit vor dem Plattenspieler verbracht“, erzählt Koch. „Meine Eltern hatten schnell gemerkt, dass sie mich einfach nur vor diesen weißen Schneewittchensarg (so nannte man aufgrund seiner transparenten Abdeckung den Plattenspieler Phonosuper SK4 der Firma Braun) meiner Oma setzen und eine Vinylschiebe auflegen mussten, um sofort komplett von mir befreit zu sein. Die Musik von Hendrix oder den Byrds habe ich quasi mit der Muttermilch aufgesogen. Meine Eltern merkten, dass ihr Kind mit diesen Songs nichts kaputtmachen kann.“
Übrigens darf man in der Aufzählung des Düsseldorfers nicht die wichtigsten Protagonisten des Krautrocks vergessen, die ebenfalls als Blaupausen des Vibravoid-Sounds Pate standen. „Can waren für mich immer schon eine ganz große Nummer, ihren Hit ›Spoon‹ finde ich auch heute noch grandios. An Kraftwerk kam ich allein deshalb nicht vorbei, weil sie ja auch aus Düsseldorf stammen. Und Neu! sind schlicht und ergreifend überfantastisch.“ Keinen Zugang fand Koch dagegen zu experimentell ausgerichteten Formationen wie Cluster: „Zu wenig Musik, zu viel Geräusche“, findet er, „für mich braucht es in der Musik Beats und Grooves, zu denen man tanzen kann.“
Tanzen kann man zur Musik von Vibravoid in der Tat hervorragend. Die meisten Songs breiten sich geradezu hypnotisch über einen stoischen Rhythmus aus, der sich in eine Trance-artige Stimmung hochsteigert. „Wir versuchen einfach hochgradig individuell zu sein. Für uns existiert nur unsere eigene Welt, zeitgemäße Einflüsse kennen Vibravoid nicht und würden sie auch nicht zulassen.“ Und überhaupt: Wirklich echt klingt MINDDRUGS ausschließlich auf Vinyl, behauptet Koch: „Für mich gibt es nur Schallplatten, CDs finde ich einfach ganz scheiße. Deswegen landen ja viele Leute überhaupt erst bei uns, weil wir diesbezüglich keinerlei Kompromisse eingehen.“
Kurzer Einwand: Warum dann die Wiederveröffentlichung von MINDDRUGS auf CD? „Ganz einfach: Weil natürlich jeder seine Musik auf dem Medium bekommen soll, das er bevorzugt. Und wenn jemand Vibravoid unbedingt auf CD hören will, bitteschön, ich habe nichts dagegen. Ich selbst würde mir Musik aber immer nur auf Vinyl anhören, für mich existiert kein anderes Medium.“
Also auch keine Downloads? Immerhin ein Medium, das bei jüngeren Konsumenten bereits längst der CD den Rang abgelaufen hat. Meister Koch muss nur ganz kurz überlegen: „Nun, sagen wir es mal so: Was die Leute haben wollen, sollen sie bekommen. Und wenn heute ein 18-Jähriger unbedingt die Black Eyed Peas als Download haben möchte, kann ich nur sagen: Recht so, dann wird für diese künstlerische Umweltverschmutzung wenigstens nicht auch noch kostbarer Rohstoff verschwendet.“ Klare Haltung, klare Ansage, aber kein Streit deswegen. Besserwisserisch ist Koch mitnichten, nur halt überzeugt von seiner Mission.