Titelstory: Van Halen – Die Rock´n´Roll Piraten

Glaubt man David Lee Roth, so sind Van Halen 2012 ein Haufen Rockpiraten, die die Ozeane in Angst und Schrecken versetzen, weder Tod noch Teufel fürchten, sondern plündern und brandschatzen, was das Zeug hält, und damit Ruhm, Ehre und Reichtum einfahren.

Eine romantische Vorstellung. Gerade für eine Band, die schon so viel Schlagseite hatte. Die durch interne Grabenkämpfe, Gesundheitsprobleme und gesteigerte Orientierungslosigkeit glänzte, und deren Zenit längst überschritten schien. Doch weit gefehlt: Mit A DIFFFERENT KIND OF TRUTH, zugleich das Comeback von Diamond Dave, legen die Kalifornier ein grandioses Spätwerk vor, dem man die lange Pause genauso wenig anmerkt wie das fortgeschrittene Alter seiner Protagonisten. CLASSIC ROCK stellte Kapitän Roth zur Rede und stieß auf geballte Lebensweisheit – zwischen jeder Menge Seemannsgarn.

Wobei allein das Zustandekommen dieses Gesprächs extrem abenteuerlich verläuft: Obwohl das Album seit August vollendet ist, lässt sich die Band Zeit bei der Vertragssondierung. Erst Ende 2011 fällt die Entscheidung zuunsten von Interscope und somit gegen Columbia, das Management übernimmt Irving Azoff (u.a. The Eagles) und als Medienevent dient ein Konzert im winzigen New Yorker Café Wah?, Anfang Januar, vor 250 handverlesenen Gästen. Doch dann wird es seltsam: Statt Interviews und Fotosessions zu geben, das Werk zu bemustern und die riesige Nachfrage seitens der internationalen Fachpresse zu stillen, geht das Quartett auf Tauchstation, sagt – sofern sie je bestätigt waren – sämtliche Termine ab und lässt Coverstorys von „Rolling Stone“ bis „Q“ platzen.

Einfach, weil sie diese Form der Selbstdarstellung, die sie seit Mitte der 70er pflegen, nicht mehr interessiert, weil der aktuelle Fokus auf der Musik liegt und weil man nicht mehr an seinen Fehlern und Unzulänglichkeiten der Vergangenheit gemessen werden will. Was angesichts von großartigen Geschichten über wilde Exzesse mit Wein, Weib und Gesang, verwüstete Hotels, Klettertouren in den Himalaja oder den legendären Tour-Rider ohne braune M&Ms schwer fällt. Doch der 56-Jährige, der sich Ende Januar plötzlich eines Besseren besinnt und spontan zum Telefon greift, macht eindeutig klar, dass solche Eskapaden der Vergangenheit angehören und man sich nun auf einem anderen Level bewegt – einem erschreckend erwachsenen…

David, was ist das für ein Gefühl, erstmals seit „1984“ wieder ein Album mit Van Halen zu veröffentlichen?
Oh, da hat sich nichts verändert. Es ist, als ob man Benzin für ein Rennauto mixt – irgendwann findet man die richtige Mischung, künstlerisch wie spirituell. Und jetzt, da wir viele unterschiedliche Jobs außerhalb der Band hatten und auch ein paar medizinische Zwischenfälle, wissen wir das Ganze viel mehr zu schätzen. Bei mir ist es definitiv so, dass ich heute einige Sachen liebe, die ich früher gehasst habe. Wie etwa ins Studio zu gehen – weil ich das wie einen Schultest empfand. Eben als etwas, das meine Schwächen und Unzulänglichkeiten offenbart, die ich nicht gerne zugegeben habe.
Aber mittlerweile werde ich für meine Unzulänglichkeiten verehrt. Ich bin wie deine Lieblingslederjacke, die alles andere als neu ist. Und je öfter sie getragen wurde, desto wertvoller ist sie in unserer heutigen Kultur. Was absurd ist, aber es ist einfach so. Und meine Stimme klingt wie vier platte Reifen auf einer matschigen Straße. Also wie jeder Zentimeter, den ich spirituell zurückgelegt habe. Und das lässt sich nicht kaufen, sondern das musst du leben – Minute für Minute, in Echtzeit. Alle Menschen, die ich auf dieser Reise getroffen habe, sind Teil meiner Stimme und meiner Texte.
Was auch für das gilt, was die Van Halens spielen. Und was bedeutet, dass da mehr Tiefe ist. Da herrscht mehr Schwere, und das Lächeln ist das von Piraten. Insofern würde ich sagen: Wir haben unserer Sterblichkeit ins Auge gesehen – und sind mit einem Album zurückgekehrt.

