Titelstory: The Who – Die erstaunliche Reise zur Erkenntnis (und TOMMY)

Die Suche nach Erleuchtung wird es immer geben

Vor 45 Jahren begannen The Who mit den Aufnahmen zu ihrem bahnbrechenden Album TOMMY, das bei seiner Veröffentlichung im Sommer 1969 als erste Rockoper in die Geschichte einging. Nun erscheint das bis heute kontrovers diskutierte vierte Werk der Engländer als erweiterte Deluxe-Edition mit einem mitreißenden „Live Bootleg“-Mitschnitt einer kompletten TOMMY-Aufführung im kanadischen Ottawa aus dem Jahre 1969 als Bonus. Die Super-Deluxe-Variante offeriert zudem das Originalalbum im 5.1-Surround-Sound auf Blu-ray und eine weitere CD mit rustikalen, aber aufschlussreichen Heimdemos der TOMMY-Songs von Gitarrist und Songwriter Pete Townshend. Eigentlich wollte die Band die Wiederveröffentlichung nicht groß kommentieren, doch nachdem zunächst alle Interviewgesuche abgelehnt worden waren, stand uns Sänger Roger Daltrey ganz knapp vor Drucklegung dieser CLASSIC ROCK-Ausgabe doch noch für ein spontanes Gespräch zur Verfügung.

Roger, wie hast du dich 1968, vor Beginn der Aufnahmen zu TOMMY, als Sänger von The Who gefühlt?
Bevor wir die Arbeit an TOMMY begannen, hatte ich Probleme, eine eigenständige Stimme für The Who zu finden. Nach ›My Generation‹ war ich gewissermaßen aus der Band geworfen worden, genauer gesagt, ich war auf Bewährung. Wir nahmen Sachen wie ›Happy Jack‹, ›Pictures Of Lily‹ oder ›I’m A Boy‹ auf, und ich hatte aufgrund ihrer Struktur und der Tatsache, dass sie sehr, sehr poppig waren, ehrlich gesagt Probleme, den richtige Gesangsstil dafür zu finden. Schließlich war ich wenn überhaupt ein Blues-Sänger. Ich war ganz versessen darauf, diese Phase hinter mir zu lassen! ›I Can See For Miles‹ hatte schon ein wenig geholfen, doch erst mit TOMMY gelang es mir, eine wirklich eigene Stimme für The Who zu finden.

TOMMY war für dich also eine Herausforderung zur richtigen Zeit? Kein Muffensausen, dass die damals ja noch neue Idee einer Rockoper nach hinten losgehen könnte?
Wir haben Petes neue Ideen immer unterstützt. In dieser Hinsicht hat es nie Konflikte gegeben. Das war auch schon bei der Minioper auf A QUICK ONE oder experimentellen Stücken wie ›Rael‹ so gewesen. Wir waren stets dafür zu begeistern, etwas komplett Neues auszuprobieren. Kreative Spannungen hatten wir eigentlich nie. Im Gegenteil: Die Aufnahmen zu TOMMY haben eine Menge Spaß gemacht. Für gewöhnlich brachte Pete eine Demoaufnahme mit, die zumeist sehr roh und ursprünglich war. Oft bestand sie nicht aus viel mehr als einer dünnen Stimme und ein bisschen Gitarre oder Klavier. Zusammen haben wir dann darauf aufgebaut. Meinen Beitrag habe ich vor allem geleistet, wenn wir uns ums Klavier versammelt haben, um die Harmonien festzulegen. John Entwistle schrieb die Songs für Uncle Ernie, und Keith Moons Idee war es, Tommy am Ende in ein Feriencamp zu verfrachten. Das wird ja gerne vergessen! Der ganze Prozess war eine helle Freude, alles war so spontan – es war wundervoll!

Trotzdem war zumindest Pete noch Jahre später nicht besonders gut auf euren zum Produzenten avancierten Manager Kit Lambert zu sprechen.
Kit Lambert wird gerne kritisiert, weil er angeblich kein guter Produzent gewesen ist. Richtig ist, dass er katastrophale Fehler gemacht hat, daran gibt es nichts zu deuteln. Aber hör dir nur mal ›Pinball Wizard‹ an das ist ein absolutes Meisterwerk! Das ist wohl der Preis, den man dafür bezahlt, mit Genies zusammenzuarbeiten.

