Titelstory: Van Halen – Die Rock´n´Roll Piraten

Van Halen mit Sammy Hagar

Mit Songs, die sich wieder um Autos, Frauen, Tattoos und ausgelassenen Spaß drehen? Was im krassen Gegensatz zu dem steht, was du in den 90ern über Van Halen gesagt hast – nämlich Songs über Milch trinken, Nissan fahren und verheiratet sein?
(lacht) Es besitzt wieder einen anderen Anspruch. Wobei das Ganze aber nichts von einem Cartoon hat, sondern der Humor ist eher vage. Denn es ist erwachsen – im wahrsten Sinne des Wortes. Die Musik ist zwar auf trügerische Weise simpel, aber du könntest sie nicht mal nachspielen, wenn du noch so erfahren an deinem Instrument wärst.
Und was die Texte betrifft: Auch wenn wir da beispielsweise von Tätowierungen singen, so geht es doch um weitaus mehr als das, was Biker und Party-Leute darunter verstehen. Ich kenne zum Beispiel ein paar Typen, die im ländlichen Bergbaugebiet der Appalachen leben, und die haben ihre Gewerkschaftsnummer auf der Schulter tätowiert – genau wie es ihre Großväter getan haben. Und es ist eine Tatsache, dass sich 75 Prozent aller Leute, die sich heute in den USA tätowieren lassen, Frauen sind. Da ist zum Beispiel Sally, die im Supermarkt arbeitet, und in-dem sie sich ein simples Tattoo machen lässt, verwandelt sie sich von einer grauen Maus in einen heißen Feger – zumindest in ihren Augen. Was reine Psychologie ist. Denn zum ersten Mal zeigt sie ihr wahres Gesicht und so etwas wie Mut. Sie versteckt sich nicht mehr. Solche Sachen verarbeiten wir in den Texten. Wobei es natürlich auch Momente gibt, wo du ganz bewusst nicht darauf achtest, was da gerade gesungen wird. Das geht mir etwa bei der Hälfte der Musik so, die ich so höre. (lacht) Und es ist auch bei uns ganz leicht, das schlichtweg zu ignorieren. Also die tiefere Bedeutung. Denn es ist Musik, die du auch zu anderen Zwecken benutzen kannst. Wie etwa zum Entfernen eines Bikinis oder zur Verbesserung deines sozialen Ansehens. Leute sind dazu in den Krieg gezogen, sie haben ihre Toten zu unserer Musik begraben, sie haben dazu getrauert, was auch immer.

Jetzt hast du die Frage nur halb beantwortet: Fandest du die Texte, die Van Halen unter Sammy Hagar hatten, wirklich so schlimm? Sprich: so banal?
Natürlich – deswegen habe ich das damals gesagt, und deswegen habe ich ja auch versucht, nicht darauf zu antworten. Das war nicht Van Halen, das war Kasperletheater. Also: Es hatte nichts mit dem zu tun, was diese Band ausgemacht hat, sondern es war langweiliger, dröger Scheiß ohne echten Anspruch.

Aber aktuelle Textzeilen wie „if you want to be a monk, you got to cook a lot of rice“ sind doch auch nicht hochtrabend philosophisch, oder?
Aber es ist eine schöne Umschreibung für verdammt harte Arbeit. Also, wenn du ein Mönch sein willst, solltest du dich besser an den Gedanken gewöhnen, dass da eine Menge richtig heftiger Arbeit auf dich zukommt. Und allen jungen Musikern und Bands, die das hier lesen, kann ich nur sagen: Wenn ihr große Philosophen sein wollt, dann reicht es nicht aus, einfach eine beschwerliche Reise zur Spitze irgendeines verdammten Bergs zu unternehmen. Wenn ihr wie Eddie Van Halen spielen wollt, bedeutet das endloses, monotones Üben. Und wenn ihr so performen wollt wie diese Band, müsst ihr das mindestens drei Tage die Woche tun – und zwar vier Monate lang. So, wie wir es für die kommende Tour getan haben. Viele Künstler unseres Kalibers würden dafür sechs Wochen ansetzen. Aber hey, wir kochen schließlich eine Men-ge von diesem verfickten Reis.(lacht)

Wie steht es mit „driving with an Asian model is like Kabala – but it’s for free”?
Auch das muss man natürlich im Kontext sehen. Eben, dass unsere Wahrnehmung von geistiger Arbeit sich primär danach richtet, welches Preisschild daran hängt. Und in Amerika ist es ganz allgemein so: Je teurer eine Sache ist, desto wichtiger erachten wir sie. Was bei Kabbala ja nicht anders ist. Außerdem gibt es einige Künstler, die von dem Produkt profitieren, für das sie stehen. Frank Sinatra hat zum Beispiel für einen Scotch geworben – und ihm zusätzliche Klasse verliehen. Wenn Absolute Vodka heute einen gänzlich unbekannten Act unterstützt, denken wir: „Was für ein großes, einflussreiches Produkt. Das muss wahnsinnig wichtig für je-den Künstler sein, der als halbwegs cool gelten will.“ Da hat sich die Ausrichtung also komplett gewandelt. Nur: Die Qualität einer neuen Religion oder einer geistigen Strömung bewerten wir weiterhin nach ihrem Preisschild. Und von dem, was ich gehört habe, kommt Kabbala mit einem ziemlich fetten. (lacht) Wisst ihr, was ich sage, wenn mich die Kellnerin in einem Café fragt, ob sie mir noch irgendetwas bringen kann? Ich sage: „Ja, ich hätte gerne noch einen Schuss Vergebung.“ Und ich frage mich, ob Kabbala das auch auf der Karte hat. (lacht)

Warum gründest du nicht einfach deine eigene Religion oder Sekte – die Church Of Roth?
Das habe ich längst. Wobei sich zunächst einmal die Frage stellt: Was ist überhaupt Religion? Das kann Fußball sein, eine politische Prämisse oder was auch immer. Und meine Religion – wenn man das so sagen kann – besteht darin, mich in den Augen anderer Menschen wiederzufinden und das in die Musik zu projizieren. In das, was ich als Künstler tue. Und vielleicht auch in meine Freizeitgestaltung.