Titelstory: The Doors – Jim Morrisons letzte Stunden

DIE AKTE M

Im Sommer 1971 starb in Paris eine der schillerndsten Figuren der klassischen Rockära: Jim Morrison. Doch der Tod des Doors-Sängers gibt bis heute Rätsel auf – die Aussagen sind widersprüchlich, manch wichtige Zeugen schon lange tot. Was geschah tatsächlich in dieser warmen Julinacht in Frankreichs Hauptstadt? Neue Aussagen scheinen eine der zahlreichen Theorien zu untermauern.

The Doors @ Gloria Stavers (Promo)Dass Jim Morrison a) noch lebt oder b) von der C.I.A. erschossen wurde, dürfte mehr als 40 Jahre nach seinem Tod wohl beides auszuschließen sein. Das ist aber auch so ziemlich das Einzige, das mit Sicherheit behauptet werden kann. Denn die Aussagen der Zeitzeugen differieren: manchmal nur im Detail, bisweilen aber auch grundsätzlich. Die angeblich ganze Wahrheit zu verkünden, wäre also reichlich vermessen. Aber neue Quellen bringen tatsächlich ein bisschen mehr Licht ins Dunkel jener Nacht, in der James Douglas Morrison fern der Heimat starb.


I. ABSCHIED VON LOS ANGELES

Jim Morrison, vor zwei, drei Jahren noch der Posterboy der Rock-Gemeinde, verspürt wenig Lust, sich zu rechtfertigen: „Was ist daran so schlimm, fett zu sein?“, fragt er den Reporter der „Village Voice“, der ihn (wenig galant) auf sein Gewicht anspricht. „Fettsein ist schön. Ich fühle mich großartig dabei. Wie ein Panzer, ein riesiges Tier, eine gigantische Bestie. Wenn ich durch die Korridore oder über den Rasen wandle, habe ich das Gefühl, dass ich wirklich jeden aus dem Weg räumen könnte. Spindeldürr zu sein ist schrecklich – schon ein leichter Windstoß könnte einen umwerfen.“

Jim Morrison bringen nicht einmal die Drinks ins Wanken, die er während des Interviews in sich reinkippt. Nach einigen „Screwdrivers“ erzählt er seinem Gegenüber, was es braucht, um in den Zirkel seiner engeren Bekannten aufgenommen zu werden: „Du musst in aller Öffentlichkeit abstürzen und dich zum Idioten machen. Oder du musst in sieben Nachtclubs Hausverbot haben. Das ist die irische Variante. Meistens hänge ich mit Iren ab. Und mit Italienern.“ Morrison fordert den verdutzten Reporter zum Armdrücken heraus.

Drei Monate später. Jim Morrison steht unter Druck. 50.000 Dollar Kaution hat es gekostet, nach dem Vorfall von Miami und der rechtskräftigen Verurteilung auf freiem Fuß zu bleiben. Im März 1969 hat sich Morrison während eines Auftritts im „Dinner Key Auditorium“ angeblich der „Anstiftung zum Aufruhr“ schuldig gemacht, ferner der „öffentlichen Trunkenheit“, „vulgärer Sprache“ und – was am schwersten wog – der „unzüchtigen Entblößung“. Die kann zwar nicht bewiesen werden, doch das Gericht hat die von der Staatsanwaltschaft geforderte Höchststrafe verhängt (und diese jetzt, über 40 Jahre später, offiziell zurückgenommen). Und die beläuft sich auf insgesamt sechs Monate „harter Arbeit“ im Dade County Jail plus einer weiteren Bewährungsstrafe von zwei Jahren. Max Fink, Morrisons Anwalt, ist besorgt. Sollte die Justiz zugreifen, würde der Pass seines Klienten sofort konfisziert. Ein taktischer Rückzug aus den USA scheint sinnvoll.

Morrisons Gefährtin Pamela Courson weilt bereits seit einigen Monaten außer Landes. In Paris lebt sie mittlerweile beim Grafen Jean de Breteuil, einem wohlhabenden Gesellschaftslöwen. Der hat eine Vorliebe für Blondinen und ist zudem berüchtigt für seinen Hang, Frauen zu verprügeln und maßlos Heroin zu konsumieren. Pamela lernt den Grafen in Marokko kennen, wo sie für ihre Boutique „Themis“ in North Cienega Kleider einkauft. Morrison finanziert „Themis“ mit seinen Tantiemen. Doch obwohl er bisweilen etwas linkisch in Pamelas auffälligen Hippie-Klamotten posiert, hat er für die Leute in ihrem Boutiquen-Umfeld wenig übrig. Im Song ›Love Street‹ singt er: „She has robes and she has monkeys, lazy diamond-studded flunkeys“, doch in Morrisons Originalversion endet der Reim mit „Junkies“.

Und genau das ist Pamela mittlerweile ja auch. Weihnachten 1970 kehrt sie zu Jim zurück, doch im Februar 1971 fliegt sie erneut nach Paris, um ihre Beziehung mit de Breteuil aufzufrischen. Auch Morrison denkt inzwischen laut darüber nach, in Frankreich einen Neustart zu wagen. Er ist der Rolle des Rockstars müde und will ihr entkommen. Pamela ist längst auf Heroin, Kettenraucher Jim schnupft immer mehr Kokain und kann noch dazu nicht mehr von harten Spirituosen lassen.

Anlässlich der Eröffnung eines neuen Studios feiert die Plattenfirma Elektra am 3. März 1971 eine Party, zu der auch die Doors geladen sind. Elektra-Boss Jac Holzman erinnert sich: „Jim war ungewöhnlich still. Ein Hauch von Abschied lag in der Luft.“ Die ausgelassene Partygesellschaft wechselt ins Blue Boar Restaurant, doch Morrison ist „nur zur Hälfte da“, wie Holzman anmerkt. „Als ich ging, sagte ich ihm auf Wiedersehen, immerhin hatten wir Jahre des gemeinsamen Rock’n’Roll-Wahnsinns hinter uns. Wir umarmten uns, dann drehte er sich ein wenig linkisch um und ging.“ Paul Rothchild, der ehemalige Produzent der Doors, erinnert sich an ein Vorkommnis, das sich nur wenige Tage später ereignete: „Ich war im Büro, hörte die Tür und sah, wie dieser dicke Mann eintrat. Ich erkannte ihn nicht. Er tippte mir auf die Schulter, ich drehte mich zu ihm herum und dachte, dieser Typ sieht ja aus wie Orson Welles’ Sohn. Er sagte: ‚Hi, Paul!‘, und ich dachte: ‚Heilige Scheiße! Ist das etwa Jim?‘“
Am Vorabend seines Abfluges nach Paris fährt Morrison mit ein paar Freunden zum Flughafen. Er knallt sich jedoch dermaßen zu, dass er den Flug verpasst und erst am nächsten Tag einchecken kann. Morrison fliegt in der „Diplomatenklasse“ der Trans World Airlines. In Paris angekommen, zieht er mit Pamela ins berühmte Hotel Georges V, das nach Morrisons Einschätzung aussieht wie ein „plüschig-rotes Hurenhaus“.