Apropos ›Pinball Wizard‹ in der ursprünglichen Fassung der Story war Tommy zunächst gar kein Flipperkönig…
Die ursprüngliche Idee war, aufzuzeigen, wie man das Leben erlebt, wenn man blind, taub und stumm ist und sich nur durch verschiedene Vibrationen zurecht f inden kann. Für mich war TOMMY deshalb schon immer mehr eine innerliche Reise denn eine nach außen gewandte Geschichte. Es geht darum, zum Kern des menschlichen Geistes vorzudringen. Das war ein Punkt, an dem ich einige Probleme sah. In ihrer physikalischen Form, als Platte und später als Film, war die Story natürlich nach außen gewandt, während die Texte auf eine innere Reise verwiesen. Bei den Dreharbeiten zum Film wurde mir besonders bewusst, wie schwer es für die Zuschauer sein musste, den durch äußerliche Bilder vermittelten inneren Aspekt zu begreifen. Ken Russell war vermutlich der Einzige, der dieser Aufgabe gewachsen war. Er war als Regisseur des Films absolut perfekt.

Mit dem Flipperaspekt wurde der Fokus dann etwas verlagert, weg von der spirituellen Suche.
Das sehe ich nicht so. Für mich ist das nur eine Metapher für all die Dinge, die uns von unserer spirituellen Suche abhalten. Das lässt sich auch gut auf die heutige Zeit übertragen: Wie sollen die Menschen sich denn spirituell finden, wenn sie 24 Stunden am Tag auf ihre iPhones starren?

Du hast es gerade angedeutet: Viele der Themen von TOMMY sind heute genauso aktuell wie damals. Überrascht dich das?
Nein. Der Aspekt der Spiritualität wird immer zeitlos bleiben. Egal, zu welcher Zeit die Reise ins Innere, die Suche nach Erleuchtung wird es immer geben.

Wann wurde dir klar, dass TOMMY nicht nur ein Album war, mit dem Pete seine eigene Kindheit und Jugend reflektiert hat, sondern in der Tat der Spiegel einer ganzen Generation, wie es später gerne bezeichnet wurde?
Das passierte, sobald wir begannen, die Platte live zu spielen, obwohl wir einige Stücke auf der Bühne stets ausgelassen haben. Die ›Underture‹ zum Beispiel war von Anfang an nur Füllwerk, weil alle vier Albumseiten rund 20 Minuten lang sein sollten, um den besten Sound zu erzielen. Wir brauchten noch eine weitere Nummer, und so entstand die ›Underture‹ überhaupt erst. Letztlich ist sie ja nicht mehr als ein Aufguss von ›Sparks‹. Die Reaktionen des Publikums zeigten uns allerdings schnell, dass TOMMY etwas Besonderes war. Das lag womöglich nicht zuletzt auch daran, dass wir den Zuschauern keine Atempause gönnten. Sobald wir im Programm zu TOMMY kamen, ließen wir den Menschen noch nicht einmal die Chance, zwischendurch zu applaudieren, was damals beispiellos war. Zu der Zeit war es ja noch üblich, nach jeder Nummer höflich einen Diener zu machen (lacht). Wir dagegen haben uns einfach durch das komplette Werk gewalzt, und als wir dann mit ›Listening To You‹ das Ende erreichten, waren die Reaktionen einfach unbeschreiblich. Praktisch über Nacht hatten wir wirklich plötzlich ein Publikum, das genau das von uns sehen wollte.

Trotzdem gab es nach 1969/70 außer einem kurzzeitigen Comeback im Jahre 1989 keine weiteren TOMMY-Konzerte von The Who mehr. Vor zwei Jahren hast du die Platte dann allerdings erstmals als Solist auf die Bühne gebracht. Hat sich deine Sicht auf die Platte in der Rückschau in irgendeiner Form verändert?
Nein! Allerdings war es jetzt noch eine viel größere Freude, TOMMY zu spielen, als damals in den 60ern. Ich habe die Vorlage wie ein Stück klassische Musik behandelt. Wir haben sie Note für Note und inklusive aller Harmonien gespielt, als sei es eine Arbeit von Mozart! TOMMY ist ein magisches Werk, daran besteht für mich kein Zweifel.

Mit dem Album habt ihr den Weg für viele oft weniger talentierte Künstler frei gemacht, sich konzeptionell auszutoben…
Ich würde eher sagen: Wir haben ein Fenster für das Potenzial geöffnet, das Musik erreichen kann. Das war uns damals natürlich nicht bewusst. Wir waren so mit der Arbeit beschäftigt, dass wir das nicht wie Außenstehende betrachten konnten. Das gelang erst mit der Zeit, im Rückblick. Allerdings fühlt sich das Ganze selbst heute immer noch wie ein Traum an – fast so, als hätte jemand anders das alles getan (lacht)!