Titelstory: Nirvana – Das letzte Jahr der Grunge-Legende

Das letzte Jahr der Grunge-Pioniere Nirvana ist gezeichnet von der körperlichen und seelischen Leidensgeschichte ihres Frontmanns Kurt Cobain, der an seinem Ruhm und der Welt als Ganzem zerbricht. Eine Schrotflinte beendet schließlich am 5. April 1994 nicht nur das Leben eines genialen Musikers, sondern auch die Existenz einer Band, die mit ihrem dritten Album IN UTERO gerade erst ein außergewöhnliches künstlerisches Zeichen gesetzt hatte.

Im Jahr 1993 sind Nirvana die größte Rockband Amerikas. Sie sprechen einer desillusionierten „Slacker“-Generation aus dem Herzen, die sich als Gegenentwurf zu einer von der konservativen Reagan-Ära gezeichneten Gesellschaft versteht. Sie sind die geistigen Anführer einer entfremdeten und frustrierten Jugend. Sie sind vom Underground kometenhaft in den Mainstream emporgestiegen. Sie haben den Grunge hoffähig gemacht, dessen Mix aus Punk und Metal Anfang der 90er als die Vitaminspritze bzw. der Tritt in die Weichteile fungiert, die die Rockmusik so dringend benötigt. Sie haben mit NEVERMIND zwei Jahre zuvor die Spitzenposition der US-Billboard-Charts erklommen und damit keinen Geringeren als Michael Jackson vom Thron gestoßen. Und vor der Veröffentlichung ihres dritten Studioalbums IN UTERO hält die Musikwelt förmlich den Atem an: Haben Kurt Cobain, Krist Novoselic und Dave Grohl nun ihre Seelen an den MTV-Mainstream verkauft? Oder haben sie ihren ursprünglichen Punk-Geist bewahrt?

Die Antwort erscheint am 13. September 1993 und ist eindeutig: Nirvana bleiben Nirvana, indem sie sich nicht darum scheren, welches Album sie – im Sinne bestmöglicher Eigenvermarktung – hätten machen sollen. Im Gegenteil: Nirvana wollen jene „Mode-Hörer“ loswerden, die sie mit NEVERMIND und vor allem ihrem unerwarteten Smash-Hit ›Smells Like Teen Spirit‹ gewonnen haben. „Das ist eine der positivsten Sachen beim neuen Album“, sagt Cobain damals. „Ich weiß, dass wir diese ganzen Randmillionen nicht mehr haben werden, die die Musik nicht genießen, sondern unsere Band nur aus einem einzigen Grund hören: Um dazu zu ficken.“

Und er weiß, dass das neue Album nicht annähernd so viele Einheiten verkaufen wird wie der Vorgänger. IN UTERO ist ein geplanter kommerzieller Rückschritt der Grunge-Ikonen wider Willen. Der künstlerische Ausdruck einer Band, die sich mit dem, was sie im popkulturellen Zeitgeist geworden ist, nicht wohl fühlt. Ein Album, das die Spreu vom Weizen trennen soll. Und es ist die Spreu, die Nirvana behalten wollen.

Auch wenn die verbliebenen beiden Nirvana-Mitglieder Novoselic und Grohl über 20 Jahre nach NEVERMIND ihren Frieden mit diesem Album finden werden, zeigt die Veröffentlichung von IN UTERO, dass der Vorgänger, der mit etwa 30 Millionen verkauften Einheiten zu einem der erfolgreichsten Alben der Musikgeschichte avanciert ist, wie ein ungeliebtes Kind für Cobain und Co. war, das sie am liebsten ins Waisenheim gesteckt hätten. Weil es sie daran erinnerte, dass sie zur Gallionsfigur eines Systems geworden waren, gegen das sie sich eigentlich hatten auflehnen wollen. „Wir waren soziale Außenseiter und wurden plötzlich zu dieser riesigen Band“, erinnert sich Novoselic. Klar, dass sich das Schuldgefühl, die eigenen Werte verraten zu haben, auf dieses Album projizierte, das Cobain im Nachhinein als zu glatt und eindimensional bezeichnet. Er, der lebenslange Außenseiter, der nie wirklich in die Gesellschaft gepasst hat – ein internationaler Rockstar? DER internationale Rockstar?! Zu dessen Fans nun plötzlich jene zählten, von denen er sich von jeher abzusetzen versucht hat?

Im letzten Jahr der Jahrhundert-Band Nirvana wird klar: Der Mainstream-Erfolg von NEVERMIND hat die drei Musiker und vor allem den labilen Cobain nicht beflügelt, sondern irritiert. „Das alles war erschreckend und hat mir Angst gemacht“, sagt der manisch-depressive Sänger ein Dreivierteljahr vor seinem (Frei-)Tod, der im April 1994 die Musikwelt erschüttern wird. Mehrmals will er zwischen NEVERMIND und IN UTERO die Band auflösen, weil er den Erfolg und das Rampenlicht instinktiv verabscheut. Obwohl er, wie er selbst sagt, von jeher davon geträumt hat, ein kommerzieller Künstler zu werden – der ewige Widerspruch seines Lebens.

„Er hatte ein großes Problem damit, im Rampenlicht zu stehen, und gleichzeitig rannte er so schnell er konnte darauf zu“, beschreibt Cobain-Biograf und Musikjournalist Charles Cross die Zerrissenheit des sensiblen Nirvana-Frontmanns. Gespalten zwischen Narzissmus und Welthass, Genuss und Abscheu seiner eigenen Prominenz, trudelt Cobain im letzten Jahr seines Lebens und somit dem letzten Jahr Nirvanas immer tiefer in einen Schlund aus Verzweiflung, Drogen und Schmerz, den seine Ehe mit Hole-Sängerin Courtney Love und die Geburt ihrer beider Tochter Frances Bean Cobain zwar mildern, aber nie vollständig umkehren können. Immerhin: Mit IN UTERO und vor allem dessen Sound ist die von psychischem wie physischem Schmerz zerfressene Grunge-Ikone happy – endlich hätten sie es geschafft, das zu vertonen, was er von jeher in seinem Kopf gehört habe, sagt er.

So zufrieden das Trio mit seiner Rückkehr zu einem raueren und natürlicheren Sound ist, für den man als Produzent den Ex-Black-Flag-Sänger Steve Albini an Bord geholt hat (um dessen Indie-Kredibilität für den angestrebten Image-Wechsel zu nutzen, wie von einigen Seiten gemunkelt wird?), so unzufrieden zeigt sich mit dem Ergebnis zunächst ihr Label DGC (ein Sublabel von Geffen-Records), dessen Vertreter bewusst komplett vom Aufnahmeprozess ausgeschlossen wurden. Als das Label das fertige Album endlich zu hören bekommt, fallen Worte wie „unhörbar“ – man bezweifelt, dass das Mainstream-Radio Albinis rauen Sound spielen würde.