Titelstory: Van Halen – Die Rock´n´Roll Piraten

Sprich: Du bist zu dem geworden, den man in dir sehen wollte?
Ja, ich war der Showman, der Rockstar, das wilde Tier, der Sexbolzen, das ganze Programm. Nur: Das ist ein Vierteljahrhundert her. Heute bin ich 56 und – um den Albumtitel zu zitieren: Es gibt noch eine andere Wahrheit.

Nämlich?
Ganz einfach: Van Halen war immer eine Insel. Ein Zwischenstopp von einem Ort zum anderen. Und zwar kulturell wie auch musikalisch. Als es bei uns richtig losging, als wir der heiße Scheiß waren, befand sich die Welt auf einem wilden Ritt vom „Studio 54“ und von „Saturday Night Fever“ hin zur Welt der Sex Pistols und der Clash. Was ja keine schlechte Richtung war. Und Van Halen war eine Insel auf diesem Weg, auf der ein großes Schild prangte: „Lasst eure Knarren am Eingang zurück, Jungs.“ (lacht) Das konnte man schon aus weiter Ferne erkennen – weil es ein leuchtendes Schild war.
Dann gab’s noch ein zweites, auf dem es hieß: „Wer es wagt, weiterzugehen…“ – also wie es auf dem Tor zur Hölle steht. Und alles, was du auf unserer Insel angetroffen hast, hatte nichts mit dem zu tun, was gerade populär war. Wir waren nie cool. Wir sind es immer noch nicht. Und wir waren es erst recht nicht in den Neunzigern, als es nach „Teen Spirit“ stank. Trotzdem haben wir einen markanten Sound. Ich kenne nichts, was wie wir klingt – selbst, wenn du dir noch solche Mühe gibst, es zu imitieren.

Und wir haben ja jede Menge Bastarde. Ich will jetzt keine Namen nennen, aber es gibt viele amerikanische Bands, die mehr Platten verkauft haben, die vielleicht auch bessere Sänger, bessere Texte und was auch immer haben. Aber: Es gibt keinen Act in der Geschichte der Rockmusik, der öfter kopiert wurde als wir. Aktuell sind da draußen etwa vier oder fünf Bands, die einen netten Lebensunterhalt mit unserem Sound verdienen. Und warum ist das so? Weil wir viele verschiedene Zielgruppen ansprechen und vertreten. Unsere Musik rekrutiert sich aus vielen unterschiedlichen Lagern – und der Energie und dem Enthusiasmus, der daraus resultiert. Aber: Wir haben nie versucht, hip zu sein. Und selbst, wenn ich diesen Typen von den Rolling Stones imitiere, klingt das immer nach mir. Wobei ich jeden beliebigen Song von uns nehmen und ganz genau sagen könnte: „Da kopieren wir Johnny Cash, da Deep Purple, dort James Brown und da noch Led Zeppelin.“ Wisst ihr, was ihr darauf sagen würdet? „Aber das klingt doch wie ihr.“ Genau das ist das Besondere an Van Halen.

Wobei ihr mit Eddies Sohn Wolfgang einen 20-Jährigen in euren Reihen habt. Welchen Einfluss hat das auf die Bandchemie und die Songs? Für wie viel frischen Wind sorgt er?
Für gar keinen! Mit Van Halen mithalten zu können, ist eine Sache, die jemanden Jahre und Jahre kostet. Und die Musik, die wir spielen, dreht sich um die Brüder und um mich. Wir sind zusammen zur Schule für Orchestrierung und Musiktheorie gegangen, wir haben zusammen an der Musikhochschule studiert und fünf Jahre lang in Bars, Clubs und auf irgendwelchen Partys ge-spielt. Wir haben jeden Song zusammen geschrieben, um die Miete bezahlen zu können. Es ist also eine eingeschworene Gemeinschaft – und allein deshalb ist da auch nicht viel Raum für externe Sachen. Was genauso für die Produktion, das Mixen und alles andere gilt. Wir sind wie ein Zirkuspferd, das nur ein Kabinettsstückchen drauf hat – aber es ist ein richtig tolles Kabinettsstückchen. (lacht) Eines, das alle anderen übertrumpft.