Das klingt, als wäret ihr als Menschen wie Musiker wer weiß wie erwachsen – und ganz woanders als in den 70ern und 80ern?
Stimmt! Man kann ja nicht ewig so weiter machen wie mit 20 oder 30. Ganz abgesehen davon, dass es da eine dünne Trennlinie zwischen pubertärer Wut und toller Arbeit gibt. Und: Wir haben immer noch Wut. (lacht)

Was pures Understatement ist – ihr klingt wie auf den ersten drei Alben. Ein bewusster Schritt zurück?
Lass es mich so sagen: Im Theater gibt es einen Ausdruck namens „off book“. Was nichts anderes bedeutet, als dass du das Skript nicht mehr brauchst – weil du es soweit verinnerlicht hast, dass es zu einem Teil von dir geworden ist und du es nur noch mit emotionalem Inhalt füllen musst. Genauso haben wir es mit den Songs dieses Albums gemacht. Ich war exakt 42 Mal in Eddies Studio, um mit ihnen zu proben, damit wir die neuen Sachen „off book“ hinkriegen. Also bis zu dem Grad, da die Texte sitzen, jeder den Refrain und den kompletten Song kennt, und wir das so hinkriegen wie eine neue Band, die da raus in einen Club geht, um ein Publikum für sich zu erobern. Denn der Grund, warum die ersten Alben vieler Künstler so superb sind und sie dann einen langsamen Abstieg erleben, ist doch, dass sie beim Debüt „off book“ waren. Danach haben sie angefangen, die Texte und die Songs während der Aufnahmen im Studio zu schreiben, und sie dann einfach abzulesen. Was man hört – gerade beim Gesang. Bei uns war alles fertig, ehe wir ins Studio gingen – aber nicht anders.

Denn das Studio als Einrichtung zu nutzen … da gibt es nur wenige, die das wirklich beherrschen. Wie etwa U2. Ich habe mal eine Dokumentation gesehen, wie sie da reingehen, mit den vorhandenen Möglichkeiten experimentieren und dabei ihre Musik kreieren. Was sehr verlockend ist. Aber: Van Halen machen es genau umgekehrt. Wir proben mehrere Hundert Stunden, bis es Shakespeare ist. Und wenn du Shakespeare machst, denkst du nicht an das Morgen, sondern nur ans Hier und Jetzt. Vor allem, wenn du auch noch jemandem Geld da-für abknöpfst, dass er sich hinsetzt und sich das anhört. (lacht)

Und was unseren Anspruch im Studio betrifft, so würde ich sagen: Wie bei Motown. Also: Kannst du den Song von Anfang bis Ende ohne Pro-Tools oder sonstige technische Tricks spielen? Kannst du das so singen, wie es sein sollte? Oder klingt es irgendwie künstlich und falsch? Und das als Band im Studio zu machen, ist etwas, das viele gar nicht mehr hinkriegen. Während es für uns eine Rückkehr war. Eben zu dem, wo wir mal waren, was wir mal gut hingekriegt haben, und was auch jetzt kein Problem ist. Eben: Was du da hörst, ist live im Studio, und genau so klingt es auch auf der Bühne.