Trotzdem hast du die Band 1985 verlassen, und zwei Comeback-Versuche – 1996 und 2000 – sind gescheitert. Warum sollte es also diesmal klappen? Und wie stabil ist die neue alte Konstellation?
Ich mag das Unbeständige. Ich mag Spannung. Immer, wenn etwas zu angenehm und zu bequem wird, ist es nicht mehr wirklich spannend. Sondern wird zu etwas, das sich mit vorgekochtem Essen vergleichen lässt – mit Comfort food. Und ich mag eher Zusammenstöße. Mit einem möglichst großen Knall. Genauso, wie es die Größen des Jazz gehalten haben. Und im HipHop funktioniert es ähnlich. Es ist einfach nicht gesund, wenn du sagst: „Ja, das ist für immer.“ Denn dann bekommst du eine ganz andere Qualität geliefert, als wenn du sagst: „Ihr werdet alle in den nächsten drei Jahren sterben.“ Stimmt doch, oder? Und was so einen Blödsinn wie „dies ist eine große, glückliche Familie“ betrifft – das passt nicht zu Van Halen. Ich mag eher Konflikt, ich mag Reibung, ich mag Spannung. Und den Druck der Uhr. Wenn du dir zum Beispiel einen Boxkampf ansiehst, dann denken viele Leute, da wären nur zwei Gegner im Ring. Dabei sind es drei – du hast die Uhr vergessen. Die kann beide Boxer schlagen.
Und wenn wir über Spannung und Konflikte reden: Wenn du eine Karriere bewertest, ist das wie bei einem guten Film oder einer große Novelle. Du musst dir drei Fragen stellen: Wonach strebt dein Held – also was muss er tun? Was, wenn ihm das nicht gelingt? Und drittens: Warum gerade jetzt? Lass mich nur die dritte Frage beantworten: Wegen der Uhr! Dies ist eine Band, die hart gelebt und noch härter gearbeitet hat. Mein Arzt meint, bei meinen Rückenproblemen hätte ich schon vor Jahren aufhören sollen. (lacht) Und Van Halen will den Vergleich, den Konkurrenzkampf. In jeder Hinsicht. Wir sind hier nicht für eine Ausstellung. Da ist kein ironisches Blinzeln in unseren Augen, sondern wir meinen es ernst. Wir wissen, wie alt wir sind und dass das unsere letzte Chance sein könnte – und die wollen wir nutzen.

Das heißt, all die Dispute, die Konflikte und die Faustkämpfe sind Schnee von gestern? Seid ihr jetzt die Einheit, die ihr nie wart?
Der ganze pubertäre Scheiß ist Vergangenheit. Und ich kann nur sagen: Wir machen hier kein Fernsehen, wir sind keine Seifenoper, kein Cartoon, sondern ein richtiger Film. Das ist der Grund, warum ich 37 Jahre später immer noch dabei bin. Und das ist der Unterschied: Ein großer Teil des Rock’n’Roll ist zur Parodie seiner selbst geworden. Was uns und unseren Fans das Gefühl gibt, dass wir das Original sind – und dass wir dieses Genre anführen. Denn wir lassen uns von nichts und niemandem vereinnahmen. Nicht von der Rock’n’Roll Hall Of Fame, nicht vom Rolling Stone-Magazine, nicht von den Grammys und auch nicht vom Super Bowl. Ihr werdet uns nie auf dem roten Teppich erleben. Und in einer Welt, wo sich selbst vermeintliche Rebellen verkaufen, bleibt Van Halen nicht nur eine autarke Angelegenheit, sondern eine regelrechte Insel, die an Port Royal im 17. Jahrhundert erinnert. Also eine Piraten-Insel. Und ein wirklich spannender Ort.

Vergleichst du euch jetzt mit Freibeutern?
Warum nicht? Ich meine, was ist überhaupt Kunst? Ganz einfach: Es ist etwas, das dich zum Denken zwingt. Was das Fernsehen definitiv nicht tut. Das will dir allenfalls irgendwelche Produkte verkaufen. Wohingegen dich richtig gute Arbeit dazu bewegt, Fragen zu stellen. Und die Leute stellen meine Arbeit im Van Halen-Kontext genauso in Frage wie die berühmten Suppendosen von Warhol. Wozu ich nur sagen kann: Egal, was ich darüber denke – er hat seinen Job gemacht. Und er hat etwas abgeliefert, das uns auch Dekaden später wunderbar unterhält. Ganz abgesehen, dass es immer noch so viel wert ist, dass er locker seine Miete davon bezahlen könnte – wenn er noch unter uns weilen würde. Was zeigt, wozu richtige Kunst fähig ist.